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aus Wikipedia
Barcelona
Barcelona (kat. []; span. []) ist die Hauptstadt der Autonomen Gemeinschaft Katalonien in Spanien. Sie liegt am Mittelmeer, ca. 120 km südlich der Pyrenäen und der Grenze zu Frankreich. Barcelona ist mit über 1,6 Mio. Einwohnern (Stand: 30. Juni 2005) die zweitgrößte Stadt Spaniens und die größte Kataloniens. Der Anteil der in der Stadt lebenden Ausländer beträgt 15,9 % (Stand: 31. Dezember 2005). Bezogen auf die Einwohnerzahl ist Barcelona die elftgrößte Stadt der Europäischen Union. Im Gebiet der Àrea Metropolitana de Barcelona (ca. 630 km²) leben mehr als 3,16 Mio. Menschen. Dieser Zusammenschluss von 36 Städten und Gemeinden befindet sich auf dem Gebiet der Agglomeration von Barcelona (ca. 800 km²), in der etwa 3,9 Millionen Menschen leben. In der Metropolregion Barcelona (Regió urbana de Barcelona) leben ca. 5,3 Mio. Einwohner.

Geographie

Barcelona liegt im Nordosten der iberischen Halbinsel an der Küste des Mittelmeeres auf einem 5...
Barcelona (kat. []; span. []) ist die Hauptstadt der Autonomen Gemeinschaft Katalonien in Spanien. Sie liegt am Mittelmeer, ca. 120 km südlich der Pyrenäen und der Grenze zu Frankreich. Barcelona ist mit über 1,6 Mio. Einwohnern (Stand: 30. Juni 2005) die zweitgrößte Stadt Spaniens und die größte Kataloniens. Der Anteil der in der Stadt lebenden Ausländer beträgt 15,9 % (Stand: 31. Dezember 2005). Bezogen auf die Einwohnerzahl ist Barcelona die elftgrößte Stadt der Europäischen Union. Im Gebiet der Àrea Metropolitana de Barcelona (ca. 630 km²) leben mehr als 3,16 Mio. Menschen. Dieser Zusammenschluss von 36 Städten und Gemeinden befindet sich auf dem Gebiet der Agglomeration von Barcelona (ca. 800 km²), in der etwa 3,9 Millionen Menschen leben. In der Metropolregion Barcelona (Regió urbana de Barcelona) leben ca. 5,3 Mio. Einwohner.

Geographie

Barcelona liegt im Nordosten der iberischen Halbinsel an der Küste des Mittelmeeres auf einem 5 Kilometer breiten Plateau, das von der Bergkette Collserola und den Flüssen Llobregat im Süden sowie Besòs im Norden begrenzt wird. Die Pyrenäen liegen ca. 120 Kilometer nördlich der Stadt. Die Collserola, Teil des Küstengebirges, bildet den sanft gerundeten Hintergrund der Stadt. Sein höchster Punkt, der Tibidabo, ist 512 m hoch und wird von dem 288,4 m hohen und weithin sichtbaren Sendeturm Torre de Collserola überragt. Die Stadt ist von kleinen, meist bebauten Hügeln durchzogen, die den auf ihnen errichteten Vierteln den Namen gaben: Carmel (267 m), Monterols (121 m), Putxet (181 m), Rovira (261 m) und Peira (133 m). Der Berg Montjuïc (173 m) liegt im Südwesten und überblickt den Hafen. Auf ihm liegt auch die Festung aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die als Ersatz für die Ciutadella die Stadt kontrollierte. Heute ist die Festung ein Militärmuseum, und der Berg beherbergt einige olympische und kulturelle Einrichtungen sowie bekannte Gärten. Im Norden grenzt die Stadt an die Gemeinden Santa Coloma de Gramenet und Sant Adrià de Besòs, im Süden an L?Hospitalet de Llobregat und Esplugues de Llobregat, im Südosten liegt das Mittelmeer und im Westen liegen Montcada i Reixach und Sant Cugat del Vallès sowie Cerdanyola del Vallès.

Klima


Geschichte

Die Geschichte Barcelonas beginnt vor 2000 Jahren mit der iberischen Siedlung Barkeno. Ihre leicht zu verteidigende Lage auf einer Küstenebene zwischen dem Collserola-Kamm und dem Mittelmeer auf dem Weg von Zentraleuropa zur Iberischen Halbinsel hat die Bedeutung dieser Stadt durch alle Zeiten sichergestellt.

Ursprünge

Über die Ursprünge von Barcelona ist nur wenig bekannt. Aus der Zeit vor der Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Römer finden sich auf der Ebene Barcelonas Artefakte aus der Jungsteinzeit und der Kupfersteinzeit. Später, im 3. und 2. vorchristlichen Jahrhundert, wurde die Landschaft von den Laietani, einem iberischen Volk, besiedelt, die in Barkeno am Táber-Hügel (die heutige Ciutat Vella) und in Laie (oder Laiesken) am Montjuïc lebten. Beide Siedlungen prägten Münzen, die heute noch erhalten sind. Um dieselbe Zeit wurde eine kleine griechische Kolonie namens Kallipolis in der Region errichtet, deren genaue Lage jedoch unbekannt ist. 218 v. Chr., am Beginn des Zweiten Punischen Krieges, wurde die Gegend von den Karthagern unter der Führung Hannibal Barkas? erobert. Bis zu diesem Zeitpunkt verlief die Nordgrenze der karthagischen Territorien am Ebro, also 150 km südlich. Diese militärische Besetzung wird oft als Gründung von Barcelona bezeichnet.

Gründungslegenden

Es gibt zumindest zwei weitere Versionen über die Gründung Barcelonas, die ihren Ursprung bei Historikern aus dem fünfzehnten Jahrhundert haben. Eine schreibt die Gründung dem karthagischen General Hamilkar Barkas, dem Vater Hannibals, zu. Er soll die Stadt um 230 v. Chr. als Barkenon, Barcelino oder Barci Nova gegründet haben. Doch trotz der Ähnlichkeiten der karthagischen Dynastie Barkas und der heutigen Stadt wird allgemein angenommen, dass Barcelona auf das iberische Barkeno zurückgeht. Die zweite Version (zweifellos aus dem Reich der Mythen) behauptet, dass der Halbgott Herakles die Stadt um 1153 v. Chr gegründet hat (also rund 400 Jahre vor der Gründung Roms). Während der vierten seiner Arbeiten schloss sich Herakles Jason und den Argonauten bei ihrer Suche nach dem Goldenen Vlies an, die in neun Schiffen das Mittelmeer bereisten. Als eines der Schiffe wegen eines Sturmes an der katalanischen Küste verloren ging, machte der Held sich auf die Suche danach und fand es bei einem kleinen Hügel, zwar zerstört aber mit geretteter Mannschaft. Dieser sei von der Schönheit der Gegend so fasziniert gewesen, dass er eine Stadt namens Barca Nona (ital. Neuntes Schiff) gründete. Dagegen spricht, dass zu dieser Zeit auf der iberischen Halbinsel weder Latein noch die romanischen Sprachen (zu der die Italienische Sprache zählt) gesprochen wurden, die ja erst mit der Verbreitung des Vulgärlateins durch das Römische Imperium viele Jahrhunderte später entstanden.

