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aus Wikipedia
Amsterdam
Amsterdam (niederländisch ) ist die Hauptstadt der Niederlande und hat 743.411 Einwohner (Stand 1. Januar 2007), als Agglomeration Groot-Amsterdam ca. 1,5 Mio. (2007). Im Großraum Amsterdam (nördlicher Teil des Verdichtungsraumes Randstad) leben ca. 2,5 Mio. Menschen (2007). Sitz der Regierung ist jedoch das 50 km entfernte Den Haag. Amsterdam liegt in der Provinz Noord-Holland, an der Mündung der Amstel und des IJ in das IJsselmeer. Amsterdam ist durch den Noordzeekanaal mit der Nordsee verbunden, mit einem Damm gegen Überschwemmungen geschützt und von zahlreichen Grachten durchzogen. Amsterdam wurde auf etwa 5 Millionen Tannenstämmen erbaut.

Stadtteile

Im Zentrum der Stadt:
  • Innenstadt (Zentrum, mit Jordaan und Oostelijke eilanden)
Im Westen der Stadt:
  • Westerpark (Spaarndammerbuurt, Staatsliedenbuurt, Frederik Hendrikbuurt)
  • Amsterdam Oud-West (Helmersbuurt, Kinkerbuurt)
  • De Baarsjes
  • Bos en
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Amsterdam (niederländisch ) ist die Hauptstadt der Niederlande und hat 743.411 Einwohner (Stand 1. Januar 2007), als Agglomeration Groot-Amsterdam ca. 1,5 Mio. (2007). Im Großraum Amsterdam (nördlicher Teil des Verdichtungsraumes Randstad) leben ca. 2,5 Mio. Menschen (2007). Sitz der Regierung ist jedoch das 50 km entfernte Den Haag. Amsterdam liegt in der Provinz Noord-Holland, an der Mündung der Amstel und des IJ in das IJsselmeer. Amsterdam ist durch den Noordzeekanaal mit der Nordsee verbunden, mit einem Damm gegen Überschwemmungen geschützt und von zahlreichen Grachten durchzogen. Amsterdam wurde auf etwa 5 Millionen Tannenstämmen erbaut.

Stadtteile

Im Zentrum der Stadt:
  • Innenstadt (Zentrum, mit Jordaan und Oostelijke eilanden)
Im Westen der Stadt:
  • Westerpark (Spaarndammerbuurt, Staatsliedenbuurt, Frederik Hendrikbuurt)
  • Amsterdam Oud-West (Helmersbuurt, Kinkerbuurt)
  • De Baarsjes
  • Bos en Lommer (mit dem Dorf Sloterdijk)
  • Geuzenveld-Slotermeer
  • Osdorp (Osdorp, MAP)
  • Slotervaart (Overtoomse Veld, Nieuw-Sloten)
  • Westpoort (Westliches Hafengebiet, Betriebsgelände Sloterdijk, Teleport, Ruigoord)
Im Süden der Stadt:
  • Oud-Zuid (Zuid, De Pijp, Hoofddorppleinbuurt)
  • ZuiderAmstel (Rivierenbuurt, Buitenveldert, Prinses Irenebuurt)
Im Osten der Stadt:
  • Oost-Watergraafsmeer
  • Zeeburg (Indische buurt, Östliches Hafengebiet, IJburg)
Im Norden der Stadt:
  • Amsterdam Noord (mit den Dörfern Durgerdam, Zunderdorp, Ransdorp, Holysloot)
Im Südosten der Stadt:
  • Zuidoost (Bijlmer, Gaasperdam, Bullewijk, Driemond)

Geschichte

? Hauptartikel: Geschichte Amsterdams

Namensgeschichte

Der Name der Stadt leitet sich von einem im 13. Jahrhundert errichteten Damm mit Schleuse im Fluss Amstel ab. Die Abdeichung von Flussmündungen wurde nötig, um die durch Sturmfluten gefährdete Küstenlinie zu verkürzen. Zu solchen Deichen gehörten Schleusen, um das Flusswasser hindurchzulassen und die Schifffahrt nicht zu behindern. Der in die Amstel gelegte Damm verband die zuvor auf beiden Seiten entstandenen Siedlungskerne, die noch heute als Oude Zijde und Nieuwe Zijde (alte und neue Seite) bezeichnet werden. An der Stelle des Amstel-Damms entstand im Laufe des Mittelalters ein städtischer Platz, der noch heute den Namen Dam trägt und den Mittelpunkt der Stadt darstellt.

Bedeutung des Wappens

Das Stadtwappen von Amsterdam besteht aus drei vertikal angeordneten Andreaskreuzen, nahezu identisch der Stadtflagge, auf der die Kreuze jedoch liegend angeordnet sind. Die genaue Bedeutung des Wappens ist unbekannt. Es bestehen aber verschiedene Theorien, die von Historikern als plausibel erachtet werden, bisher jedoch nicht weiter belegt werden können. Die zwei vorherrschenden Theorien sind:
  • Die drei Kreuze symbolisieren die drei Plagen Flut, Feuer und Pest, die Amsterdam bedrohten
  • Die Kreuze dienten der Identifikation von Furten an alten Handelsrouten. Auch die Wappen umliegender Städte weisen eine ähnliche Anordnung von Kreuzen auf: das Wappen von Amstelveen zählt vier, das von Ouder-Amstel fünf Andreaskreuze.
Das Wappen ist in der Stadt allgegenwärtig, da es nicht nur die in Amsterdam typischen Poller (Amsterdammertjes) ziert, sondern auch Gullideckel, öffentliche Gebäude und viele Logos. Siehe auch: Flagge Amsterdams

Amsterdam ab dem Mittelalter

Bis in das 12. Jahrhundert war die heutige Provinz Holland zum größten Teil schlecht besiedelbar. Es handelte sich um ein sehr feuchtes Gebiet, hauptsächlich aus Moor und Sumpfland. Diese Landschaft wurde von mehreren Flüssen durchschnitten. Einer dieser Flüsse war die Amstel, die in das IJ mündete. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts entstand rund um einen Damm im Fluss eine kleine Siedlung. Nach archäologischen Ausgrabungen erweist sich das alte Kinderlied Amsterdam, die schöne Stadt, ist gebaut auf Pfählen als durchaus richtig: Tatsächlich konnten nur mit Hilfe unzähliger Pfähle als Untergrund Häuser und Straßen im Sumpfland gebaut werden. Dem Damm in der Amstel verdankt die Stadt Amsterdam ihren Namen. Heute ist der Damm noch immer existent; inzwischen wurde er zu einem Platz umfunktioniert, dem Dam. Anfang des 13. Jahrhunderts wurden Amsterdam vom damaligen Landesherrn Stadtrechte verliehen. Im Jahre 1369 wurde Amsterdam Mitglied der Hanse. Der Fischfang, anfangs die bedeutendste Erwerbsquelle, wich allmählich dem Handel. Die Einverleibung Portugals durch Spanien im Jahr 1580 zwang die nördlichen Niederlande dazu, selbst nach Indien zu fahren. Die ersten Fahrten wurden von Amsterdam aus unternommen und gleich zu einem gigantischen Erfolg. Angeregt durch dieses Ergebnis, wurden bald überall im Land Pläne geschmiedet, Schiffe nach Indien zu schicken. Aus all diesen Einzelinitiativen entstand 1602 die Vereenigde Oost-Indische Compagnie (VOC). Die Stadt alleine zeichnete mehr als die Hälfte des gesamten Kapitals, das in das neue Unternehmen investiert wurde. Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts war Amsterdam die wohlhabendste Stadt Europas. In ihren Häfen und Lagerhäusern stapelten sich Gewürze, Seide und andere Kostbarkeiten aus Indien und dem Pazifikraum. Im Jahr 1672 gerieten die mächtigen Niederlande gleichzeitig in einen Krieg mit Frankreich und England. Dadurch wurde der Hafen Amsterdams unerreichbar für die Handelsflotte mit Waren aus Indien. Zum Ende des Jahrhunderts endete auch die Periode der größten Blüte. Die wirtschaftlichen Strukturen änderten sich; Amsterdam verlor seine Stellung als Umschlaghafen für den Welthandel. Gleichzeitig aber wurde der Geldmarkt immer wichtiger. Amsterdam schaffte es, zum finanziellen Zentrum der Welt zu werden, als Bankier für die europäischen Fürsten, die mit geliehenem Geld ihre kostspieligen Kriege führten. Bei seiner Ernennung zum König von Holland am 23. Juni 1806 erklärte Louis Bonaparte die Stadt Amsterdam zu seiner Hauptstadt. Dies konnte jedoch nicht verhindern, dass Amsterdam in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts allmählich zu einer ?toten? und verarmten Stadt wurde. Einen neuen Aufschwung erlebte die Stadt erst, als 1876 der Noordzeekanaal eröffnet wurde, der Amsterdam eine Verbindung zur Nordsee und damit mit England und den Vereinigten Staaten verschaffte. Erneut wurde Amsterdam Mittelpunkt des kulturellen und wissenschaftlichen Lebens, obgleich es ökonomisch allmählich, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, von Rotterdam überflügelt wurde. Unzählige jahrhundertealte Denkmäler zieren den Stadtkern. Fast 7000 Kaufmanns- und Lagerhäuser sowie beinahe 1300 Brücken aus dem sechzehnten, siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert zeugen von diesem Goldenen Zeitalter. Die Handelshäuser wurden entlang der 165 Grachten gebaut, die als Transportwege genutzt wurden, um die schnelle Verteilung der Importwaren in der Stadt und zu den Handelskontoren zu bewerkstelligen. Die größte Altstadt Europas mit ihren schönen Gebäuden soll auch in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen werden.

Demographische Entwicklung

Politik

Durch die liberale Politik der Niederlande seit 1976 wurde Amsterdam zum Zentrum des Drogentourismus in Europa. Bemerkenswert sind die vielen ausländischen Drogenkonsumenten. Von den ca. 750 Coffee Shops in den gesamten Niederlanden sind etwa 300 bis 400 in Amsterdam beheimatet. Viele Andersdenkende aus allen Ländern fanden und finden sich in Amsterdam ein und wählen diese Stadt zur neuen Heimat. Ein häufiger Beweggrund dafür ist die liberale Politik der Stadt, oft in Kombination mit repressiver Politik im Herkunftsland. Bisher fanden Gesuchte aus aller Welt in Amsterdam einen ruhigen Hafen, weil das niederländische Gesetz der Polizei unbegründete und zufällige Polizei- bzw. Ausweiskontrollen verbot. Seit dem 1. Januar 2005 gilt in den gesamten Niederlanden jedoch eine Ausweispflicht, nach welcher Personen ab 14 Jahren einen Ausweis mitführen müssen.

Partnerstädte

  • Beira, Mosambik
  • Managua, Nicaragua
  • Peking, Volksrepublik China
  • Sarajevo, Bosnien-Herzegowina
  • Montreal, Kanada

Geographie

Klima

Das holländische Wetter variiert von einem leichten Frost im Winter und in der Regel mit einem bisschen Schnee bis zu angenehmen, sonnigen Tagen von 20?30 °C im Sommer, der Frühling und Herbst sind angenehm mild, können aber auch sehr nass und verregnet sein (über 100 mm Niederschlag pro Monat).

Zeitzone

Amsterdam sowie die gesamten Niederlande liegen in der Mitteleuropäischen Zeitzone. Da die Stadt weit westlich in dieser Zeitzone liegt, steht die Sonne erst um 13:40 Uhr genau im Süden. Dies führt im Sommer zusammen mit der nördlichen Lage der Stadt zu langen Tagen, teilweise kann es bis 23 Uhr noch ?hell? sein. Viele Kaufläden öffnen dadurch auch erst um 10:00 Uhr, Bars und Cafés sind meist bis um 2:00 Uhr geöffnet.