Unter den Römern

Es gibt leider nur wenige Informationen über den Zeitraum zwischen 218 v. Chr. bis zur Zeitenwende. Die römische Republik übernahm zunächst die Kontrolle über den Landstrich und eroberte danach die restliche Iberische Halbinsel in den Kantabrischen Kriegen, die unter Augustus 19 v. Chr. beendet wurden. Der Nordosten der Halbinsel war die erste Region, die unter römische Kontrolle fiel, und diente daher als Basis zur weiteren Eroberung. Obwohl sich die Römer zwar in Barcino niederließen, war es viel weniger bedeutend als die Hauptstädte Tarragona und Caesaraugustia. Der Name Barcino wurde am Ende der Herrschaft von Augustus, Roms erstem Kaiser, beschlossen. Es war die Kurzform für die 133 v. Chr. gegründete Colonia Faventia Iulia Augusta Pia Barcino. Als Kolonie war es dazu ausgesehen, Land für pensionierte Soldaten bereitzustellen. Der römische Geograph Pomponius Mela berichtet von Barcino als eine Anzahl kleinerer Ansiedelungen unter Kontrolle Tarragonas (Taracco). Dennoch erlaubte die strategische Position der Stadt an einem Arm der Via Augusta ihre wirtschaftliche Entwicklung, und sie genoss so Steuerfreiheit. In der Zeit des Kaisers Augustus hatte Barcino das Aussehen eines castrums (also eines Militärlagers) mit seinen üblichen rechtwinkligen Hauptstraßen, die Cardo in Nord-Süd und die Decumanus in Ost-West Richtung. Das Forum (heute die Placa de Sant Jaume) lag auf dem Mons Taber, der heute die höchste Erhebung des Barri Gòtic ist. Die Mauern erstreckten sich über eine Länge von 1,5 km und schlossen 12 Hektar ein. Im zweiten Jahrhundert war die Stadt schon zu einem richtigen oppidum gewachsen und hatte eine Bevölkerung von 3500 bis 5000 Menschen. Die Wirtschaft basierte auf der Kultivierung des umliegenden Landes und dem Weinbau. Die archäologischen Funde dieser Periode (Skulpturen, Mosaike, Amphoren) bezeugen eine relativ reiche Bevölkerung, obwohl die Stadt keines der wichtigen öffentlichen Gebäude besaß, wie ein Amphitheater oder einen Circus, die in wichtigeren römischen Städten wie auch Tarragona existierten. Es gab nur ein öffentliches Gebäude, und zwar den Tempel, der Augustus geweiht war und wahrscheinlich am Anfang des ersten Jahrhunderts gebaut wurde. Er war ziemlich groß ? gemessen an der Größe Barcinos ? 35 m lang und 17,5 breit und von korinthischen Säulen umgeben. Als sich der Niedergang des Imperiums näherte, kam es auch zu ersten germanischen Einfällen um das Jahr 250, worauf die Befestigungsanlagen in den späteren Jahren des dritten Jahrhunderts unter Claudius II. verstärkt wurden. Die neue Doppelmauer war mindestens 2 Meter hoch (an manchen Stellen bis zu 8 Meter) und von 78 Türmen gesäumt, die 18 Meter hoch waren. Diese neuen Anlagen waren die stärksten in dieser römischen Provinz und sollten später für die steigende Bedeutung Barcinos im Vergleich zu Tarragona wichtig sein.

Die ersten Christen

Die ersten christlichen Gemeinschaften in der Provinz Tarragonas wurden während des dritten Jahrhunderts gegründet. Die Diözese von Tarragona entstand im Jahr 259, als deren Bischof, der Heilige Fructuós und die Diakonen Augurus und Eulogus auf Befehl Kaiser Valerians getötet wurden. Die christliche Gemeinde von Barcino scheint in der späteren Hälfte des dritten Jahrhunderts aufgebaut worden zu sein. Die Verfolgung der Christen unter Diokletian am Beginn des 4. Jahrhunderts führte zu einem Märtyrer in der Region Barcinos, dem heiligen Cucufato. Angeblich von afrikanischer Abstammung, arbeitete Cucufato in einigen Gebieten der Provinz (Barcino, Egara ? heute Terrassa ? und Iluro ? heute Mataró), bevor er im Castrum Octavium (das heutige Sant Cugat del Valles in der Nähe Barcelonas) gekreuzigt wurde. Die heilige Jungfrau Eulalia soll auch eine Märtyrerin aus Barcelona sein. Das Edikt von Mailand unter Kaiser Konstantin dem Großen (313) gewährte den Christen Religionsfreiheit im römischen Imperium und beendete jedwede Verfolgung. Der erste bekannte Bischof Barcinos war Pretextat (starb um 360), der die Synode von Sofia im Jahr 347 besuchte. Der Heilige Pacia und Lampi (starb 400) folgte ihm nach (310?390). Pacia ist besonders für seine Arbeiten De baptismo (?Über die Taufe?) und Libellus exhortatorius ad poenitentium (?Über die Buße?) bekannt. Die erste Kirche, die Basilica de la Sant Cruz am Ende der modernen Kathedrale, wurde am Ende des vierten Jahrhunderts gebaut.

Unter den Westgoten

Am Ende des fünften Jahrhunderts begann sich der Fall des weströmischen Reiches durch einige schwere Angriffe von einigen germanischen Völkern abzuzeichnen, die Angriffe auf das Imperium verübten. 410 wurde Rom unter dem Westgoten Alarich I. erobert. Alarichs Stiefbruder und Nachfolger Athaulf führte die westgotischen Truppen nach Südgallien, und nach der Niederlage gegen die römischen Streitkräfte bei Narbona (414) floh er über die Pyrenäen in die Provinz von Tarragona. Athaulf errichtete seinen Sitz in Barcino, wo er von seinen eigenen Truppen 415 ermordet wurde. Der Tod Athaulfs veränderte die Beziehungen zwischen Römern und Westgoten. Unter Walia (415?19) wurden sie zu Bundesgenossen, um die anderen germanischen Stämme in Spanien zu kontrollieren. Walia war darin so erfolgreich, dass Kaiser Favius Honorius das Gebiet der Westgoten um die Provinzen von Aquitania und Gallia Narbonensis erweiterte. Walia hatte seinen Sitz in Tolosa (heute Toulouse). Barcino blieb jedoch ein bedeutendes Zentrum des westgotischen Königreichs, aufgrund seiner hervorragenden Verteidigungsmauern. Nach dem Tod von Alarich II. in der Schlacht von Vouillé gegen die Franken (507), machte sein Nachfolger Gesaleic (507?11) Barcino zur Hauptstadt seines Reiches. Barcino kehrte zu seiner Rolle als Provinzstadt mit der Erhebung Toledos zur Hauptstadt unter Leovigildus 573 zurück. Die Westgoten stellten nur eine Minderheit der städtischen Bevölkerung dar, hatten jedoch die Machtpositionen inne. Die ersten Herrscher waren zunächst Arianer, tolerierten jedoch, dass die meisten Einwohner katholisch waren. Das religiöse Zentrum wechselte von der Basílica de la Santa Cruz (die zu einem arianischen Tempel wurde) zu der Kirche Sant Just. Katholische Konzilien wurden 540 unter Bischof Nebridi und 599 unter Ugern in der wiedergeweihten Basilica abgehalten. Zweifellos war die damals gesprochene Umgangssprache Vulgärlatein, das auch von den westgotischen Herrschern angenommen wurde. Langsam veränderte sich das lateinische Barcino (z. B. Barcinone, Barcinonem, Barcinonam, Barchinona).

Unter den Mauren

Die Truppen der Mauren erreichten die iberische Halbinsel im Jahre 711. Nach der Zerstörung Tarragonas im Jahre 717 ergab sich Barcelona und wurde dadurch vor größerer Zerstörung bewahrt. Die Herrschaft der Mauren in Barcelona dauerte weniger als ein Jahrhundert. Die Kathedrale wurde in eine Moschee umgewandelt, und die Steuern für Andersgläubige wurden erhöht.

Barcelona in der Spanischen Mark

Ludwig der Fromme, Sohn Karls des Großen, eroberte 801 Barcelona nach einer mehrmonatigen Belagerung. Die Stadt sollte die südlichste seiner Eroberungen von den Mauren sein, da er in Tortosa und bei den Flüssen Llobregat und Cardener zurückgeschlagen wurde. Diese Grenzregion wurde als Spanische Mark bezeichnet. Sie wurde von mehreren Grafen verwaltet, die vom König eingesetzt wurden. Barcelona wurde zum Sitz eines Grafen. Die ersten karolingischen Grafen Barcelonas waren nur wenig mehr als königliche Beamte, doch im Lauf der Zeit gewann ihre Position an Macht und Unabhängigkeit von der Zentralgewalt und den schwachen karolingischen Königen. Außerdem wurden mehrere Gebiete einem Grafen zugeteilt. Der letzte Graf Barcelonas, der von den Karolingern eingesetzt wurde, war Wilfried I., der Haarige. Davor war er schon Graf von Cerdanya und Urgell gewesen und erhielt 878 die Grafschaften von Barcelona, Girona und Besalú. Als er 897 starb, wurden Wilfrieds Besitztümer unter seinen zwei Söhnen Wilfried II. und Miro dem Jüngeren aufgeteilt, was die Einführung des Erbadels in der Spanischen Mark bedeutete. Wilfried II. war der letzte Graf, der dem karolingischen Hof Treue schwören musste, obwohl das Lehen eigentlich erst 1258 im Vertrag von Corbeil abgeschafft wurde. Die Vorherrschaft der Grafen von Barcelona unter den Herrschern der Spanischen Mark war zum Teil die Folge ihrer militärischen Fähigkeiten, wodurch es ihnen gelang, weitere Territorien von den maurischen Herrschern zu erobern. Sie versuchten außerdem, wieder Einwohner im Inland anzusiedeln, dessen Bewohner durch zwei Jahrhunderte Krieg vermindert worden waren. Barcelona mit seinen leicht zu verteidigenden und exzellenten Wehranlagen blühte durch die steigende Macht seiner Herrscher auf, während die anderen Grafschaften nur wenig vielversprechende Aussichten hatten.

Unter der Krone Aragóns

Durch den Ehevertrag zwischen Ramon Berenguer IV., Graf von Barcelona, und der erst einjährigen Petronella, Erbin der Krone Aragoniens, entstand 1137 aus Aragonien und den im 12. Jahrhundert mit Katalonien weitgehend identischen Ländern der Grafen von Barcelona eine Staatsgemeinschaft, die als ?Krone Aragonien? bekannt ist. Durch weitere dynastische Verbindungen sowie Eroberungen wurde sie im Hoch- und Spätmittelalter zur führenden Macht des westlichen Mittelmeerraumes. Ihr wirtschaftliches und kulturelles Zentrum war der katalanische Teil der Staatsgemeinschaft, das Prinzipat Katalonien, dessen Handelsflotte den westlichen Mittelmeerraum beherrschte und Handelsvertretungen in zahlreichen Häfen hatte. Barcelona war zu jener Zeit bereits die größte Ansiedelung Kataloniens und eine wichtige Einkommensquelle des Landes.

In der spanischen Monarchie

Die Hochzeit Ferdinand II. von Aragonien mit Isabella I. von Kastilien im Jahre 1469 vereinigte die zwei Königsgeschlechter Spaniens. Dadurch verlagerte sich das politische Zentrum nach Madrid und degradierte die einstige Krone Aragonien zur Provinz. Darüber hinaus musste Barcelona, wie viele spanische Städte am Mittelmeer, einen gewaltigen Handelsrückgang und Bedeutungsverlust durch die Entdeckung Amerikas hinnehmen. Im Konflikt zwischen Spanien und Frankreich Mitte des 17. Jahrhunderts ergriff Katalonien Partei für Frankreich, saß jedoch dann beim Friedensschluss von 1659, dem Pyrenäenfrieden, zwischen allen Stühlen und wurde zweigeteilt: Die katalanischen Gebiete nördlich der Pyrenäen (Nordkatalonien) gingen an Frankreich verloren. Im Spanischen Erbfolgekrieg (1700?1713), in dem es um die Thronfolge nach dem Tod des kinderlos gebliebenen Karl II. ging, ergriff Katalonien Partei für den Habsburger Thronprätendenten Erzherzog Karl und gegen den Bourbonen Philipp von Anjou ? später als Philipp V. bekannt. Der im Frieden von Utrecht als Sieger hervorgegangene Philipp V. bestrafte Katalonien dafür hart: 1714 wurde Barcelona von französischen Truppen besetzt, und die katalanischen Institutionen wurden aufgelöst, womit die katalanische Selbstverwaltung endete. Die Stadt war im 19. Jahrhundert Schauplatz mehrerer Aufstände. Unter anderem kam es im November 1842 zu Protesten gegen die von der spanischen Regierung auferlegten Belastungen. In der Stadt gewannen die Aufständischen die Oberhand, das Militär zog sich auf die Festung am Montjuïc zurück. Auf Befehl von Regent Baldomero Espartero begann am 3. Dezember 1842 ein Beschuss der Stadt, der 12 Stunden dauerte. Er führte zu erheblichen Zerstörungen und kostete etwa 100 Menschen das Leben. Am Tag darauf ergaben sich die Rebellen und wurden entwaffnet. [1] Barcelona entwickelte sich im Zuge der Industrialisierung zu einer Stadt, in der der spanische Anarchismus besonders viele Anhänger fand. Sie war in den 1890er Jahren Schauplatz zahlreicher anarchistischer Anschläge. So verübte hier am 24. September 1893 der Anarchist Pallas ein Bombenattentat auf Arsenio Martínez Campos, bei dem mehrere Personen getötet und verwundet wurden. [2] Pallas wurde am 5. Oktober vor ein Erschießungspeloton gestellt. [3] Um seine Hinrichtung zu rächen, wurde am 7. November bei einer Vorstellung im Gran Teatre del Liceu ein weiteres Attentat verübt, bei dem 23 Personen getötet und etwa 40 verletzt wurden. [4] Am Ende des 19. Jahrhunderts erlebte die Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung und wurde ein Zentrum der industriellen Entwicklung Spaniens, wodurch Reichtum und politischer Einfluss in die Region zurückkehrten. 1888 war Barcelona Gastgeber der Weltausstellung, die zu einer großen Ausdehnung der Stadtfläche vom Parc de la Ciutadella bis zu Barceloneta führte. 1897 wurden sechs umliegende Ortschaften eingemeindet und der neue Stadtbezirk Eixample (wörtlich: ?Ausdehnung?) angelegt. Der Wohlstand der Stadt führte auch zu ihrer Wiedergeburt als kulturelles Zentrum. Mit der Exposición Internacional de Barcelona wurde 1929 eine zweite große internationale Ausstellung organisiert, die zur Urbanisierung der Gegend um die Plaça d?Espanya und zum Bau der U-Bahn führte.