Kultur und Sehenswürdigkeiten

Museen

  • Das Rijksmuseum: Nationalmuseum, Stadhouderskade 42; holländische Gemälde des 16.?19. Jahrhunderts, einschl. der berühmten Nachtwache von Rembrandt.
  • Das Anne-Frank-Haus, Prinsengracht 263.
  • Das Van Gogh Museum: Paulus Potterstraat 7.
  • Museum Het Rembrandthuis: Rembrandthaus, Jodenbreestraat 4?6. Ehemaliges Wohnhaus des Malers.
  • Schifffahrtsmuseum (Scheepvaart Museum): Kattenburgplein 1. Wegen Umbaus geschlossen vom 7. Januar 2007 bis etwa Juni 2009.
  • Biblisches Museum (Bijbels Museum) Amsterdam
  • Jüdisches Historisches (Joods Historisch) Museum, in der ehemaligen Synagoge nahe Waterlooplein/Weesperstraat
  • Theatermuseum: Geschichte des niederländischen Theaters
  • Stedelijk Museum (Städtisches Museum für moderne Kunst) z. Zt. Oosterdockskade
  • Die Petersburger Eremitage hat im Amstelhof eine Filiale in der Stadt
  • Das Amsterdams Historisch Museum, über drei Etagen, am Nieuwezijds Voorburgwal
  • Das NEMO (Wissenschaftsmuseum zum Anfassen), nähe Hauptbahnhof
  • FOAM, Fotografiemuseum Amsterdam: Keizersgracht 609
  • Museum Geelvinck-Hinlopen Huis Keizersgracht 633
  • Tattoo Museum, Oudezijds Achterburgwal 130

Religiöse Bauten

  • Amstelkerk
  • ?Ons Lieve Heer op Solder? ? Museum Amstelkring (verborgene Kirche)
  • Nieuwe Kerk (1490)
  • De Duif
  • Mozes en Aäronkerk
  • Posthoornkerk
  • Sint Nicolaaskerk
  • Noorderkerk (1620?1623)
  • Oosterkerk
  • Zuiderkerk (1603?1611)
  • Westerkerk (1631)
  • Oude Kerk (ca. 1400), Oud. Voorburgwal, der vermutlich einzige Dom der Welt, auf dessen Domplatz ganz überwiegend Bordelle aneinander gereiht sind.
  • Portugiesische Synagoge Amsterdams

Konzertsäle und Theater

  • Het Muziektheater ? Opernhaus am Waterlooplein; das Haus wird von der Opern- (De Nederlandse Opera) und der Ballettgesellschaft (Het Nationale Ballet) genutzt
  • Stadsschouwburg (Oper)
  • Concertgebouw, Sitz des renommierten gleichnamigen Orchesters (klassische Musik, Oper, Ballett).
  • Muziekgebouw aan ?t IJ (klassische Musik, Kammermusik, Jazz)
  • Paradiso (wichtigste Bühne für Popmusik in den Niederlanden)
  • Tuschinski-Theater, Art-Déco-Kinopalast

Sonstige

  • Wohnblocks im Stil der Amsterdamer Schule (Stilrichtung der klassischen modernen Architektur)
  • De Waag (Stadtwaage), auf dem Nieuwmarkt, heute mit Café
  • Madame Tussauds, Wachsfigurenkabinett mit wechselnder Ausstellung, Paleisstraat am Dam
  • Magere Brug, Amstelbrücke von 1670 in der Innenstadt
  • Paleis op de dam, Königlicher Palast am Dam
  • Munttoren (Münzturm), historisches Zollamt, am Schwimmenden Markt auf der Singel Gracht
  • Waterloopleinmarkt, Flohmarkt am Waterlooplein
  • Albert Cuypmarkt, Wochenmarkt im Stadtteil Amsterdam Oud-Zuid
  • Bloemenmarkt, Blumenmarkt am Singel
  • Begijnhof, eine ruhige Oase in der geschäftigen Innenstadt. (Almshäuser aus dem 14. Jahrhundert)
  • Rotlichtviertel Walletjes (Oudezijds Voorburgwal, Oudezijds Achterburgwal und Warmoesstraat
  • Hortus Botanicus Amsterdam (Botanischer Garten)
  • Artis Zoo, Plantage Middenlaan
  • Beurs van Berlage, die alte Amsterdamer Börse (das von dem berühmten Architekten Hendrik Petrus Berlage entworfene Börsengebäude), Damrak
  • Vondelpark, der größte Park in der Innenstadt. Benannt nach dem Dramatiker Joost van den Vondel
  • Olympiastadion, Hauptaustragungsort der Olympischen Sommerspiele 1928

Graffiti

Amsterdam gehört zu den wichtigsten Graffiti-Metropolen. Obwohl sicherlich auch die aus der Hip-Hop-Szene entstandene New Yorker Sprayerszene in den Anfängen die Amsterdamer Sprayer beeinflusste, spielte hier die Punk-Bewegung die wichtigere Rolle. Amsterdamer Sprayer beeinflussten seit Anfang der Achtziger Jahre stilistisch viele Sprayer in aller Welt.

Wirtschaft und Infrastruktur

Industrie

Viele niederländische Firmen, wie beispielsweise die Brauerei Heineken und der Elektronikkonzern Philips, haben ihren Hauptsitz in Amsterdam. Die niederländischen Großbanken, ABN AMRO, Rabobank oder die ING Groep sind Eigentümer von Bürokomplexen am Bahnhof Sloterdijk im Nordwesten der Stadt, am World Trade Center im Süden. Computerfirmen, wie Cisco Systems, haben ihren Hauptsitz im südöstlichen Gewerbegebiet in Bullewijk. Der Amsterdamer Hafen ist der zweitgrößte in den Niederlanden, nach dem Hafen in Rotterdam.

Tourismus

Der Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle der Stadt, neben der sogenannten Counsil Tax, eine Steuer auf Häuser und Wohnungen. Jährlich besuchen Millionen Urlauber aus aller Welt die Stadt, zahlreiche Hotels finden sich in der ganzen Stadt. Anziehungspunkte sind vor allem die vielen Grachten, Coffeeshops und Museen sowie der Rotlichtbezirk Walletjes im Stadtzentrum von Amsterdam. Der Rembrandtplein gehört durch seine Theater, Kinos sowie vielen Restaurants und Gaststätten zu den bekanntesten Ausgehvierteln von Amsterdam. In der Nähe des Leidseplein befinden sich Diskotheken und das Holland Casino für Glückspieler.

Verkehr

Das gängigste Fortbewegungsmittel der Stadt ist, wie überall in den Niederlanden, das Fahrrad (?Fiets?). Ein Netz von Fahrradwegen (?fietspaden?) zieht sich quer durch Amsterdam, neben allen Straßen und Kanälen, durch alle Parks und verbindet alle Nachbargemeinden. Neben dem IJ, der über den Nordseekanal in die Nordsee mündet und auch eine Verbindung zum Amsterdam-Rhein-Kanal hat, verbindet ein System von Kanälen, das sich halbkreisförmig durch die Stadt zieht, die Stadt mit dem nationalen Kanalsystem. Auf dem IJ verkehren die Amsterdamer Fähren.

Metro

Die Metro Amsterdam betreibt vier verschiedene Linien, die unter anderem auch Amstelveen im Süden der Stadt anbindet. Neben der Metro gibt es auch noch ein dichtes Straßenbahnnetz. Voraussichtlich 2013 geht die (seit 2003 im Bau befindliche) Nord-Süd Metro in Betrieb. Diese Linie führt von Amsterdam-Noord, unter dem IJ, dem Hauptbahnhof und weiter durch die Innenstadt bis zum Bahnhof Amsterdam Zuid. Die Realisierung dieser U-Bahn geschieht unter besonders schweren Bedingungen, zum einen ist der Untergrund sehr instabil, zum anderen muss sichergestellt werden, dass die historische Bausubstanz der Stadt nicht beschädigt wird. Der Bau ist darum umstritten, die Finanzierung verläuft problematisch. Es gelang der Gemeinde Amsterdam erst zwei Jahre nach Baubeginn, das Bauprojekt gegen mögliche Schäden an historischen Gebäuden zu versichern. Siehe auch der niederländischen Wikipedia.

Schienenverkehr

Der Hauptbahnhof ?Amsterdam Centraal? liegt im Zentrum der Stadt, von ihm aus und neun weiteren Bahnhöfen der Stadt verbinden die Züge der Niederländischen Bahngesellschaft die Hauptstadt mit allen Provinzen der Niederlande.

Straßenverkehr

Amsterdam wird durch den Autobahnring A 10 umschlossen, mit Anbindung an die A 8 im Nordwesten bei Zaandam Richtung Alkmaar, im Südwesten an die A 4, südöstlich die A 2 Richtung Utrecht und östlich die A 1 Richtung Almere/Hilversum. Die Stadt ist Ausgangs- und Endpunkt der deutsch-niederländischen Ferienstraße Oranier-Route.

Luftverkehr

Der ?Luchthaven Schiphol? (IATA-Code: AMS, ICAO-Code: EHAM, international Amsterdam Airport Schiphol) ist der internationale Flughafen der Stadt Amsterdam, der größte in den Niederlanden und der drittgrößte Flughafen auf dem europäischen Festland. Der Flughafen Schiphol ist das Drehkreuz der größten niederländischen Fluggesellschaft KLM. Er befindet sich südwestlich von Amsterdam zwischen Amstelveen und Hoofddorp.

Universitäten

Amsterdam besitzt zwei Universitäten. Die Vrije Universiteit (VU) ist die einzige protestantische Universität der Niederlande. Dagegen hat die städtische Universiteit van Amsterdam (UvA) keine konfessionelle Bindung. Beide Universitäten haben eigene Universitätskrankenhäuser.

Medien

In Amsterdam befindet sich der weltgrößte Internet-Knoten AMS-IX. Amsterdam ist Gastgeber der größten europäischen Messe für Medienproduktion, der IBC.

Persönlichkeiten

  • Nicolaes Tulp, geb. Claes Pieterszn. (1593?1674), Chirurg und Bürgermeister
  • Rembrandt van Rijn (1606?1669), Maler
  • Baruch de Spinoza (1632?1677), Philosoph
  • Johan Cruyff (1947), Fußballspieler
  • Dennis Bergkamp (1969), Fußballspieler
  • André Hazes (1951?2004), Sänger
  • Ruud Gullit (1962), Fußballspieler
Siehe auch: Liste der Söhne und Töchter von Amsterdam

Literatur

Geschichte

  • Leeuwen, Marco H. D. van: The logic of charity: Amsterdam, 1800?1850, Basingstoke, Hampshire [u. a.]: Macmillan 2000, 242 S., ISBN 0-333-69603-4

Weblinks

  • Tourismus in Amsterdam, Holland
  • Website der Stadt Amsterdam auf Deutsch
  • Website der Stadt Amsterdam auf Englisch
  • Offizielle Site der Stadt Amsterdam auf Niederländisch
  • Virtueller Spaziergang in Amsterdam
  • Fotos von Amsterdam
  • stadtinfo Amsterdam in Google Earth reflektiert


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1
Martin Walser
Tod eines Kritikers
Roman


Erste Auflage 2002
Ó Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2002
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des
öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und
Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in
irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere
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Printed in Germany