Die zweite Republik und der Bürgerkrieg

Nach dem Wahlsieg der spanischen Linken, die sich 1936 zum Frente Popular (zur ?Volksfront?) zusammengeschlossen hatte, sollte Barcelona Austragungsort einer Volksolympiade werden, einer Gegenveranstaltung zu den Olympischen Spielen von Berlin im nationalsozialistischen Deutschland. Mit dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs im Juli 1936 mussten die Wettkämpfe jedoch abgesagt werden. Einige der Athleten schlossen sich in der Folge den sozialistischen, kommunistischen und anarchistischen Milizen zur Verteidigung der spanischen Republik an, die eine Keimzelle der späteren Internationalen Brigaden wurden. In Barcelona, einer Hochburg republikanischer Kräfte, wurden die aufständischen Truppen schnell von Milizen und regierungstreuen Verbänden der Guardia Civil zerschlagen. 1937 kam es in der Stadt dann aber zu einer bewaffneten Auseinandersetzung innerhalb des republikanischen Lagers, zwischen Anarchisten und Linksmarxisten einerseits und Kommunisten und Sozialisten andererseits ? den sogenannten Maiereignissen von Barcelona, einem Bürgerkrieg im Bürgerkrieg, der erst nach Tagen und hunderten von Todesopfern beendet werden konnte. Im Jahr 1938 war Barcelona das Ziel zahlreicher schwerer Luftangriffe durch die Aufständischen, an denen sich auch deutsche Flugzeuge der Legion Condor beteiligten. Mit dem nahenden militärischen Zusammenbruch der II. Republik erreichten die nationalistischen Verbände Ende 1938 die Grenzen der Stadt, die am 26. Januar 1939 unter die Kontrolle der Truppen Francos fiel.

Unter Franco

Der massive Widerstand Barcelonas gegen den Putsch Francos hatte nach der Niederlage der republikanischen Regierung verheerende Folgen für Katalonien. Die autonomen Institutionen der Region ? wie die Generalitat de Catalunya ? wurden abgeschafft und der Gebrauch der katalanischen Sprache in der Öffentlichkeit, der Ausbildung und dem Verlagswesen unterdrückt, wodurch Barcelona seine Rolle als politisches und kulturelles Zentrum einbüßte. Dennoch blieb es eines der wirtschaftlichen und industriellen Zentren des Landes und zog in den folgenden Jahrzehnten viele Immigranten aus ärmeren spanischen Regionen an (vor allem aus Andalusien und Galicien). Der Anstieg der Bevölkerung führte zu einer beschleunigten Urbanisierung, zur Entwicklung des U-Bahn- und Straßennetzes aber auch zum Bau großer Schlafstädte am Stadtrand. Darüber hinaus verstärkte die Zuwanderung spanischsprechender Bevölkerungsschichten die vom Franco-Regime betriebene Zurückdrängung der katalanischen Kultur in Barcelona, eine Entwicklung, von der sich die Stadt nach Ende der Franco-Ära nur teilweise erholte.

Modernes Barcelona

Der Tod Francos im Jahr 1975 führte zu einer Demokratisierungsbewegung in Spanien, der Transición, die insbesondere auch in Katalonien breite Unterstützung fand. Im Jahr 1977 kam es in Barcelona zu einer Groß-Demonstration mit über einer Million Menschen, die im Zuge der politischen Erneuerung Spaniens die Wiederherstellung der katalanischen Autonomie forderten. Diese wurde bereits kurz darauf mit der Rückkehr von Josep Tarradellas ? des Präsidenten der Generalitat im französischen Exil ? und dem Gesetz zum Autonomiestatut Kataloniens, dem Estatut de Autonomia, wieder eingerichtet. Die Entwicklung Barcelonas wurde in den folgenden Jahren durch zwei bedeutende Ereignisse gefördert: den Beitritt Spaniens zur EU 1986 und den Olympischen Sommerspielen 1992. Die Stadt entwickelte sich zu einem beliebten Touristenziel mit stetig ansteigenden Besucherzahlen. Da viele Familien aus der dicht bebauten Innenstadt in die Vororte zogen, sank die Bevölkerungszahl in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts um 17 Prozent, stieg seit der Jahrtausendwende auf Grund einer starken Zuwanderung (vor allem aus Lateinamerika und Marokko) jedoch wieder an. Die städtebauliche Entwicklung der Stadt ist in den letzten Jahren von zahlreichen Großprojekten gekennzeichnet, die eine Verbesserung der Infrastruktur und der Lebensqualität zum Ziel haben, wie z.?B. der Sanierung der Strände, dem Neubau des Viertels Diagonal Mar anlässlich des Internationalen Forums der Kulturen 2004 und dem Bau der Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke AVE von Madrid über Saragossa und Barcelona nach Frankreich.