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FÜR DIE, DIE MEINE KOLLEGEN SIND
Q U O D E S T
S U P E R I U S
E S T S I C U T
I N F E R I U S
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I. VERSTRICKUNG
Da man von mir, was zu schreiben ich mich jetzt veranlaßt fühle, nicht
erwartet, muß ich wohl mitteilen, warum ich mich einmische in ein
Geschehen, das auch ohne meine Einmischung schon öffentlich genug
geworden zu sein scheint. Mystik, Kabbala, Alchemie, Rosenkreuzertum
–,
das ist, wie Interessierte wissen, mein Themengelände. Tatsächlich
unterbreche ich, um mich in ein täglich mit neuen Wendungen
aufwartendes Geschehen einzumischen, die Arbeit an meinem
Buch Von Seuse zu Nietzsche. Es sind eher die Vorbereitungen zu diesem
Buch, die ich unterbreche, als die Arbeit an ihm. Inhalt: In die
deutsche Sprache kommt der persönliche Ton nicht erst durch Goethe,
von dem Nietzsche gierig profitierte, sondern schon durch Seuse,
Eckhart und Böhme. Weil das bürgerlich Geschriebene unsere
Erlebnis-und Fassungskraft besetzt hat, haben wir, das Publikum,
nicht wahrnehmen können, daß die Mystiker ihre Ichwichtigkeit
schon so deftig erlebt haben wie Goethe und wie nach ihm Nietzsche.
Nur waren sie glücklich und unglücklich nicht mit Mädchen, Männern
und Frauen, sondern mit Gott ...
Ich muß das erwähnen, weil durch mein sonstiges Schreiben gefärbt sein
kann, was ich mitteile über meinen Freund Hans Lach. Beide, Hans
Lach und ich, sind Schreibende.
Ich war in Amsterdam, als es passierte. Bei Joost Ritman war ich,
eingeladen, seine Sammlung anzuschauen. Mir ist kein Privater bekannt,
der so viele Specimena der Mystik, Kabbala, Alchemie und des
Rosenkreuzertums gesammelt hat wie Joost Ritman. Ich wohnte im
Ambassade, wo ich in Amsterdam immer wohne, ich las beim Frühstück den
NRC, den ich dort immer lese, und erfuhr, daß Hans Lach verhaftet
worden ist. Mordverdacht. Obwohl es bei mir, sobald ich im Ausland
bin,
zu den Erholungsqualitäten gehört, nur die jeweils ausländischen
Zeitungen zu lesen, besorgte ich mir sofort die Frankfurter
Allgemeine. Da las ich nun, Hans Lachs neuestes Buch Mädchen ohne
Zehennägel sei von André Ehrl-König in seiner berühmten
und beliebten Fernseh-Show SPRECHSTUNDE unsanft behandelt worden. Der
Autor habe den Kritiker, als der, wie es üblich sei, nach seiner
Fernseh-Show in der Bogenhausener Villa des Ehrl-König-Verlegers
Ludwig Pilgrim erschien, grob angepöbelt. Noch sei ungeklärt, wie es
Hans Lach überhaupt gelungen sei, sich Zutritt zu der Party zu
verschaffen, die Ehrl-Königs Verleger nach jeder SPRECHSTUNDE
in seiner Villa veranstalte. Auf der Gästeliste sei Hans Lach nicht
vorgesehen gewesen, weil es unüblich sei, Autoren, die unmittelbar
davor in Ehrl-Königs SPRECHSTUNDE „dran" waren, nachher zur Party
einzuladen. Hans Lach sei zwar selber Autor des PILGRIM Verlags,
aber an diesem Abend hätte er nach den Regeln des Hauses
nicht dabei sein dürfen. Hans Lach habe offenbar sofort gegen André
Ehrl-König tätlich werden
3
4
wollen. Als ihn zwei Butler hinausbeförderten, habe er ausgerufen: Die
Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Herr Ehrl-König möge sich vorsehen.
Ab heute nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen.
Diese Ausdrucksweise habe unter den Gästen, die samt und sonders mit
Literatur und Medien und Politik zu tun hätten, mehr als Befremden,
eigentlich schon Bestürzung und Abscheu ausgelöst, schließlich sei
allgemein bekannt, daß André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch
Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust. Auf dem Kühler von
Ehrl-Königs Jaguar, der am nächsten Morgen immer noch vor der Villa
des Verlegers stand, sei der berühmte gelbe Cashmere-Pullover, den
der Kritiker in seiner Fernsehshow immer um seine Schultern
geschlungen trage, gefunden worden. Von André Ehrl-König fehle jede
Spur. Es sei in dieser Nacht fast ein halber Meter Neuschnee gefallen.
München im Schnee-Chaos. Hans Lach sei schon am Tag danach unter
Verdacht gestellt und, da er kein Alibi nachweisen konnte und nicht
bereit war, auch nur eine einzige Frage zu beantworten, verhaftet
worden. Sein Zustand wird als Schock bezeichnet.
Ich konnte, als ich das las, gar nicht mehr richtig atmen. Aber ich
wußte doch, daß Hans Lach es nicht getan hatte. So etwas weiß man,
wenn man einen Menschen einmal mit dem Gefühl wahrgenommen hat.
Und obwohl ich über seine Freundschaften nicht viel weiß, beherrschte
mich, als ich das las, sofort eine einzige Empfindung: er hat außer
dir keinen Freund.
Ich rief sofort Joost Ritman an und sagte, daß ich sofort zurück nach
München müsse. Als ich noch sagen wollte, warum ich sofort zurück
müsse, merkte ich, daß das gar nicht so leicht mitzuteilen sei.
Ich sagte: Ein Freund ist in eine Not geraten.
Manchmal spricht man, wenn man
genau zu sein versucht, wie ein Ausländer. Weil ich zu hastig
aufgebrochen war, prüfte ich erst auf dem Bahnsteig, ob nichts
vergessen worden sei. Der Ausweis fehlte. Man hatte ihn an der
Rezeption erbeten und, weil ich es beim Aufbruch so eilig hatte,
vergessen, ihn mir wiederzugeben.
Hintelephoniert. Ein junger Asiate brachte ihn sofort. Ich
versäumte den Zug, den ich herausgesucht hatte, nicht. Aber nach einer
Stunde Fahrt blieb der Zug stehen, auf freiem, holländisch weitem
Feld. Und keine Erklärung.
Als einige Reisende schon laut wurden, endlich die Ansage: Deze trein
is afgeschaft. Wir mußten aussteigen, auf den Ersatzzug warten.
Für mich hing das alles mit Hans Lach, Ehrl-König und
München-Bogenhausen
zusammen. Mir sollte Zeit gegeben werden zu überlegen, ob ich wirklich
so überstürzt nach München zurückfahren sollte, mußte, durfte. Meine
Empfindung war unmißverständlich. Aber da, wo in einem gerechnet,
berechnet und geprüft wird, meldete sich die Gegenstimme. Sind Hans
Lach
und ich wirklich befreundet? Der bekannte, fast populär bekannte Hans
Lach und der im Fachkreis herumgeisternde Michael Landolf? Vielleicht
sind wir nur befreundet, weil wir keine fünf Minuten (zu Fuß) von
einander entfernt wohnen. Er in der
4
5
Böcklin-, ich in der Malsenstraße, also im Malerviertel des lieblichen
Stadtteils Gern. Wir passen beide besser hierher als nach Bogenhausen,
hat Hans Lach einmal gesagt. Er ist allerdings deutlich jünger als
ich.
Hält also noch mehr für möglich als ich. Wir haben einander fast ein
bißchen schamhaft gestanden, daß wir ohne die Gerner Nachbarschaft
kaum Freunde geworden wären. Er, immer mitten im schrillen
Schreibgeschehen, vom nichts auslassenden Roman bis zum atemlosen
Statement, ich immer im funkelndsten Abseits der Welt. Mystik,
Kabbala,
Alchemie. Aber nachdem wir uns bei dem auch aktuell tendierenden
Philosophieprofessor Wesendonck in dessen Grünwalder Villa
kennengelernt hatten, haben wir keinen Grund empfunden, uns nicht mit
einem sorgfältig betonten Auf Wiedersehn zu verabschieden. Zeitgeizig
sind wir beide. Wir sind keine sogenannten engen Freunde, vielleicht,
weil wir beide vorsichtig geworden sind. Ich noch mehr als er. Draußen
bei Wesendoncks haben wir uns zwar gleich bei unseren Vornamen
genannt.
Das heißt aber nur, daß wir beide in der Welt, besonders in der
englisch-amerikanischen, herumgekommen sind. Er hat mich gleich
bei der zweiten oder dritten Anrede Michel genannt. Das tun, nach
meiner
Erfahrung, nur die, die es gut meinen mit mir, oder, sagen wir, die
Herzlichen. Hans Lach ist eine Herzlichkeitsbegabung. Das spürte ich
sofort. Wir haben beide bemerkt und es auch nicht vor einander
verheimlicht, daß wir nicht zum engeren Kreis der hier Eingeladenen
gehörten. Beide in Gern wohnend, teilten wir nachher ein
Taxi, auch bei der Bezahlung, weil keiner sich vom anderen einladen
lassen wollte oder konnte.
Daß wir da beide gleich kleinlich waren, war mir sympathisch. Und wir
sagten uns auf dem Heimweg auch die Gründe auf, die uns diese
Einladung
beschert hatten.
Mich hat Wesendonck über die Kabbala ausgefragt, weil er ein Buch
Gershom
Scholems für die Süddeutsche rezensieren sollte. Daß ich, als mir
Wesendonck das mitteilte, den typischen Enttäuschungsstich verspürte,
gestand ich natürlich nicht. Ich, in nichts so zu Hause wie in Mystik,
Kabbala, Alchemie, wurde nicht um diese Buchbesprechung gebeten, wohl
aber der doch ganz und gar aktuell tendierende Wesendonck. Aber er
hatte,
bevor er mich ausgefragt hatte, selber gesagt, daß ihm diese
Besprechung
nur angeboten worden sei und er sie nur angenommen habe, weil er mit
Gershom Scholem befreundet gewesen sei. Hans Lach führte sein
Eingeladenwordensein darauf zurück, daß er in der Frankfurter
Allgemeinen gerade ungut behandelt, ja sogar richtig beschimpft worden
sei, als Populist. Und zwar von einem der Herausgeber persönlich.
Dadurch sei er für Wesendonck einladbar geworden. Wesendonck habe ihn,
Hans Lach, diesen Abend lang richtig geprüft, ob er in die
Wesendonckphalanx passe. Ich müsse ja bemerkt haben, daß Wesendonck
den Namen jenes Herausgebers immer mit dem Zusatz Faschist versehen
habe. Diese Schmähfloskel stammte
5
6
deutlich aus den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Aber die,
die sie damals im Mund führten, konnten offenbar auch jetzt, obwohl
selber deutlich gealtert, nicht darauf verzichten.
Obwohl ich nirgends dazugehöre – wer geschichtsträchtige Bücher
schreibt, kann die Abende nicht verplaudern –, kriege ich, weil ich,
wenn ich erschöpft bin, Zeitungen durchblättere, doch mit, wer gerade
mit wem und wer gegen wen ist. Den Rest sagt mir Professor Silberfuchs
im Kammerspiel-Foyer oder am Telephon. Er ist, wie er es selber
fröhlich ausdrückt, mit Gott und der Welt befreundet, und ich gehöre
zu seinen Telephonnummern. Er hat mein Mystik-Buch über alle Maßen
gelobt. In der Zeitung und im Radio. Dann mich angesprochen im Foyer
der
Kammerspiele. Er habe damit wirklich gewartet, aber als er mich zum
vierten Mal auf dem Platz zwei Reihen vor sich gesehen habe, habe er
sich und dann auch mich darauf hinweisen müssen, daß wir dem gleichen
Abonnement angehörten. Als er hörte, daß ich in Gern wohnte, sagte er
sofort: Hans Lach auch. Und sagte gleich noch dazu, daß er seinen
Spitznamen Hans Lach verdanke. Und er sei überhaupt nicht beleidigt.
Er finde, der von Hans Lach für ihn gefundene Spitzname könnte auch
bei Wagner in den Meistersingern vorkommen. Jetzt mußte ich doch
gestehen, daß ich seinen Spitznamen nicht kenne. Ach, rief er, wie
lustig. Sie sind der einzige in ganz München, der den nicht kennt.
Und es mache ihm überhaupt nichts aus, seinen Spitznamen
selber zu verbreiten. Silbenfuchs habe Hans Lach ihn genannt, nachdem
er, Professor Silberfuchs, den vorvorletzten Roman von Hans Lach in
irgendeiner Konversation ein Werk von grandioser Selbstbehinderung
genannt habe. Was man in München irgendwo sage, sage man immer der
ganzen Stadt. Zumindest in der Kulturszene. Die sei nirgends
so tratschselig wie in München. Das alles rauschte im Foyer auf mich
ein, weil ich, als er sich als Harlachinger ausgewiesen hatte, mich
zu Gern bekannte. Und Gern heißt für einen Professor der
Literaturwissenschaft Hans Lach. Hans Lach sei inzwischen, sagte er
noch schnell, weil das Klingelzeichen mahnte, doch fast schon zu
prominent für das liebe Kleinbürgerviertel. Der gehört längst nach
Bogenhausen, sagte der Professor. Und Ton und Schmunzeln konnten
bedeuten, der Satz sei auch ironisch gemeint gewesen. Daß ich nicht
nach Bogenhausen, sondern eben doch nach Gern gehörte, hatte der
Professor mit diesem Satz sicher nicht sagen wollen. Ich hatte nicht
vermeiden können, das herauszuhören.
Keine Polizei der Welt würde mich eines Mordes verdächtigen. Hans
Lach schon. Obwohl er den Mord so wenig begangen hat wie ich. Als
ich las, was über Hans Lach in der Zeitung stand, überlegte ich
nicht, ob er mich brauche oder nicht. Ich war nicht fähig, mir
vorzustellen, daß es in München und in ganz Deutschland mehr als
genug Menschen gäbe, die Hans Lach von diesem absurden Verdacht
befreien würden. Gar nichts konnte ich mir vorstellen. Nicht
einmal, daß ich aufdringlich wirken könnte. Er mußte Freunde haben,
die viel ernsthafter seine Freunde waren
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als ich, der Zufallsnachbar. Mir ist sonst immer alles zu schnell
peinlich. Und jetzt gar nicht. Hin mußte ich. Sofort. Nach München.
Und hinaus nach Stadelheim.
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Der Beamte, der mich an der Pforte abholte, sagte: Der Chef macht den
Besuch selber. Wie lang, fragte ich. Er: Wenn ich den Besuch machen
tät, könnte ich nur eine halbe Stunde erlauben, der Chef kann machen,
so lange er will. Der Herr Oberregierungsrat wußte also immerhin,
wer sein Untersuchungshäftling war. In einem polizeigrün gestrichenen
Raum wurde ich an ein rundes Tischchen in der Ecke gesetzt, dann kam
der Herr Oberregierungsrat mit seinem Häftling herein.
Hans Lach und ich am Tischchen in der einen, der Beamte an dem
Schreibtisch in der anderen Ecke. Als wolle er uns zeigen, daß er
unser
Gespräch nicht überwache, fing der Oberregierungsrat sofort mit dem
Aktenstudium an. Hans Lach sah mich an, zuckte mit den Schultern und
sagte mehr zu dem Beamten als zu mir hin: Rauchen darf man.
Der Beamte: Man darf. Der Herr Oberregierungsrat sei heute offenbar
besonders gut aufgelegt, sagte Hans Lach.
Ob er sich über ihn beklagen wolle, fragte der Beamte. Sie müssen
wissen, sagte Hans Lach zu mir, der Herr Oberregierungsrat fliegt
jedes Jahr in seinem Urlaub nach Nepal und bringt von dort Videos mir,
die er dann den Insassen hier vorführt. Hinter dem Berg, den Sie hier
sehen, sagt er dann, liegt ein englisches Hotel, in dem haben wir
schwedisches Bier getrunken. Der Herr Lach hat sich schnellstens über
mich informiert, sagte der Oberregierungsrat. Drückte aber durch den
Ton,
in dem er das sagte, aus, daß er weiterhin konzentriert sei auf seine
Arbeit, und an dem Gespräch dort am Tischchen nicht teilzunehmen
gedenke.
Das konnte nur heißen, Hans Lach und ich sollten nicht glauben, er
höre
unser Gespräch ab. Beamte sind viel fleißiger, als man denkt, sagte
Hans
Lach. Dann sagte er nichts mehr. Wenn der Beamte noch etwas gesagt
hätte,
hätte er sicher auch noch etwas gesagt. Er sah mich zwar an, aber
nicht so, daß ich hätte fragen können: Wie geht es Ihnen. Er sah mich
kein bißchen erwartungsvoll an oder neugierig. Er gähnte. Wollte das
Gähnen aber höflich verbergen. Je länger ich ihn anschaute, desto
weniger
war es mir peinlich, daß ich nicht wußte, wie ich das Gespräch
beginnen sollte. Ich war gekommen, um ihm zu sagen, daß ich wisse,
er sei es nicht gewesen. André Ehrl-König hat sich durch seine Art,
über Schriftsteller zu urteilen, sicher viele zu Feinden gemacht.
Warum sollte sich ausgerechnet Hans Lach so vergessen! Es gab andere,
die viel schlechter weggekommen waren. Durch Professor Silberfuchs
hatte
ich aus dieser Szene immer viel mehr erfahren als ich wissen wollte.
Ich hoffte, Hans Lach begriff, warum ich gekommen war. Ich wollte
etwas
tun für ihn. Daß ich gekommen war, war ein Angebot. Er mußte darauf
reagieren. Er sah mich ruhig an, vollkommen ruhig. Er erwartete nichts
von mir. Wahrscheinlich hatte sein Verleger schon die besten Anwälte
zusammengespannt. Wahrscheinlich empfing er an diesem Tischchen
täglich
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seine Freunde und Freundinnen. Ich kam mir plötzlich ganz überflüssig
vor. Ich hätte wirklich in Amsterdam bleiben sollen, Joost Ritmans
Kabbala-Blätter anschauen,vergiß München, morgen wird das Feuilleton
der
Republik Hans Lach feiern, er wird Interviews und Interviews geben,
das
arme Schwein, der wirkliche Mörder, wird sein Geständnis
herausstottern,
die Mutter eine Prostituierte, er aufgewachsen im Waisenhaus, vom
Kaplan
vergewaltigt, seit dem siebzehnten Lebensjahr straffällig, mit
achtundzwanzig – grade wieder mal aus dem Knast entlassen – schreibt
er
sein Leben auf, schickt das Manuskript André Ehrl-König, der läßt ihm
durch seine Sekretärin mitteilen, daß er keine Anlaufstation sei für
verpfuschte Biographien, also keimt in dem Knastheini eine Wut, er
sieht
Ehrl-König im Fernsehen, er fragt sich durch, ein Pförtner verrät ihm,
wo gefeiert wird, nichts wie hin, gewartet im fallenden Schnee, bis
der
Star kommt, zugestochen ...
Entschuldigen Sie, bitte, daß ich gekommen bin. Das konnte ich auch
nicht sagen. Es war übereilt. Ein Gefühl eben. Gefühle sind immer
übereilt.
Gefühle dürfen übereilt sein. Gefühle müssen übereilt sein. Basta. Zum
Glück brauchte er mich nicht. Was hätte ich denn tun können für ihn?
Aber
er sah mich nicht an, als wollte er sagen: Was wollen denn Sie hier.
Er sah mich ruhig an. Tendenzlos. Fast ohne jede Stimmung. Er kratzte
mit
einer Hand auf dem Handrücken der anderen. Er nahm mir nichts übel.
Daß
wir beide so sitzen konnten, ohne etwas zu sagen, daß dieses
Nichtssagen
überhaupt nicht peinlich war, das empfand ich als eine Art
Übereinstimmung
mit ihm. Er fand, daß ich gekommen war, nicht aufdringlich. Mit wem
hätte ich eine Stunde lang so sitzen können, ohne etwas zu sagen! Mit
wem
hätte er ... ach, erschon eher, er war es vielleicht gewohnt, daß man,
wenn er nichts sagte, auch nichts sagte.
Wenn ich, obwohl er so
deutlich nichts sagen wollte, doch angefangen hätte, etwas zu sagen,
irgendeinen Verlegenheitsquatsch, dann hätte ich die Situation
verfehlt.
Die Prüfung nicht bestanden. Das ist eben so. Der Prominente kann sich
benehmen, wie er will, er benimmt sich richtig. Nur du kannst etwas
falsch
machen. Selbst wenn du dieses Ritual überhaupt nicht anerkennst, du
verhältst dich doch genau so, wie es von einem wie dir erwartet wird.
Aber jetzt sei zufrieden, daß du einer Schweigestunde
verlegenheitsfrei
standgehalten hast. Mensch. Freibleibend. Was soll das jetzt? Weiß
nicht.
Einfach das Wort, das mich jetzt anzieht.
Freibleibend ...
Es war der Beamte, der sagte, es sei Zeit. Ich fand es erstaunlich,
daß er das Schweigen nicht kommentierte. Er hätte doch sagen können,
er
wisse es zu schätzen, daß die beiden Herrn ihn so gar nicht bei seinem
Aktenstudium gestört hätten. Aber daß er das Schweigen gar nicht
erwähnte,
war noch besser. Niveau, dachte ich, der Herr Oberregierungsrat hat
Niveau.
Beide gingen mit mir bis zum Pförtner. Da ich nicht jetzt noch etwas
durch
banalen Sarkasmus oder
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halbgare Ironie verderben wollte, verabschiedete ich mich sozusagen so
stumm, wie ich bis dahin gewesen war. Aber ich vermied es, das
Nichtssagen
pathetisch werden zu lassen. Hans Lach zog ganz zuletzt noch ein paar
Seiten, von Hand beschriebene, aus seiner Jackentasche und übergab sie
mir. Sein Blick dazu war nichts als sachlich. Draußen in der
beglückend
kalten Winterwelt merkte ich erst, wie warm es da drinnen gewesen war.
Wie oft bei Behörden, überheizt. Auf der Heimfahrt wurde mir
(wieder einmal) bewußt, wie wenig man von sich braucht, um ein Auto
durch
eine Stadt zu lenken, die man kennt. Ich dachte nur an ihn, sah nur
ihn
vor mir, wurde nicht fertig mit ihm, weil, was mir dort alsRuhe
vorgekommen
war, jetztgar nicht mehr so vorkam. Tendenzlos, ja. Aber ruhig? Sein
Bild in
meiner Vorstellung, sein immer ungeschützt wirkender Blick, die
rötlichen
Haare, kurze, sich gleich wieder dem Kopf zubiegende Haare, rötlich
grau.
Würde er sie wachsen lassen, gar nichtvorstellbar, daß das je lange
Haare
wären. Eine zu hohe, zu runde Stirn. Flache Augenhöhlen. Ach, Hans
Lach.
Ich schaute und schaute ihn an. Und wußte doch, daß er mir nicht ruhig
gegenübergesessen hatte, sondern ... Rauchend. Nicht einmal die von
ihm gerauchten Zigaretten hatte ich gezählt. Und hätte wirklich Zeit
gehabt.
Na ja. Hans Lach. Ich mußte durchprobieren, wie dieser Name in den mir
geläufigen europäischen Sprachen klingen würde. Suchte ich eine
Fluchtmöglichkeit? Ich hoffte, nicht.
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Am meisten ist Gern noch das, was es einmal gewesen sein muß, wenn der
Schnee alles zudeckt, alles neuerdings Dazugebaute. Und das gelingt
dem
Schnee fast jeden Winter ein-, zweimal. Wenn dann die Straßen nicht
geräumt werden, die schwarzen Menschen, Gleichgewicht suchend, durch
die Luft rudern, dann kann ich arbeiten. Hätte ich arbeiten können,
wenn ich nicht in dieses Geschehen hineingeraten wäre. Ich kam heim
und merkte, daß ich immer noch nicht wußte, wie es Hans Lach ging.
Dieses Schweigen. Ach was, Schweigen. Da lernt man Wörter kennen!
Wenn sie nicht taugen! Dieses Voreinandersitzen und Nichtssagen. Das
kann man doch nicht Schweigen nennen. Er tat mir leid. Das war es.
Jetzt erst gestand ich es mir ein: er tat mir leid, weil ich glaubte,
daß er es getan haben könnte. Für mich war es immer die
fürchterlichste
Vorstellung überhaupt: jemanden umgebracht zu haben. Manchmal – sehr
selten zum Glück – träumte ich das: du hast jemanden umgebracht,
man ist schon auf deiner Spur, du siehst deiner Überführung entgegen,
du mußt, um das zu verhindern, noch jemanden umbringen. Die Tage nach
solchen Träumen sind immer die glücklichsten Tage überhaupt. Den
ganzen Tag könnte ich summen vor Glück: du hast keinen umgebracht,
Halleluja. Ich war von Amsterdam so jäh weggefahren, ich mußte sofort
hinaus nach Stadelheim, weil ich glaubte, er könnte es doch getan
haben.
Und fürchterlicher konnte nichts sein. Also hin zu ihm. Dann sitzen
und
nichts sagen. Einfach weil man, wenn jemand jemanden umgebracht hat,
nichts mehr sagen kann. Jetzt merkte ich, daß mir der Tote kein
bißchen
leid tat, nur der Täter. Der Tote leidet doch nicht mehr. Aber der
Täter ... der kann keine Sekunde lang an etwas anderes denken als an
die Sekunde der Tat. Ich müßte mich, wenn mir das passierte, sofort
selber umbringen. Nicht, um mich zu strafen, nicht, um zu sühnen.
Nur weil es nicht auszuhalten wäre, dieses ewige, unablässige
Drandenkenmüssen. Und der saß mir gegenüber, sah mich an, ruhig.
Das habe ich mir eingeredet. Ruhig. Er war erledigt, zerquetscht, er
hatte sicher immer noch keinen ruhigen Schlaf gefunden. Die Augen.
Jetzt erst verstand ich diesen Blick. Dieses vollkommen Tendenzlose.
Keine Gesellschaft, bitte. Keine Teilnahme. Achten Sie, bitte, mein
Nichtinfragekommen für alles. Ich komme in Frage nur noch für nichts.
Und diesen Ausdruck hatte ich für ruhig gehalten. Halten wollen.
Etwas Unwiderrufliches getan haben.
Ich konnte nicht sitzen bleiben, mich nicht vom Winterbild draußen
einwiegen lassen, ich rannte im Zimmer hin und her, bis mir Lachs
Handgeschriebenes einfiel. Und las. Es waren Seiten eines
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DIN A5-Blocks. Mit Linien, an die sich der Schreiber, weil sie ihm zu
weit auseinander standen, nicht gehalten hat. Die Handschrift war
schwer lesbar. Lieber Michel Landolf, las ich, hier ein paar Notate
aus der
Ettstraße. Zwei Tage und zwei Nächte. Bitte, aufbewahren für was auch
immer. Herzlich Ihr Ex-Nachbar Lach. Ich las:


Versuch über Größe. Zuerst das Geständnis, daß Denken mir nichts
bringt. Ich bin auf Erfahrung angewiesen. Leider. Erfahren geht ja
viel langsamer als denken. Denken kann man schnell. Denken geht
leicht.
Denken ist keine Kunst. Denken ist großartig. Durch Denken wird man
Herr
über Bedingungen, unter denen man sonst litte. All das ist Erfahren
nicht. Nach meiner Erfahrung, der ich neuestens bis zur
Unerträglichkeit
ausgesetzt bin. In einem Satz gesagt: Immer öfter merke ich, daß
Menschen,
mit denen ich spreche, während wir mit einander sprechen, größer
werden.
Ich könnte auch sagen: Ich werde, während wir sprechen, kleiner. Das
ist eine peinliche Erfahrung. Und am peinlichsten, wenn das öffentlich
vor sich geht. In einem Restaurant. Oder – am allerschlimmsten – im
Fernsehstudio. Katastrophal ... Aber – und das ist die neueste
Erfahrung
überhaupt – auch wenn andere Leute in einer gewissen Art über mich
sprechen, werde ich kleiner. Und das, ohne daß ich mit diesen Leuten
zusammen bin oder auch nur weiß, daß die gerade über mich sprechen.
Ich sitze zu Hause anmeinem Arbeitstisch, und wenn ich aufstehen will,
reichen meine Füße nicht mehr auf den Teppich hinab, auf dem mein
Schreibtischstuhl steht. Das ist nicht so schlimm, weil ich auf meinem
Keshan, wenn ich vom Stuhl hinunterspringe, weich lande. Und – das
ist bei dieser Erfahrung das Wichtigste und eigentlich auch das
Schönste – nachts regeneriere ich mich. Jeden Morgen, wenn ich
aufwache, habe ich wieder meine alte Größe. Bis jetzt.
Einszweiundachtzig. Seit ich diese Erfahrung des Schrumpfens und
Wiederwachsens mache, messe ich mich jeden Tag. Tatsächlich genügt
es, um wieder die Normalgröße zu gewinnen, nicht, wach im Bett zu
liegen. Ich muß schon schlafen.
Und nicht jeder Schlaf bringt gleich viel Regeneration. Inzwischen
messe ich mich abends und morgens. Wenn mir abends öfter mal zehn
Zentimeter fehlen, fehlen mir nach nicht ganz störungsfreiem Schlaf
doch noch zwei oder drei Zentimeter. Ich habe von Schuhen gehört,
die so geschaffen sind, daß man in ihnen zwei bis drei Zentimeter
größer ist, und man erkennt von außen nicht, daß es sich um eine
Schuhkonstruktion handelt. Nach so etwas werde ich jetzt auf jeden
Fall suchen. Nach traumlosem Schlaf, in den die Welt also nicht
hineinwirkt, habe ich immer meine einszweiundachtzig. Ich glaube
noch nicht, daß das Ganze ein Problem für den Psychiater oder
Psychotherapeuten ist. Ich werde dieser Erfahrung mit Aufzeichnungen
folgen, sie dadurch anschaubar und vielleicht sogar überwindbar
machen.
Allerdings: Erfahrungen sind
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nicht so leicht beherrschbar wie das Denken. Durch Denken herrscht man
ja selber. Erfahrungen ist man eher ausgeliefert. Aber sie
aufzeichnen,
hilft. Das ist auch eine Erfahrung.