Politik

Bürgermeister der Stadt ist seit dem 8. September 2006 Jordi Hereu vom PSC, dem katalanischen Landesverband der Sozialistischen Arbeiterpartei Spaniens. Er wurde vom Stadtrat zum Nachfolger seines Parteifreundes Joan Clos gewählt, der zum spanischen Industrieminister ernannt geworden war.[5]

Kultur und Sehenswürdigkeiten

Im Stadtzentrum

Das Zentrum der Stadt bildet als Verkehrsknotenpunkt die Plaça de Catalunya, von hier aus sind zu Fuß die römischen Ruinen, die mittelalterliche Stadt und die moderne Planstadt Eixample zu erreichen, die für ihre quadratischen Häuserblocks mit den abgeschrägten Ecken (kat. Xamfrans; span. Chaflanes) und den vielen Modernisme-Bauten bekannt ist. Die Altstadtbereiche sind hauptsächlich eben, die neueren Viertel hingegen liegen an den Hängen im oberen Teil Barcelonas, so dass einige Straßen dort etwas an San Francisco erinnern. Im Barri Gòtic, dem gotischen Viertel und historischen Stadtkern, stehen heute noch zahlreiche schöne architektonische Zeugnisse der mittelalterlichen Königs- und Handelsstadt wie La Catedral, die Kathedrale der heiligen Eulàlia, der Königsplatz (Plaça del Rei), das Frederic-Marés-Museum und das Rathaus (Ajuntament) . Die wohl bekannteste Straße und Flaniermeile ist La Rambla (oder Mehrzahl kat. Les Rambles), eine breite Allee, die vom Zentrum bis zum Hafen führt. Dort finden sich zahlreiche Blumen- und Vogelverkäufer, Zeitungskioske, Straßenmusikanten, Akrobaten, Cafés und Restaurants sowie der bekannte Markt Mercat de la Boqueria und der Plaça Reial mit seinen Arkaden und Palmen sowie typische Lokale und das weltberühmte Opernhaus Gran Teatre del Liceu. Am hafenabgewandten Ende der Rambles befindet sich der Trinkbrunnen Font de Canaletes, dem nachgesagt wird, dass jeder, der einmal daraus getrunken hat, sein Herz an Barcelona verliert und sein Leben lang immer wiederkommt. Am Ende der Promenade, am alten Hafen (kat. "Port Vell"), steht die Statue von Christoph Kolumbus. Dort befinden sich auch die mittelalterlichen Schiffswerften, die Drassanes (Drassanes Reials = königliche Werften), die heute das Schifffahrtsmuseum Museu Marítim beherbergen. Es erzählt die Geschichte der katalanischen Seefahrt im Mittelmeerraum und stellt unter anderem den 1:1-Nachbau der Galeere Real, des Flaggschiffs des Don Juan d'Austria bei der Seeschlacht von Lepanto (1571), aus. Der alte Hafen beherbergt das moderne Freizeitzentrum und Einkaufszentrum Maremagnum, das nebst zahlreichen Diskotheken, Boutiquen, Kinos (u. a. ein IMAX-Kino) auch das größte dem Mittelmeer gewidmete Ozeanarium enthält. Barcelona wurde von den Katalanen selbst bis Olympia 1992 als ?die Stadt mit dem Rücken zum Meer? (Katalanisch: ?ciutat d?esquena al mar?) tituliert. Industriegebiete versperrten Sicht und Zugang zum Meer. Im Zuge der Organisationsmaßnahmen für die Olympischen Sommerspiele 1992 standen dann genügend Gelder zur Verfügung, um die Innenstadt im Bereich des alten Hafens und des nord-östlich angrenzenden Küstenstreifens über den alten Fischerstadtteil Barceloneta hinaus mit einem breit angelegten, attraktiven Strand gegenüber dem Meer zu öffnen.

Barcelona und der Modernisme

Ende des 19. Jahrhunderts entstand in Barcelona eine eigene Form des Jugendstils, die Modernisme genannt wird. Ihr prominentester Vertreter ist Antoni Gaudí, der in Barcelona gelebt und gearbeitet hat. Von ihm sind etliche berühmte Gebäude zu besichtigen. Dazu zählen unter anderen die Casa Milà (La Pedrera), der Palau Güell, der Park Güell, die Casa Batlló, die Casa Vicens, die Casa Calvet und die noch unvollendete Kirche Sagrada Família, an der seit 1882 gebaut wird. Seit 1984 bzw. 2005 gehören diese Bauwerke zum Weltkulturerbe der UNESCO. Seit 1997 hat Barcelona mit zwei Bauten von Lluís Domènech i Montaner, dem Hospital de Sant Pau und dem Palau de la Música Catalana, weiteren Welterbe-Nachwuchs bekommen.

Weitere Sehenswürdigkeiten

Weitere Sehenswürdigkeiten sind vor allem die Font Màgica, ein beeindruckender Springbrunnen großen Ausmaßes mit Farb- und Musikuntermalung, das Museu Joan Miró, das Museu Picasso mit zahlreichen, weniger bekannten Werken von Pablo Picasso, und das Museu Nacional d?Art de Catalunya, das bedeutende romanische Wandmalereien und andere mittelalterliche Kunstwerke enthält, oder auch der Torre de Collserola / Collserola-Turm der von Sir Norman Foster entworfene futuristische Fernsehturm), der Torre Telefónica von Santiago Calatrava sowie der erst im Jahre 2004 fertig gestellte futuristische Torre Agbar mit 142 m Höhe. Ein architektonisches Meisterwerk von Weltrang stellt der deutsche Pavillon zur Weltausstellung 1929 dar. Eine Rekonstruktion des Gebäudes von Ludwig Mies van der Rohe befindet sich am Fuße des Montjuïc, unterhalb des Poble Espanyol, eines Kleinspanien, das ebenfalls Teil des damaligen Weltausstellungsgeländes war. Der Architekt Richard Meier entwarf das jedenfalls architektonisch außerordentlich sehenswerte Museu d?Art Contemporani de Barcelona (MACBA, 1992-1995) in der Altstadt. La Ciutadella: um die rebellischen Katalanen besser in Schach halten zu können, ließ Philipp V. hier 1716 eine Zitadelle errichten. 1868 musste ein Großteil der Anlage einem Park weichen, in dem 1888 die Weltausstellung stattfand. Der Zoologische Garten (Parc Zoológic) nimmt den größten Teil des Ciutadella-Parks in Anspruch. Eine besondere Sehenswürdigkeit ist die Hafenseilbahn Barcelona, welche den Torre Jaume I mit dem Torre Sant Sebastià verbindet.

Veranstaltungen

  • 1888: Weltausstellung
  • 1929: Weltausstellung, zusammen mit Sevilla
  • 1982: Fußball-Weltmeisterschaft u.a. ausgetragen im Camp Nou und im Estadio Sarriá
  • 1988: Hinspiel des Finales des UEFA-Pokal 1987/88
  • 1989: Endspiel des Europapokal der Landesmeister 1988/89
  • 1992: Olympische Sommerspiele in Barcelona
  • 1999: Endspiel der UEFA Champions League 1998/99
  • 2004: Von Mai bis September das Internationale Forum der Kulturen

Hausbesetzerszene

Barcelona besitzt seit vielen Jahren eine der aktivsten Hausbesetzerszenen Europas. Eine wesentliche Ursache ist hierfür in der Tatsache zu sehen, dass über 80 % der Wohneinheiten Barcelonas Eigentumswohnungen ? und somit für selbstständige Jugendliche unbezahlbar ? sind. Im Jahr 2000 waren rund 70 Häuser im Raum Barcelona besetzt, vor allem in den an die Altstadt angrenzenden Stadtteilen Sants und Gràcia. Heute ist von bis zu 200 die Rede, von denen allerdings nur rund ein Viertel als Sozial-, Kultur- und Veranstaltungszentren ? also als offene Häuser ? geführt werden.[6] [7] In diesen finden regelmäßig Veranstaltungen statt, die auch in einem gemeinsam geführten, wöchentlich aktualisierten und öffentlich ausgehängten Terminkalender bekannt gegeben werden und auch im Internet abrufbar sind.[8]