So weit war ich gerade, als das Telephon läutete.
Kriminalhauptkommissar Wedekind vom K 111. Der Leiter einer
Mordkommission für vorsätzliche Tötungsdelikte, jetzt beauftragt mit
den Ermittlungen im Fall Ehrl-König/ Lach. Von meinem Schweigebesuch
hater gehört, er bittet mich, trotzdem nicht aufzugeben. Ich sei
immerhin der einzige von allen, die um Besuchserlaubnis gebeten
hätten,
den Herr Lach empfangen habe. Mich und seine Frau Erna, alle anderen
habe er abgelehnt. Er müsse seinen Schweigestreik beenden. Das sei
überhaupt keine Taktik, die Erfolg haben könne. Wahrscheinlich
spekuliere
Lach darauf, daß wir ohne Leiche keine Anklage zustande bringen.
Da täuscht er sich. Wir haben den blutgetränkten Pullover des Opfers.
Die Schneemassen in der Mordnacht begünstigen momentan den Täter, und
in einem Poeten kann das die Illusion fördern, der Schnee werde, was
er in dieser Nacht begrub, im Frühjahr mit sich nehmen. Vielleicht ist
die Leiche über die Thomas-Mann-Allee hinüber und dann die steile
Böschung hinunter und noch übers Ufergelände bis zur Isar geschleppt
und
dann der Isar anvertraut worden. Der Täter hat wirklich Glück gehabt.
Fast fünfzig Zentimeter Neuschnee in dieser Nacht. Vielleicht hat er
den
Wetterbericht gekannt. Aber wer weiß, was die Schneeschmelze dann
entblößen wird. Das alles hat sich Herr Lach von mir schon sagen
lassen,
und hat dazu geschwiegen. Aber Ihnen hat er Schriftliches mitgegeben.
Verzeihen Sie einem Polizisten, wenn er neugierig fragt: Haben Sie's
schon gelesen? Ich war gerade durch, als Ihr Anruf kam. Und? fragte
KHK Wedekind. Aufzeichnungen aus der Ettstraße. Da haben wir ihn für
achtundvierzig Stunden untergebracht, sagte Herr Wedekind. Er sprach
mit
mir, als wisse er sicher, daß ich, wie die Polizei, an der raschen
Aufklärung dieses Falls interessiert sei und, so gut ich könne,
mitarbeiten werde. Daß Hans Lach der Täter sei, der nur noch überführt
werden müsse, schien festzustehen. Herr Wedekind war gerade dabei,
Hans
Lachs Bücher zu lesen, da werde er Herrn Lach genauer kennenlernen,
als dem lieb sein könne. Ich möge bitte nicht meinen, er habe etwas
gegen
Herrn Lach oder Herr Lach sei ihm auch nur im mindesten unsympathisch.
Es gebe natürlich für den Leiter einer Mordkommission für vorsätzliche
Tötungsdelikte auch Fälle, die den Beamten zum engagierten Verfolger
des Täters machten, Delikte, in denen das Opfer grausam oder
bestialisch
und aus niedrigsten Motiven hingemordet worden sei, dergleichen liege
hier ja überhaupt nicht vor. Und trotzdem liege Mord vor. Aber eben
ein
Mord der feineren, wenn nicht der feinsten Art überhaupt. Der Täter
ein
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Künstler. Und soviel verstehe er, der KHK, auch von Kunst,
insbesondere auch von Literatur – er sei ein Leser, wenn auch,
bisher wenigstens, kein Lachleser, aber das ändere sich ja gerade –,
daß er einen Schriftsteller durchaus auch als ein Opfer zu sehen im
Stande sei. Wenn auch nicht im strafrechtlichen Sinn. Im Augenblick
lese er, ja, durchforsche er geradezu Lachs vorletztes Buch Der
Wunsch,
Verbrecher zu sein. Der autobiographische Anteil sei unübersehbar.
Er habe aber zuerst Lachs letztes Buch lesen müssen, Mädchen ohne
Zehennägel. Seine bisherigen Ermittlungen – bitte, ohne auch nur die
geringste Mitwirkung Lachs – könnten ihn vermuten lassen, dieses Buch,
das heißt, die Art wie André Ehrl-König in der SPRECHSTUNDE damit
umgegangen ist, habe alles, was sich in Lach gegen Ehrl-König
angesammelt haben kann, in den Zustand einer jähen Entzündung versett,
dann habe er eben seine Fassung verloren und so weiter. Die Party in
der Verlegervilla in Bogenhausen, die nach der Sendung immer
stattfinde,
wenn man die rekonstruieren könnte, wäre der Fall gelöst, man könnte
ihn Herrn Lach sozusagen als Manuskript vorlegen, er müßte nur noch
unterschreiben. Er, KHK Wedekind, wolle mit diesen Andeutungen nur
eins erreichen: Herrn Landolf bitten, dranzubleiben, sich durch keine
Reaktion Lachs abschrecken zu lassen. Jeder Mordfall sei eine
Tragödie. Und zwar im vollen historischen Sinn dieses Wortes.
Aber es sei uns einfach nicht gestattet, eine solche Tragödie
geschehen zu lassen, ohne zu versuchen, ihr gerecht zu werden, was
soviel heiße wie, seine Stimme wurde jetzt ganz leise: Wir müssen
sie aufnehmen, in unsere Sprache, in unsere ganze darauf vorbereitete
Tradition, wir müssen sie uns zu eigen machen, durch Teilnahme, werter
Herr, und den, dem sie passiert ist, aus seiner entsetzlichen
Isolierung erlösen. Glauben Sie mir, so etwas kann einer allein nicht
tragen. Dafür gibt es uns. Die sogenannte Menschheit.
Entschuldigen Sie, bitte. Ich sagte: Ich bitte Sie. Dann schaltete er
wieder um. Ihm sei berichtet worden, daß sich Herr Lach in der
Gemeinschaftszelle in der Ettstraße ausschließlich mit einem
Benedikt Breithaupt beschäftigt habe, der zur Zeit fast täglich von
Stadelheim dorthin zu Vernehmungen überstellt werde. Seine,
Wedekinds, Frage nun: Geben die handgeschriebenen Seiten über dieses
intensive Miteinander reden irgendeine Auskunft. Mit uns, Sie, Herr
Landolf, eingeschlossen, kein Wort, mit einem iksbeliebigen
Untersuchungshäftling stundenlanges Getuschel.
Ich wußte nicht, warum, ich wußte nur, daß ich das mir Anvertraute
jetzt nicht weitergeben sollte. Genau so sagte ich es. Der KHK zeigte
oder heuchelte Verständnis. Aber da wir doch sicher noch mit einander
zu tun hätten, lade er mich ein, einmal zu ihm in die Dienststelle zu
kommen. In die Bayerstraße, wo die Mordkommission logiere. Er hoffe
nicht, daß das Wort Mordkommission mich abschrecke. Also.
Ja, sagte ich, warum nicht.
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Na ja, warum dann aber nicht gleich, sagte er. Nach seiner Erfahrung
altere alles, was mit einem Fall auch nur entfernt zu tun habe,
ungeheuer rasch. Dabei bleiben, dran bleiben, das sei nicht nur sein
Rezept, sondern sein Bedürfnis. Er würde, solange so ein Fall
noch ein blühendes Rätsel sei, die Dienststelle am liebsten überhaupt
nicht mehr verlassen. Also: Wann seh ich Sie. Am Nachmittag, sagt ich.
Er wiederholte fast singend: Am Nachmittag! So kann sich nur ein
Freischaffender ausdrücken. Aber er finde das ansteckend.
Dienststellendienstzeit sei von siebenuhrfünfzehn bis
fünfzehnfünfundvierzig. Käme ich um halb vier, dann hätten er und
ich Ruhe und könnten gründlich reden. Als ich aufgelegt hatte,
ging ich an mein rundbogiges von Sprossen schön eingeteiltes
Großfenster und sah hinaus auf die die Straße säumenden Schneebäume,
auf die hohen Schneeborten, die alle Zäune und Autos zierten.
Verschneit kann es das Viertel, was Stille angeht, mit jedem
Winterwald aufnehmen. Hans Lach hat wirklich Glück gehabt. Und hat
immer noch Glück. Oft genug folgt auf einen solchen ausgiebigen
Schneefall in München ein Wärmeeinbruch, der Föhn schmilzt in ein
paar Stunden alle Schneelasten weg, die ganze Stadt rauscht nur
so vor nicht schnell genug abfließen könnendem Schneewasser. Jetzt
aber, nach wie vor kalt, die Schneedecke hält sich. Ich unterstellte
Hans Lach also auch schon, daß er es getan habe. Ich holte aus dem
Regal: Der Wunsch, Verbrecher zu sein. Ich hatte in dieses Buch, als
es vor zwei Jahren erschienen war, zwar manchmal hineingeschaut,
aber nie lange darin gelesen. Der Untertitel: Flüchtige Notizen hatte
mich abgeschreckt. Dann auch die ... ja, die Tonart dieser Notizen.
Ich hatte gedacht: Er nimmt sich wichtiger als er ist. Als ich das
Buch jetzt wieder aufschlug, dachte ich, daß das doch menschenüblich
sei, sich wichtiger zu nehmen als man ist. Gewissermaßen
lebensnotwendig. Also verständlich, wenn schon nicht verzeihlich.
Ich fragte mich, ob man auch noch schriftlich bezeugen müsse oder
dürfe, daß man sich wichtiger nehme als man sei. Jetzt aber hatte
ich soviel Anlaß, das Buch aufzuschlagen wie der KHK.
Ich las quer durch:


Ein Tag, an dem die Maske verrutschte. Jetzt hast du zu tun, sie
wieder zurechtzurücken. Das gelingt nur mit Verletzung der Maske
und des Gesichts. Paß also auf das nächste Mal, wenn du wieder an
deiner Maske zerrst. Hände weg von der Maske.
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Es gibt nicht wenige, die achte ich mehr als sie mich. Ich verharre
gern bei dieser Differenz. Estut mir geradezu gut, sie mehr zu achten,
als sie mich achten. Wahrscheinlich glaube ich, daß ich schon deswegen
ihre Achtung, die sie mir vorenthalten, verdient hätte.


Er kann sich nicht wegwenden von sich, solange er so schwach ist. Der
Verlierer ist unersättlichmit sich selbst beschäftigt. Der Sieger
wendet sich neuen Aufgaben zu.