Wirtschaft und Infrastruktur

Verkehr

Öffentlicher Verkehr

Barcelona ist ein wichtiger Knotenpunkt der RENFE, der spanischen Staatseisenbahnen. Die wichtigste Station für Vorortzüge ist Sants-Estació. Die AVE-Hochgeschwindigkeitsstrecke wurde kürzlich von Madrid bis nach Barcelona erweitert. Eine weitere Hochgeschwindigkeitsstrecke soll bis 2010 den Anschluss an das französische TGV-Netz herstellen. RENFE und die katalanische Staatsbahn Ferrocarrils de la Generalitat de Catalunya (FGC) betreiben ein weitverzweigtes S-Bahn-Netz. Der Verkehrsbetrieb von Barcelona, Transports Metropolitans de Barcelona (TMB), ist der Betreiber eines dichten Netzes von U-Bahnen und Bussen. Barcelona besitzt auch zwei verschiedene, nicht miteinander verbundene Straßenbahnnetze, genannt Trambaix und Trambesòs. Seit dem Jahr 2007 gibt es mit bicing auch ein Netz von öffentlichen Fahrrad-Mietstationen. Das außerstädtische Bahnnetz beschränkt sich nicht nur auf die RENFE, sondern speziell fürs Hinterland hinter dem Tibidabo sind die Ferrocarrils de la Generalitat de Catalunya zuständig.

Individualverkehr

Das Autobahnnetz rund um Barcelona ist außerordentlich dicht und (außer einem Teilstück der C-16 Richtung Terrassa) nicht mautpflichtig. Das Straßennetz hat in der Innenstadt eine Schachbrett-Struktur, der Tibidabo ist überall gut zu sehen. Eine der wichtigsten Straßen ist die Avinguda Diagonal, die sich quer durch die ganze Stadt zieht. Barcelona hat allerdings erhebliche Probleme mit der Verkehrsdichte, d.h. Staus sind in der Innenstadt eher die Regel als eine Ausnahme. Der vorherrschende Fahrstil ist etwas sportlich und ungeduldig, aber dennoch fair und rücksichtsvoll. Ein beträchtlicher Teil des Straßennetzes ist als ein System von Einbahnstraßen angelegt, mit abwechselnd entgegengesetzter Richtung, dadurch sind Navigationssysteme in diesen Straßen in der Regel unbrauchbar. Wenn man mit dem Wohnmobil anreisen möchte, sollte man das Park-and-Ride-Angebot der Stadt nutzen und außerhalb der Innenstadt parken. In der Innenstadt sind die Parkräume sehr begrenzt und die vielen Tiefgaragen nur für PKW brauchbar. Entsprechend sind die Parkgebühren überdurchschnittlich hoch.

Flughafen

Barcelona ist nicht nur über den eigenen Flughafen El Prat, der der zweitgrößte Spaniens ist, sondern auch über die Flughäfen von Girona und Reus ausreichend schnell zu erreichen.

Fähre

Auf die Balearen und nach Genua existiert von der Estació Marítima aus eine mindestens täglich verkehrende Fährverbindung ? meist nachts. Segler und Jachteigner werden im Hafen abgewiesen, die Marina befindet sich stattdessen im Olympia-Hafen.

Bildung

Barcelona hat vier öffentliche Universitäten:
  • Universitat de Barcelona (UB) (gegr. 1450)
  • Universitat Autònoma de Barcelona (UAB) (gegr. 1968)
  • Universitat Politècnica de Catalunya (UPC) (gegr. 1971)
  • Universitat Pompeu Fabra (UPF) (gegr. 1990)
dazu kommen noch diverse private Hochschulen.

Bildungswesen für Immigranten und Austauschstudenten

Barcelona beherbergt viele deutsche Immigranten und verfügt deshalb auch über die Deutsche Schule Barcelona[9], an der die allgemeine Hochschulreife nach bayerischem Lehrplan erworben werden kann. Für ein Auslandssemester in Barcelona, zum Beispiel an der Universitat Politécnica de Catalunya oder der Universitat Autonoma de Barcelona (in Cerdanyola del Vallès), sind Kenntnisse der katalanischen Sprache von Vorteil, da die Lehrveranstaltungen oft auf Katalanisch gehalten werden. Es werden allerdings auch Vorlesungen auf Spanisch sowie vereinzelt auf Englisch angeboten.

Sport

Die beiden bedeutendsten Sportvereine sind der FC Barcelona, dessen Stadion Camp Nou gleichzeitig das größte Stadion Europas ist, und Espanyol Barcelona, der im Olympiastadion spielt. Des Weiteren finden seit 1991 regelmäßig Formel-1-Rennen auf dem Circuit de Catalunya nördlich von Barcelona statt. Die Handball-Sparte des FC Barcelona ist die bis heute erfolgreichste Vereinsmannschaft der Welt, sie gewann unter anderem siebenmal die Champions League. Die Heimspiele werden im Palau Blaugrana ausgetragen, einer ca. 8.100 Zuschauer fassenden Arena. Barcelona gilt zudem als ?Mekka? für Skateboarder, es finden in der Stadt regelmäßig Skateboarding-Veranstaltungen statt.

Söhne und Töchter der Stadt

Siehe Liste der Söhne und Töchter der Stadt Barcelona.

Partnerstädte

Literatur

  • hiCat-Research territories. ACTAR, Barcelona 2004, ISBN 84-95951-40-1
  • barcelona 1979|2004. del desenvolupament a la ciutat de qualitat. Ajuntament de Barcelona, 1999, ISBN 84-7609-926-6
  • Joan Busquets: Barcelona. La construcción urbanística de una ciudad compacta. Ediciones del Serbal, Barcelona 2004, ISBN 84-7628-458-6
  • Ulrike Fokken: Barcelona, Literarische Streifzüge. Artemis&Winler, Düsseldorf 08/2007 ISBN 978-3-538-07249-7
  • Robert Hughes: Barcelona. Droemer/Knaur, 1995, ISBN 978-3-426-77114-3

Siehe auch

  • Liste der größten Städte der EU

Weblinks

  • Information der Generalitat de Catalunya zu Barcelona
  • Offizielle Website von Barcelona
  • Transports Metropolitans de Barcelona
  • Offizieller Stadtplan (englisch)
  • Website zur ?Àrea Metropolitana de Barcelona?
  • Website zum Strategieplan der ?Àrea Metropolitana de Barcelona?
  • Website des Industriebündnisses der ?Regió Metropolitana de Barcelona?
  • Informationen über Barcelona ? offizielle Website für den Tourismus in Spanien

Einzelnachweise

  1. ^http://www.aics-usa.org/CATTOD15N03.rtf Seite 26-30
  2. ^retro|bib - Seite aus Brockhaus' Konversationslexikon: Anarchismus
  3. ^http://query.nytimes.com/mem/archive-free/pdf?res=980CEEDF153EEF33A25755C0A9669D94629ED7CF
  4. ^The Anarchists Chapter 7
  5. ^Nachricht auf der Website der Stadt Barcelona (englisch) _rif1_
  6. ^Leben in der Lücke, Online-Wochenzeitung Jungleworld, 25. Oktober 2000
  7. ^Info Usurpa ? Butlletí setmanal de contr@informació des del 1996. Nr. 486, 11. bis 17. Juli 2007 (seit 1996 öffentlich aushängender, wöchentlich aktualisierter Veranstaltungskalender für besetzte Häuser und autonome Zentren in Barcelona),
  8. ^ http://usurpa.squat.net (unten klicken)
  9. ^www.dsbarcelona.com


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Martin Walser - Tod eines Kritikers (1)
WHY NOT! Pages 1 to 18 Rest wird noch gepostet. Wer das PDF File haben will, was leider im Netz zensiert und abgemahnt wird (heise, telepolis nachlesen), schickt ne Mail an EINE der Adressen. PDF kommt dann irgendwann per Mail (363 KB): auto353379@hushmail.com auto352558@ziplip.com walsertek@ziplip.com walsertek@hushmail.com Converting file walser-tek.pdf *Pages 1--148* 1 Martin Walser Tod eines Kritikers Roman Erste Auflage 2002 Ó Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2002 Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Satz: Druck: Printed in Germany 1 2 3 4 5 6 – 07 06 05 04 03 02 1 2 FÜR DIE, DIE MEINE KOLLEGEN...

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Martin Walser - Tod eines Kritikers (1)
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Rest wird noch gepostet.

Wer das PDF File haben will, was leider im Netz zensiert und abgemahnt
wird (heise, telepolis nachlesen), schickt ne Mail an EINE der
Adressen. PDF kommt dann irgendwann per Mail (363 KB):


auto353379@hushmail.com
auto352558@ziplip.com
walsertek@ziplip.com
walsertek@hushmail.com



Converting file walser-tek.pdf

*Pages 1--148*
1
Martin Walser
Tod eines Kritikers
Roman


Erste Auflage 2002
Ó Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2002
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des
öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und
Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in
irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere
Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet,
vervielfältigt oder verbreitet werden.
Satz:
Druck:
Printed in Germany