Wenn du ein bißchen herausgehst aus dir, bist du sofort unmöglich.
Mein Feind läßt am Horizont die Waffen blitzen. Es gibt nichts, das
ihm nicht diente. Schriftsteller sind ununterbrochen
(und ununterbrechbar) mit dem Notieren ihres Alibis beschäftigt.


Gestern nacht vom Mord geträumt, wieder vom längst geschehenen. Nichts
vom Opfer. Nur die Angst, entdeckt zu werden. Diesmal das Opfer im
eigenen Haus vergraben. Einzige Chance, nicht entdeckt zu werden:
ausgraben und irgendwo weit weg loswerden. Das ist doch vorstellbar.
Das muß gehen. Aber eben dabei kann man, muß man entdeckt werden.
Die Angst quält so, daß man sich wünscht, das Entdecktwerden endlich
hinter sich zu haben. Aufwachen.
Wie immer, froh, weil es doch nur ein Traum war.


Du bist froh, daß Deutschland aus der Fußball-WM ausscheidet im
Viertelfinale gegen Bulgarien, weil du einen Gegner hast, der
fanatisch auf den deutschen Sieg hofft. Den trifft die deutsche
Niederlage mehr als dich, deshalb bist du glücklich über die
deutsche Niederlage.


Er hat sich lange genug beherrscht. Immer hat er statt andere sich
selber verletzt. Er muß in Träumen jetzt öfter Leichen verstecken,
und wo immer er eine Leiche hinbringt (unter das Hotelbett zum
Beispiel), liegt immer schon eine andere Leiche, die nicht von
ihm stammt.


Als er sich hineinfühlte in seine Verbrecherhaftigkeit, fühlte er sich
wohl. Solange er es nicht gewagt hatte, Verbrecher zu sein, hatte er
sich Vorwürfe gemacht, hatte sich überspannt gefühlt, gespalten. Seit
er sich annahm als Verbrecher, war er einig mit sich selber.
Vielleicht
könnte er jetzt sogar wieder etwas genießen. Vorher war ihm immer
alles
durch Vorwürfe, die er glaubte,
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sich machen zu müssen, verdorben worden. Als anständiger Mensch durfte
er ja an allem, was er tat, keinen Gefallen finden.


Alles, was er tat, war vorwerfbar, schlecht. Als Verbrecher mußte er
sich keine Vorwürfe machen.


Ich wurde gestört.
Das Kommissariat 111, eine Frauenstimme, Herr Kriminalkommissar
Meisele wolle mich sprechen, sie verbinde. Dann Herr Meisele im
heitersten Ton. Tut ihm leid, wenn er mir eine
Nachricht verklickern muß, die mich sicher nicht nur erfreue. Sein
großer Kollege Wedekind könne mich heute nicht mehr empfangen, müsse
das Gespräch, an dem ihm gelegen, sehr viel gelegen sei, verschieben.
In der Hoffnung auf mein Verständnis bitte sein großer Kollege
Wedekind um eben dieses Verständnis und melde sich wieder. Ob die
Botschaft angekommen sei. Das bestätigte ich. Dann sei es ja gut.
Das sei mehr als er, der KK Meisele, seinerseits habe erhoffen können.
Dann fast schroff: Guten Tag. Und aufgelegt. Na ja, ob mir der KHK
wirklich das hätte erzählen können, worauf es mir angekommen wäre?
Ich würde mich selber auf den Weg machen müssen. Im Wunsch, Verbrecher
zu sein wollte ich jetzt nicht weiterlesen.
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Eine Woche nach der dann abgesagten Unterredung mit KHK Wedekind hatte
der wieder angerufen, hatte sich darüber gewundert, daß ich die
Verabredung ohne weitere Mitteilung einfach habe ausfallen lassen.
Ich klärte ihn auf. Ach, sagte er, der arme, der elende Meisele.
Und erklärte mir, daß auch bei ihnen der Zwang erfolgreich zu sein,
immer spürbarer werde. Meisele rudere seit Wochen in einem Fall herum,
es habe ja zuerst auch in den Zeitungen gestanden, ein
Maschinenschlosser,
zerfressen vom Ehrgeiz, Ingenieur zu sein, hat einen Nobody
erschossen,
wahrscheinlich aus ethno-ästhetischen Gründen, der Täter habe mit Hans
Lach in der Gemeinschaftszelle in der Ettstraße genuschelt, und
seitdem
widerrufe er alle paar Tage das, was er gerade noch gestanden hatte,
so
komme der arme Meisele überhaupt nicht weiter, und habe jetzt,
wahrscheinlich aus unzurechnungsfähig machender Verdrossenheit,
versucht, ihm, dem KHK, das Spiel auch zu verderben. Das werde für den
Armen leider desaströse Folgen haben, eine Versetzung mindestens nach
Freising oder Straubing. Anfangs sei Meiseles Täter eher
geständnissüchtig gewesen. Er, Wedekind, vermute, daß Lach diesen
Breithaupt indoktriniert habe und ihn bei den Hofgängen in Stadelheim
weiter indoktriniere:
gestehen, widerrufen, gestehen ... bis zur völligen Aufhebung jedweden
Sachverhalts. Ihm, Wedekind, komme das vor, als liefere Hans Lach da
eine Variante zu seinem Schweigen. Der Ermittler, hier der arme
Meisele, werde zur Schreibkraft. Er, KHK Wedekind, vermute, daß
Meisele naiv genug sei, ihm, Wedekind, einen Fall zu neiden, bei dem
der wahrscheinliche Täter und das Opfer gleichermaßen prominent sind.
So zu denken sei typisch für einen fast prinzipiell Subalternen
wie Meisele. Er, Wedekind, verspüre die Prominenz abwechselnd als Gas
und als Bremse. Ich war im Augenblick nicht wichtig für ihn, weil
er erfahren hatte, daß Hans Lach auch mich nicht mehr zu sich ließ.
Außer seiner Frau Erna wolle er niemanden sehen. Aber auch ihr,
so der KHK, sitze er wortlos gegenüber. Seiner Frau aber habe er
das, wissend, daß der Oberregierungsrat zuhöre, erklärt: Er gehöre
zu einer Vogelart, die in Gefangenschaft nicht singe. Wedekind sagte,
Hans Lach sei für ihn, den Ermittler, die Provokation schlechthin.
Ihm sei aus der Kriminalgeschichte kein Verdächtiger bekannt, der kein
bißchen an seiner Verteidigung interessiert zu sein scheint. Aber er
gebe nicht auf. Von ihm werde jetzt verlangt, Hans Lach aus seiner
Erstarrung zu lösen, ihm beizubringen, daß nur ein Geständnis ein
Weiterleben ermögliche. Die Schuld bei sich behalten wollen, das sei
eine Anmaßung, eine tödliche Anmaßung.
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Martin Walser - Tod eines Kritikers (1)
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Martin Walser
Tod eines Kritikers
Roman


Erste Auflage 2002
Ó Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2002
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des
öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und
Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in
irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere
Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet,
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Satz:
Druck:
Printed in Germany


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FÜR DIE, DIE MEINE KOLLEGEN SIND
Q U O D E S T
S U P E R I U S
E S T S I C U T
I N F E R I U S
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I. VERSTRICKUNG
Da man von mir, was zu schreiben ich mich jetzt veranlaßt fühle, nicht
erwartet, muß ich wohl mitteilen, warum ich mich einmische in ein
Geschehen, das auch ohne meine Einmischung schon öffentlich genug
geworden zu sein scheint. Mystik, Kabbala, Alchemie, Rosenkreuzertum
–,
das ist, wie Interessierte wissen, mein Themengelände. Tatsächlich
unterbreche ich, um mich in ein täglich mit neuen Wendungen
aufwartendes Geschehen einzumischen, die Arbeit an meinem
Buch Von Seuse zu Nietzsche. Es sind eher die Vorbereitungen zu diesem
Buch, die ich unterbreche, als die Arbeit an ihm. Inhalt: In die
deutsche Sprache kommt der persönliche Ton nicht erst durch Goethe,
von dem Nietzsche gierig profitierte, sondern schon durch Seuse,
Eckhart und Böhme. Weil das bürgerlich Geschriebene unsere
Erlebnis-und Fassungskraft besetzt hat, haben wir, das Publikum,
nicht wahrnehmen können, daß die Mystiker ihre Ichwichtigkeit
schon so deftig erlebt haben wie Goethe und wie nach ihm Nietzsche.
Nur waren sie glücklich und unglücklich nicht mit Mädchen, Männern
und Frauen, sondern mit Gott ...
Ich muß das erwähnen, weil durch mein sonstiges Schreiben gefärbt sein
kann, was ich mitteile über meinen Freund Hans Lach. Beide, Hans
Lach und ich, sind Schreibende.
Ich war in Amsterdam, als es passierte. Bei Joost Ritman war ich,
eingeladen, seine Sammlung anzuschauen. Mir ist kein Privater bekannt,
der so viele Specimena der Mystik, Kabbala, Alchemie und des
Rosenkreuzertums gesammelt hat wie Joost Ritman. Ich wohnte im
Ambassade, wo ich in Amsterdam immer wohne, ich las beim Frühstück den
NRC, den ich dort immer lese, und erfuhr, daß Hans Lach verhaftet
worden ist. Mordverdacht. Obwohl es bei mir, sobald ich im Ausland
bin,
zu den Erholungsqualitäten gehört, nur die jeweils ausländischen
Zeitungen zu lesen, besorgte ich mir sofort die Frankfurter
Allgemeine. Da las ich nun, Hans Lachs neuestes Buch Mädchen ohne
Zehennägel sei von André Ehrl-König in seiner berühmten
und beliebten Fernseh-Show SPRECHSTUNDE unsanft behandelt worden. Der
Autor habe den Kritiker, als der, wie es üblich sei, nach seiner
Fernseh-Show in der Bogenhausener Villa des Ehrl-König-Verlegers
Ludwig Pilgrim erschien, grob angepöbelt. Noch sei ungeklärt, wie es
Hans Lach überhaupt gelungen sei, sich Zutritt zu der Party zu
verschaffen, die Ehrl-Königs Verleger nach jeder SPRECHSTUNDE
in seiner Villa veranstalte. Auf der Gästeliste sei Hans Lach nicht
vorgesehen gewesen, weil es unüblich sei, Autoren, die unmittelbar
davor in Ehrl-Königs SPRECHSTUNDE „dran" waren, nachher zur Party
einzuladen. Hans Lach sei zwar selber Autor des PILGRIM Verlags,
aber an diesem Abend hätte er nach den Regeln des Hauses
nicht dabei sein dürfen. Hans Lach habe offenbar sofort gegen André
Ehrl-König tätlich werden
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wollen. Als ihn zwei Butler hinausbeförderten, habe er ausgerufen: Die
Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Herr Ehrl-König möge sich vorsehen.
Ab heute nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen.
Diese Ausdrucksweise habe unter den Gästen, die samt und sonders mit
Literatur und Medien und Politik zu tun hätten, mehr als Befremden,
eigentlich schon Bestürzung und Abscheu ausgelöst, schließlich sei
allgemein bekannt, daß André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch
Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust. Auf dem Kühler von
Ehrl-Königs Jaguar, der am nächsten Morgen immer noch vor der Villa
des Verlegers stand, sei der berühmte gelbe Cashmere-Pullover, den
der Kritiker in seiner Fernsehshow immer um seine Schultern
geschlungen trage, gefunden worden. Von André Ehrl-König fehle jede
Spur. Es sei in dieser Nacht fast ein halber Meter Neuschnee gefallen.
München im Schnee-Chaos. Hans Lach sei schon am Tag danach unter
Verdacht gestellt und, da er kein Alibi nachweisen konnte und nicht
bereit war, auch nur eine einzige Frage zu beantworten, verhaftet
worden. Sein Zustand wird als Schock bezeichnet.
Ich konnte, als ich das las, gar nicht mehr richtig atmen. Aber ich
wußte doch, daß Hans Lach es nicht getan hatte. So etwas weiß man,
wenn man einen Menschen einmal mit dem Gefühl wahrgenommen hat.
Und obwohl ich über seine Freundschaften nicht viel weiß, beherrschte
mich, als ich das las, sofort eine einzige Empfindung: er hat außer
dir keinen Freund.
Ich rief sofort Joost Ritman an und sagte, daß ich sofort zurück nach
München müsse. Als ich noch sagen wollte, warum ich sofort zurück
müsse, merkte ich, daß das gar nicht so leicht mitzuteilen sei.
Ich sagte: Ein Freund ist in eine Not geraten.
Manchmal spricht man, wenn man
genau zu sein versucht, wie ein Ausländer. Weil ich zu hastig
aufgebrochen war, prüfte ich erst auf dem Bahnsteig, ob nichts
vergessen worden sei. Der Ausweis fehlte. Man hatte ihn an der
Rezeption erbeten und, weil ich es beim Aufbruch so eilig hatte,
vergessen, ihn mir wiederzugeben.
Hintelephoniert. Ein junger Asiate brachte ihn sofort. Ich
versäumte den Zug, den ich herausgesucht hatte, nicht. Aber nach einer
Stunde Fahrt blieb der Zug stehen, auf freiem, holländisch weitem
Feld. Und keine Erklärung.
Als einige Reisende schon laut wurden, endlich die Ansage: Deze trein
is afgeschaft. Wir mußten aussteigen, auf den Ersatzzug warten.
Für mich hing das alles mit Hans Lach, Ehrl-König und
München-Bogenhausen
zusammen. Mir sollte Zeit gegeben werden zu überlegen, ob ich wirklich
so überstürzt nach München zurückfahren sollte, mußte, durfte. Meine
Empfindung war unmißverständlich. Aber da, wo in einem gerechnet,
berechnet und geprüft wird, meldete sich die Gegenstimme. Sind Hans
Lach
und ich wirklich befreundet? Der bekannte, fast populär bekannte Hans
Lach und der im Fachkreis herumgeisternde Michael Landolf? Vielleicht
sind wir nur befreundet, weil wir keine fünf Minuten (zu Fuß) von
einander entfernt wohnen. Er in der
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Böcklin-, ich in der Malsenstraße, also im Malerviertel des lieblichen
Stadtteils Gern. Wir passen beide besser hierher als nach Bogenhausen,
hat Hans Lach einmal gesagt. Er ist allerdings deutlich jünger als
ich.
Hält also noch mehr für möglich als ich. Wir haben einander fast ein
bißchen schamhaft gestanden, daß wir ohne die Gerner Nachbarschaft
kaum Freunde geworden wären. Er, immer mitten im schrillen
Schreibgeschehen, vom nichts auslassenden Roman bis zum atemlosen
Statement, ich immer im funkelndsten Abseits der Welt. Mystik,
Kabbala,
Alchemie. Aber nachdem wir uns bei dem auch aktuell tendierenden
Philosophieprofessor Wesendonck in dessen Grünwalder Villa
kennengelernt hatten, haben wir keinen Grund empfunden, uns nicht mit
einem sorgfältig betonten Auf Wiedersehn zu verabschieden. Zeitgeizig
sind wir beide. Wir sind keine sogenannten engen Freunde, vielleicht,
weil wir beide vorsichtig geworden sind. Ich noch mehr als er. Draußen
bei Wesendoncks haben wir uns zwar gleich bei unseren Vornamen
genannt.
Das heißt aber nur, daß wir beide in der Welt, besonders in der
englisch-amerikanischen, herumgekommen sind. Er hat mich gleich
bei der zweiten oder dritten Anrede Michel genannt. Das tun, nach
meiner
Erfahrung, nur die, die es gut meinen mit mir, oder, sagen wir, die
Herzlichen. Hans Lach ist eine Herzlichkeitsbegabung. Das spürte ich
sofort. Wir haben beide bemerkt und es auch nicht vor einander
verheimlicht, daß wir nicht zum engeren Kreis der hier Eingeladenen
gehörten. Beide in Gern wohnend, teilten wir nachher ein
Taxi, auch bei der Bezahlung, weil keiner sich vom anderen einladen
lassen wollte oder konnte.
Daß wir da beide gleich kleinlich waren, war mir sympathisch. Und wir
sagten uns auf dem Heimweg auch die Gründe auf, die uns diese
Einladung
beschert hatten.
Mich hat Wesendonck über die Kabbala ausgefragt, weil er ein Buch
Gershom
Scholems für die Süddeutsche rezensieren sollte. Daß ich, als mir
Wesendonck das mitteilte, den typischen Enttäuschungsstich verspürte,
gestand ich natürlich nicht. Ich, in nichts so zu Hause wie in Mystik,
Kabbala, Alchemie, wurde nicht um diese Buchbesprechung gebeten, wohl
aber der doch ganz und gar aktuell tendierende Wesendonck. Aber er
hatte,
bevor er mich ausgefragt hatte, selber gesagt, daß ihm diese
Besprechung
nur angeboten worden sei und er sie nur angenommen habe, weil er mit
Gershom Scholem befreundet gewesen sei. Hans Lach führte sein
Eingeladenwordensein darauf zurück, daß er in der Frankfurter
Allgemeinen gerade ungut behandelt, ja sogar richtig beschimpft worden
sei, als Populist. Und zwar von einem der Herausgeber persönlich.
Dadurch sei er für Wesendonck einladbar geworden. Wesendonck habe ihn,
Hans Lach, diesen Abend lang richtig geprüft, ob er in die
Wesendonckphalanx passe. Ich müsse ja bemerkt haben, daß Wesendonck
den Namen jenes Herausgebers immer mit dem Zusatz Faschist versehen
habe. Diese Schmähfloskel stammte
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deutlich aus den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Aber die,
die sie damals im Mund führten, konnten offenbar auch jetzt, obwohl
selber deutlich gealtert, nicht darauf verzichten.
Obwohl ich nirgends dazugehöre – wer geschichtsträchtige Bücher
schreibt, kann die Abende nicht verplaudern –, kriege ich, weil ich,
wenn ich erschöpft bin, Zeitungen durchblättere, doch mit, wer gerade
mit wem und wer gegen wen ist. Den Rest sagt mir Professor Silberfuchs
im Kammerspiel-Foyer oder am Telephon. Er ist, wie er es selber
fröhlich ausdrückt, mit Gott und der Welt befreundet, und ich gehöre
zu seinen Telephonnummern. Er hat mein Mystik-Buch über alle Maßen
gelobt. In der Zeitung und im Radio. Dann mich angesprochen im Foyer
der
Kammerspiele. Er habe damit wirklich gewartet, aber als er mich zum
vierten Mal auf dem Platz zwei Reihen vor sich gesehen habe, habe er
sich und dann auch mich darauf hinweisen müssen, daß wir dem gleichen
Abonnement angehörten. Als er hörte, daß ich in Gern wohnte, sagte er
sofort: Hans Lach auch. Und sagte gleich noch dazu, daß er seinen
Spitznamen Hans Lach verdanke. Und er sei überhaupt nicht beleidigt.
Er finde, der von Hans Lach für ihn gefundene Spitzname könnte auch
bei Wagner in den Meistersingern vorkommen. Jetzt mußte ich doch
gestehen, daß ich seinen Spitznamen nicht kenne. Ach, rief er, wie
lustig. Sie sind der einzige in ganz München, der den nicht kennt.
Und es mache ihm überhaupt nichts aus, seinen Spitznamen
selber zu verbreiten. Silbenfuchs habe Hans Lach ihn genannt, nachdem
er, Professor Silberfuchs, den vorvorletzten Roman von Hans Lach in
irgendeiner Konversation ein Werk von grandioser Selbstbehinderung
genannt habe. Was man in München irgendwo sage, sage man immer der
ganzen Stadt. Zumindest in der Kulturszene. Die sei nirgends
so tratschselig wie in München. Das alles rauschte im Foyer auf mich
ein, weil ich, als er sich als Harlachinger ausgewiesen hatte, mich
zu Gern bekannte. Und Gern heißt für einen Professor der
Literaturwissenschaft Hans Lach. Hans Lach sei inzwischen, sagte er
noch schnell, weil das Klingelzeichen mahnte, doch fast schon zu
prominent für das liebe Kleinbürgerviertel. Der gehört längst nach
Bogenhausen, sagte der Professor. Und Ton und Schmunzeln konnten
bedeuten, der Satz sei auch ironisch gemeint gewesen. Daß ich nicht
nach Bogenhausen, sondern eben doch nach Gern gehörte, hatte der
Professor mit diesem Satz sicher nicht sagen wollen. Ich hatte nicht
vermeiden können, das herauszuhören.
Keine Polizei der Welt würde mich eines Mordes verdächtigen. Hans
Lach schon. Obwohl er den Mord so wenig begangen hat wie ich. Als
ich las, was über Hans Lach in der Zeitung stand, überlegte ich
nicht, ob er mich brauche oder nicht. Ich war nicht fähig, mir
vorzustellen, daß es in München und in ganz Deutschland mehr als
genug Menschen gäbe, die Hans Lach von diesem absurden Verdacht
befreien würden. Gar nichts konnte ich mir vorstellen. Nicht
einmal, daß ich aufdringlich wirken könnte. Er mußte Freunde haben,
die viel ernsthafter seine Freunde waren
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als ich, der Zufallsnachbar. Mir ist sonst immer alles zu schnell
peinlich. Und jetzt gar nicht. Hin mußte ich. Sofort. Nach München.
Und hinaus nach Stadelheim.
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Der Beamte, der mich an der Pforte abholte, sagte: Der Chef macht den
Besuch selber. Wie lang, fragte ich. Er: Wenn ich den Besuch machen
tät, könnte ich nur eine halbe Stunde erlauben, der Chef kann machen,
so lange er will. Der Herr Oberregierungsrat wußte also immerhin,
wer sein Untersuchungshäftling war. In einem polizeigrün gestrichenen
Raum wurde ich an ein rundes Tischchen in der Ecke gesetzt, dann kam
der Herr Oberregierungsrat mit seinem Häftling herein.
Hans Lach und ich am Tischchen in der einen, der Beamte an dem
Schreibtisch in der anderen Ecke. Als wolle er uns zeigen, daß er
unser
Gespräch nicht überwache, fing der Oberregierungsrat sofort mit dem
Aktenstudium an. Hans Lach sah mich an, zuckte mit den Schultern und
sagte mehr zu dem Beamten als zu mir hin: Rauchen darf man.
Der Beamte: Man darf. Der Herr Oberregierungsrat sei heute offenbar
besonders gut aufgelegt, sagte Hans Lach.
Ob er sich über ihn beklagen wolle, fragte der Beamte. Sie müssen
wissen, sagte Hans Lach zu mir, der Herr Oberregierungsrat fliegt
jedes Jahr in seinem Urlaub nach Nepal und bringt von dort Videos mir,
die er dann den Insassen hier vorführt. Hinter dem Berg, den Sie hier
sehen, sagt er dann, liegt ein englisches Hotel, in dem haben wir
schwedisches Bier getrunken. Der Herr Lach hat sich schnellstens über
mich informiert, sagte der Oberregierungsrat. Drückte aber durch den
Ton,
in dem er das sagte, aus, daß er weiterhin konzentriert sei auf seine
Arbeit, und an dem Gespräch dort am Tischchen nicht teilzunehmen
gedenke.
Das konnte nur heißen, Hans Lach und ich sollten nicht glauben, er
höre
unser Gespräch ab. Beamte sind viel fleißiger, als man denkt, sagte
Hans
Lach. Dann sagte er nichts mehr. Wenn der Beamte noch etwas gesagt
hätte,
hätte er sicher auch noch etwas gesagt. Er sah mich zwar an, aber
nicht so, daß ich hätte fragen können: Wie geht es Ihnen. Er sah mich
kein bißchen erwartungsvoll an oder neugierig. Er gähnte. Wollte das
Gähnen aber höflich verbergen. Je länger ich ihn anschaute, desto
weniger
war es mir peinlich, daß ich nicht wußte, wie ich das Gespräch
beginnen sollte. Ich war gekommen, um ihm zu sagen, daß ich wisse,
er sei es nicht gewesen. André Ehrl-König hat sich durch seine Art,
über Schriftsteller zu urteilen, sicher viele zu Feinden gemacht.
Warum sollte sich ausgerechnet Hans Lach so vergessen! Es gab andere,
die viel schlechter weggekommen waren. Durch Professor Silberfuchs
hatte
ich aus dieser Szene immer viel mehr erfahren als ich wissen wollte.
Ich hoffte, Hans Lach begriff, warum ich gekommen war. Ich wollte
etwas
tun für ihn. Daß ich gekommen war, war ein Angebot. Er mußte darauf
reagieren. Er sah mich ruhig an, vollkommen ruhig. Er erwartete nichts
von mir. Wahrscheinlich hatte sein Verleger schon die besten Anwälte
zusammengespannt. Wahrscheinlich empfing er an diesem Tischchen
täglich
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seine Freunde und Freundinnen. Ich kam mir plötzlich ganz überflüssig
vor. Ich hätte wirklich in Amsterdam bleiben sollen, Joost Ritmans
Kabbala-Blätter anschauen,vergiß München, morgen wird das Feuilleton
der
Republik Hans Lach feiern, er wird Interviews und Interviews geben,
das
arme Schwein, der wirkliche Mörder, wird sein Geständnis
herausstottern,
die Mutter eine Prostituierte, er aufgewachsen im Waisenhaus, vom
Kaplan
vergewaltigt, seit dem siebzehnten Lebensjahr straffällig, mit
achtundzwanzig – grade wieder mal aus dem Knast entlassen – schreibt
er
sein Leben auf, schickt das Manuskript André Ehrl-König, der läßt ihm
durch seine Sekretärin mitteilen, daß er keine Anlaufstation sei für
verpfuschte Biographien, also keimt in dem Knastheini eine Wut, er
sieht
Ehrl-König im Fernsehen, er fragt sich durch, ein Pförtner verrät ihm,
wo gefeiert wird, nichts wie hin, gewartet im fallenden Schnee, bis
der
Star kommt, zugestochen ...
Entschuldigen Sie, bitte, daß ich gekommen bin. Das konnte ich auch
nicht sagen. Es war übereilt. Ein Gefühl eben. Gefühle sind immer
übereilt.
Gefühle dürfen übereilt sein. Gefühle müssen übereilt sein. Basta. Zum
Glück brauchte er mich nicht. Was hätte ich denn tun können für ihn?
Aber
er sah mich nicht an, als wollte er sagen: Was wollen denn Sie hier.
Er sah mich ruhig an. Tendenzlos. Fast ohne jede Stimmung. Er kratzte
mit
einer Hand auf dem Handrücken der anderen. Er nahm mir nichts übel.
Daß
wir beide so sitzen konnten, ohne etwas zu sagen, daß dieses
Nichtssagen
überhaupt nicht peinlich war, das empfand ich als eine Art
Übereinstimmung
mit ihm. Er fand, daß ich gekommen war, nicht aufdringlich. Mit wem
hätte ich eine Stunde lang so sitzen können, ohne etwas zu sagen! Mit
wem
hätte er ... ach, erschon eher, er war es vielleicht gewohnt, daß man,
wenn er nichts sagte, auch nichts sagte.
Wenn ich, obwohl er so
deutlich nichts sagen wollte, doch angefangen hätte, etwas zu sagen,
irgendeinen Verlegenheitsquatsch, dann hätte ich die Situation
verfehlt.
Die Prüfung nicht bestanden. Das ist eben so. Der Prominente kann sich
benehmen, wie er will, er benimmt sich richtig. Nur du kannst etwas
falsch
machen. Selbst wenn du dieses Ritual überhaupt nicht anerkennst, du
verhältst dich doch genau so, wie es von einem wie dir erwartet wird.
Aber jetzt sei zufrieden, daß du einer Schweigestunde
verlegenheitsfrei
standgehalten hast. Mensch. Freibleibend. Was soll das jetzt? Weiß
nicht.
Einfach das Wort, das mich jetzt anzieht.
Freibleibend ...
Es war der Beamte, der sagte, es sei Zeit. Ich fand es erstaunlich,
daß er das Schweigen nicht kommentierte. Er hätte doch sagen können,
er
wisse es zu schätzen, daß die beiden Herrn ihn so gar nicht bei seinem
Aktenstudium gestört hätten. Aber daß er das Schweigen gar nicht
erwähnte,
war noch besser. Niveau, dachte ich, der Herr Oberregierungsrat hat
Niveau.
Beide gingen mit mir bis zum Pförtner. Da ich nicht jetzt noch etwas
durch
banalen Sarkasmus oder
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halbgare Ironie verderben wollte, verabschiedete ich mich sozusagen so
stumm, wie ich bis dahin gewesen war. Aber ich vermied es, das
Nichtssagen
pathetisch werden zu lassen. Hans Lach zog ganz zuletzt noch ein paar
Seiten, von Hand beschriebene, aus seiner Jackentasche und übergab sie
mir. Sein Blick dazu war nichts als sachlich. Draußen in der
beglückend
kalten Winterwelt merkte ich erst, wie warm es da drinnen gewesen war.
Wie oft bei Behörden, überheizt. Auf der Heimfahrt wurde mir
(wieder einmal) bewußt, wie wenig man von sich braucht, um ein Auto
durch
eine Stadt zu lenken, die man kennt. Ich dachte nur an ihn, sah nur
ihn
vor mir, wurde nicht fertig mit ihm, weil, was mir dort alsRuhe
vorgekommen
war, jetztgar nicht mehr so vorkam. Tendenzlos, ja. Aber ruhig? Sein
Bild in
meiner Vorstellung, sein immer ungeschützt wirkender Blick, die
rötlichen
Haare, kurze, sich gleich wieder dem Kopf zubiegende Haare, rötlich
grau.
Würde er sie wachsen lassen, gar nichtvorstellbar, daß das je lange
Haare
wären. Eine zu hohe, zu runde Stirn. Flache Augenhöhlen. Ach, Hans
Lach.
Ich schaute und schaute ihn an. Und wußte doch, daß er mir nicht ruhig
gegenübergesessen hatte, sondern ... Rauchend. Nicht einmal die von
ihm gerauchten Zigaretten hatte ich gezählt. Und hätte wirklich Zeit
gehabt.
Na ja. Hans Lach. Ich mußte durchprobieren, wie dieser Name in den mir
geläufigen europäischen Sprachen klingen würde. Suchte ich eine
Fluchtmöglichkeit? Ich hoffte, nicht.
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Am meisten ist Gern noch das, was es einmal gewesen sein muß, wenn der
Schnee alles zudeckt, alles neuerdings Dazugebaute. Und das gelingt
dem
Schnee fast jeden Winter ein-, zweimal. Wenn dann die Straßen nicht
geräumt werden, die schwarzen Menschen, Gleichgewicht suchend, durch
die Luft rudern, dann kann ich arbeiten. Hätte ich arbeiten können,
wenn ich nicht in dieses Geschehen hineingeraten wäre. Ich kam heim
und merkte, daß ich immer noch nicht wußte, wie es Hans Lach ging.
Dieses Schweigen. Ach was, Schweigen. Da lernt man Wörter kennen!
Wenn sie nicht taugen! Dieses Voreinandersitzen und Nichtssagen. Das
kann man doch nicht Schweigen nennen. Er tat mir leid. Das war es.
Jetzt erst gestand ich es mir ein: er tat mir leid, weil ich glaubte,
daß er es getan haben könnte. Für mich war es immer die
fürchterlichste
Vorstellung überhaupt: jemanden umgebracht zu haben. Manchmal – sehr
selten zum Glück – träumte ich das: du hast jemanden umgebracht,
man ist schon auf deiner Spur, du siehst deiner Überführung entgegen,
du mußt, um das zu verhindern, noch jemanden umbringen. Die Tage nach
solchen Träumen sind immer die glücklichsten Tage überhaupt. Den
ganzen Tag könnte ich summen vor Glück: du hast keinen umgebracht,
Halleluja. Ich war von Amsterdam so jäh weggefahren, ich mußte sofort
hinaus nach Stadelheim, weil ich glaubte, er könnte es doch getan
haben.
Und fürchterlicher konnte nichts sein. Also hin zu ihm. Dann sitzen
und
nichts sagen. Einfach weil man, wenn jemand jemanden umgebracht hat,
nichts mehr sagen kann. Jetzt merkte ich, daß mir der Tote kein
bißchen
leid tat, nur der Täter. Der Tote leidet doch nicht mehr. Aber der
Täter ... der kann keine Sekunde lang an etwas anderes denken als an
die Sekunde der Tat. Ich müßte mich, wenn mir das passierte, sofort
selber umbringen. Nicht, um mich zu strafen, nicht, um zu sühnen.
Nur weil es nicht auszuhalten wäre, dieses ewige, unablässige
Drandenkenmüssen. Und der saß mir gegenüber, sah mich an, ruhig.
Das habe ich mir eingeredet. Ruhig. Er war erledigt, zerquetscht, er
hatte sicher immer noch keinen ruhigen Schlaf gefunden. Die Augen.
Jetzt erst verstand ich diesen Blick. Dieses vollkommen Tendenzlose.
Keine Gesellschaft, bitte. Keine Teilnahme. Achten Sie, bitte, mein
Nichtinfragekommen für alles. Ich komme in Frage nur noch für nichts.
Und diesen Ausdruck hatte ich für ruhig gehalten. Halten wollen.
Etwas Unwiderrufliches getan haben.
Ich konnte nicht sitzen bleiben, mich nicht vom Winterbild draußen
einwiegen lassen, ich rannte im Zimmer hin und her, bis mir Lachs
Handgeschriebenes einfiel. Und las. Es waren Seiten eines
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DIN A5-Blocks. Mit Linien, an die sich der Schreiber, weil sie ihm zu
weit auseinander standen, nicht gehalten hat. Die Handschrift war
schwer lesbar. Lieber Michel Landolf, las ich, hier ein paar Notate
aus der
Ettstraße. Zwei Tage und zwei Nächte. Bitte, aufbewahren für was auch
immer. Herzlich Ihr Ex-Nachbar Lach. Ich las:


Versuch über Größe. Zuerst das Geständnis, daß Denken mir nichts
bringt. Ich bin auf Erfahrung angewiesen. Leider. Erfahren geht ja
viel langsamer als denken. Denken kann man schnell. Denken geht
leicht.
Denken ist keine Kunst. Denken ist großartig. Durch Denken wird man
Herr
über Bedingungen, unter denen man sonst litte. All das ist Erfahren
nicht. Nach meiner Erfahrung, der ich neuestens bis zur
Unerträglichkeit
ausgesetzt bin. In einem Satz gesagt: Immer öfter merke ich, daß
Menschen,
mit denen ich spreche, während wir mit einander sprechen, größer
werden.
Ich könnte auch sagen: Ich werde, während wir sprechen, kleiner. Das
ist eine peinliche Erfahrung. Und am peinlichsten, wenn das öffentlich
vor sich geht. In einem Restaurant. Oder – am allerschlimmsten – im
Fernsehstudio. Katastrophal ... Aber – und das ist die neueste
Erfahrung
überhaupt – auch wenn andere Leute in einer gewissen Art über mich
sprechen, werde ich kleiner. Und das, ohne daß ich mit diesen Leuten
zusammen bin oder auch nur weiß, daß die gerade über mich sprechen.
Ich sitze zu Hause anmeinem Arbeitstisch, und wenn ich aufstehen will,
reichen meine Füße nicht mehr auf den Teppich hinab, auf dem mein
Schreibtischstuhl steht. Das ist nicht so schlimm, weil ich auf meinem
Keshan, wenn ich vom Stuhl hinunterspringe, weich lande. Und – das
ist bei dieser Erfahrung das Wichtigste und eigentlich auch das
Schönste – nachts regeneriere ich mich. Jeden Morgen, wenn ich
aufwache, habe ich wieder meine alte Größe. Bis jetzt.
Einszweiundachtzig. Seit ich diese Erfahrung des Schrumpfens und
Wiederwachsens mache, messe ich mich jeden Tag. Tatsächlich genügt
es, um wieder die Normalgröße zu gewinnen, nicht, wach im Bett zu
liegen. Ich muß schon schlafen.
Und nicht jeder Schlaf bringt gleich viel Regeneration. Inzwischen
messe ich mich abends und morgens. Wenn mir abends öfter mal zehn
Zentimeter fehlen, fehlen mir nach nicht ganz störungsfreiem Schlaf
doch noch zwei oder drei Zentimeter. Ich habe von Schuhen gehört,
die so geschaffen sind, daß man in ihnen zwei bis drei Zentimeter
größer ist, und man erkennt von außen nicht, daß es sich um eine
Schuhkonstruktion handelt. Nach so etwas werde ich jetzt auf jeden
Fall suchen. Nach traumlosem Schlaf, in den die Welt also nicht
hineinwirkt, habe ich immer meine einszweiundachtzig. Ich glaube
noch nicht, daß das Ganze ein Problem für den Psychiater oder
Psychotherapeuten ist. Ich werde dieser Erfahrung mit Aufzeichnungen
folgen, sie dadurch anschaubar und vielleicht sogar überwindbar
machen.
Allerdings: Erfahrungen sind
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nicht so leicht beherrschbar wie das Denken. Durch Denken herrscht man
ja selber. Erfahrungen ist man eher ausgeliefert. Aber sie
aufzeichnen,
hilft. Das ist auch eine Erfahrung.


So weit war ich gerade, als das Telephon läutete.
Kriminalhauptkommissar Wedekind vom K 111. Der Leiter einer
Mordkommission für vorsätzliche Tötungsdelikte, jetzt beauftragt mit
den Ermittlungen im Fall Ehrl-König/ Lach. Von meinem Schweigebesuch
hater gehört, er bittet mich, trotzdem nicht aufzugeben. Ich sei
immerhin der einzige von allen, die um Besuchserlaubnis gebeten
hätten,
den Herr Lach empfangen habe. Mich und seine Frau Erna, alle anderen
habe er abgelehnt. Er müsse seinen Schweigestreik beenden. Das sei
überhaupt keine Taktik, die Erfolg haben könne. Wahrscheinlich
spekuliere
Lach darauf, daß wir ohne Leiche keine Anklage zustande bringen.
Da täuscht er s