1 2 3 4 5 6 – 07 06 05 04 03 02
1
2
FÜR DIE, DIE MEINE KOLLEGEN SIND
Q U O D E S T
S U P E R I U S
E S T S I C U T
I N F E R I U S
2
3
I. VERSTRICKUNG
Da man von mir, was zu schreiben ich mich jetzt veranlaßt fühle, nicht
erwartet, muß ich wohl mitteilen, warum ich mich einmische in ein
Geschehen, das auch ohne meine Einmischung schon öffentlich genug
geworden zu sein scheint. Mystik, Kabbala, Alchemie, Rosenkreuzertum
–,
das ist, wie Interessierte wissen, mein Themengelände. Tatsächlich
unterbreche ich, um mich in ein täglich mit neuen Wendungen
aufwartendes Geschehen einzumischen, die Arbeit an meinem
Buch Von Seuse zu Nietzsche. Es sind eher die Vorbereitungen zu diesem
Buch, die ich unterbreche, als die Arbeit an ihm. Inhalt: In die
deutsche Sprache kommt der persönliche Ton nicht erst durch Goethe,
von dem Nietzsche gierig profitierte, sondern schon durch Seuse,
Eckhart und Böhme. Weil das bürgerlich Geschriebene unsere
Erlebnis-und Fassungskraft besetzt hat, haben wir, das Publikum,
nicht wahrnehmen können, daß die Mystiker ihre Ichwichtigkeit
schon so deftig erlebt haben wie Goethe und wie nach ihm Nietzsche.
Nur waren sie glücklich und unglücklich nicht mit Mädchen, Männern
und Frauen, sondern mit Gott ...
Ich muß das erwähnen, weil durch mein sonstiges Schreiben gefärbt sein
kann, was ich mitteile über meinen Freund Hans Lach. Beide, Hans
Lach und ich, sind Schreibende.
Ich war in Amsterdam, als es passierte. Bei Joost Ritman war ich,
eingeladen, seine Sammlung anzuschauen. Mir ist kein Privater bekannt,
der so viele Specimena der Mystik, Kabbala, Alchemie und des
Rosenkreuzertums gesammelt hat wie Joost Ritman. Ich wohnte im
Ambassade, wo ich in Amsterdam immer wohne, ich las beim Frühstück den
NRC, den ich dort immer lese, und erfuhr, daß Hans Lach verhaftet
worden ist. Mordverdacht. Obwohl es bei mir, sobald ich im Ausland
bin,
zu den Erholungsqualitäten gehört, nur die jeweils ausländischen
Zeitungen zu lesen, besorgte ich mir sofort die Frankfurter
Allgemeine. Da las ich nun, Hans Lachs neuestes Buch Mädchen ohne
Zehennägel sei von André Ehrl-König in seiner berühmten
und beliebten Fernseh-Show SPRECHSTUNDE unsanft behandelt worden. Der
Autor habe den Kritiker, als der, wie es üblich sei, nach seiner
Fernseh-Show in der Bogenhausener Villa des Ehrl-König-Verlegers
Ludwig Pilgrim erschien, grob angepöbelt. Noch sei ungeklärt, wie es
Hans Lach überhaupt gelungen sei, sich Zutritt zu der Party zu
verschaffen, die Ehrl-Königs Verleger nach jeder SPRECHSTUNDE
in seiner Villa veranstalte. Auf der Gästeliste sei Hans Lach nicht
vorgesehen gewesen, weil es unüblich sei, Autoren, die unmittelbar
davor in Ehrl-Königs SPRECHSTUNDE „dran" waren, nachher zur Party
einzuladen. Hans Lach sei zwar selber Autor des PILGRIM Verlags,
aber an diesem Abend hätte er nach den Regeln des Hauses
nicht dabei sein dürfen. Hans Lach habe offenbar sofort gegen André
Ehrl-König tätlich werden
3
4
wollen. Als ihn zwei Butler hinausbeförderten, habe er ausgerufen: Die
Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Herr Ehrl-König möge sich vorsehen.
Ab heute nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen.
Diese Ausdrucksweise habe unter den Gästen, die samt und sonders mit
Literatur und Medien und Politik zu tun hätten, mehr als Befremden,
eigentlich schon Bestürzung und Abscheu ausgelöst, schließlich sei
allgemein bekannt, daß André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch
Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust. Auf dem Kühler von
Ehrl-Königs Jaguar, der am nächsten Morgen immer noch vor der Villa
des Verlegers stand, sei der berühmte gelbe Cashmere-Pullover, den
der Kritiker in seiner Fernsehshow immer um seine Schultern
geschlungen trage, gefunden worden. Von André Ehrl-König fehle jede
Spur. Es sei in dieser Nacht fast ein halber Meter Neuschnee gefallen.
München im Schnee-Chaos. Hans Lach sei schon am Tag danach unter
Verdacht gestellt und, da er kein Alibi nachweisen konnte und nicht
bereit war, auch nur eine einzige Frage zu beantworten, verhaftet
worden. Sein Zustand wird als Schock bezeichnet.
Ich konnte, als ich das las, gar nicht mehr richtig atmen. Aber ich
wußte doch, daß Hans Lach es nicht getan hatte. So etwas weiß man,
wenn man einen Menschen einmal mit dem Gefühl wahrgenommen hat.
Und obwohl ich über seine Freundschaften nicht viel weiß, beherrschte
mich, als ich das las, sofort eine einzige Empfindung: er hat außer
dir keinen Freund.
Ich rief sofort Joost Ritman an und sagte, daß ich sofort zurück nach
München müsse. Als ich noch sagen wollte, warum ich sofort zurück
müsse, merkte ich, daß das gar nicht so leicht mitzuteilen sei.
Ich sagte: Ein Freund ist in eine Not geraten.
Manchmal spricht man, wenn man
genau zu sein versucht, wie ein Ausländer. Weil ich zu hastig
aufgebrochen war, prüfte ich erst auf dem Bahnsteig, ob nichts
vergessen worden sei. Der Ausweis fehlte. Man hatte ihn an der
Rezeption erbeten und, weil ich es beim Aufbruch so eilig hatte,
vergessen, ihn mir wiederzugeben.
Hintelephoniert. Ein junger Asiate brachte ihn sofort. Ich
versäumte den Zug, den ich herausgesucht hatte, nicht. Aber nach einer
Stunde Fahrt blieb der Zug stehen, auf freiem, holländisch weitem
Feld. Und keine Erklärung.
Als einige Reisende schon laut wurden, endlich die Ansage: Deze trein
is afgeschaft. Wir mußten aussteigen, auf den Ersatzzug warten.
Für mich hing das alles mit Hans Lach, Ehrl-König und
München-Bogenhausen
zusammen. Mir sollte Zeit gegeben werden zu überlegen, ob ich wirklich
so überstürzt nach München zurückfahren sollte, mußte, durfte. Meine
Empfindung war unmißverständlich. Aber da, wo in einem gerechnet,
berechnet und geprüft wird, meldete sich die Gegenstimme. Sind Hans
Lach
und ich wirklich befreundet? Der bekannte, fast populär bekannte Hans
Lach und der im Fachkreis herumgeisternde Michael Landolf? Vielleicht
sind wir nur befreundet, weil wir keine fünf Minuten (zu Fuß) von
einander entfernt wohnen. Er in der
4
5
Böcklin-, ich in der Malsenstraße, also im Malerviertel des lieblichen
Stadtteils Gern. Wir passen beide besser hierher als nach Bogenhausen,
hat Hans Lach einmal gesagt. Er ist allerdings deutlich jünger als
ich.
Hält also noch mehr für möglich als ich. Wir haben einander fast ein
bißchen schamhaft gestanden, daß wir ohne die Gerner Nachbarschaft
kaum Freunde geworden wären. Er, immer mitten im schrillen
Schreibgeschehen, vom nichts auslassenden Roman bis zum atemlosen
Statement, ich immer im funkelndsten Abseits der Welt. Mystik,
Kabbala,
Alchemie. Aber nachdem wir uns bei dem auch aktuell tendierenden
Philosophieprofessor Wesendonck in dessen Grünwalder Villa
kennengelernt hatten, haben wir keinen Grund empfunden, uns nicht mit
einem sorgfältig betonten Auf Wiedersehn zu verabschieden. Zeitgeizig
sind wir beide. Wir sind keine sogenannten engen Freunde, vielleicht,
weil wir beide vorsichtig geworden sind. Ich noch mehr als er. Draußen
bei Wesendoncks haben wir uns zwar gleich bei unseren Vornamen
genannt.
Das heißt aber nur, daß wir beide in der Welt, besonders in der
englisch-amerikanischen, herumgekommen sind. Er hat mich gleich
bei der zweiten oder dritten Anrede Michel genannt. Das tun, nach
meiner
Erfahrung, nur die, die es gut meinen mit mir, oder, sagen wir, die
Herzlichen. Hans Lach ist eine Herzlichkeitsbegabung. Das spürte ich
sofort. Wir haben beide bemerkt und es auch nicht vor einander
verheimlicht, daß wir nicht zum engeren Kreis der hier Eingeladenen
gehörten. Beide in Gern wohnend, teilten wir nachher ein
Taxi, auch bei der Bezahlung, weil keiner sich vom anderen einladen
lassen wollte oder konnte.
Daß wir da beide gleich kleinlich waren, war mir sympathisch. Und wir
sagten uns auf dem Heimweg auch die Gründe auf, die uns diese
Einladung
beschert hatten.
Mich hat Wesendonck über die Kabbala ausgefragt, weil er ein Buch
Gershom
Scholems für die Süddeutsche rezensieren sollte. Daß ich, als mir
Wesendonck das mitteilte, den typischen Enttäuschungsstich verspürte,
gestand ich natürlich nicht. Ich, in nichts so zu Hause wie in Mystik,
Kabbala, Alchemie, wurde nicht um diese Buchbesprechung gebeten, wohl
aber der doch ganz und gar aktuell tendierende Wesendonck. Aber er
hatte,
bevor er mich ausgefragt hatte, selber gesagt, daß ihm diese
Besprechung
nur angeboten worden sei und er sie nur angenommen habe, weil er mit
Gershom Scholem befreundet gewesen sei. Hans Lach führte sein
Eingeladenwordensein darauf zurück, daß er in der Frankfurter
Allgemeinen gerade ungut behandelt, ja sogar richtig beschimpft worden
sei, als Populist. Und zwar von einem der Herausgeber persönlich.
Dadurch sei er für Wesendonck einladbar geworden. Wesendonck habe ihn,
Hans Lach, diesen Abend lang richtig geprüft, ob er in die
Wesendonckphalanx passe. Ich müsse ja bemerkt haben, daß Wesendonck
den Namen jenes Herausgebers immer mit dem Zusatz Faschist versehen
habe. Diese Schmähfloskel stammte
5
6
deutlich aus den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Aber die,
die sie damals im Mund führten, konnten offenbar auch jetzt, obwohl
selber deutlich gealtert, nicht darauf verzichten.
Obwohl ich nirgends dazugehöre – wer geschichtsträchtige Bücher
schreibt, kann die Abende nicht verplaudern –, kriege ich, weil ich,
wenn ich erschöpft bin, Zeitungen durchblättere, doch mit, wer gerade
mit wem und wer gegen wen ist. Den Rest sagt mir Professor Silberfuchs
im Kammerspiel-Foyer oder am Telephon. Er ist, wie er es selber
fröhlich ausdrückt, mit Gott und der Welt befreundet, und ich gehöre
zu seinen Telephonnummern. Er hat mein Mystik-Buch über alle Maßen
gelobt. In der Zeitung und im Radio. Dann mich angesprochen im Foyer
der
Kammerspiele. Er habe damit wirklich gewartet, aber als er mich zum
vierten Mal auf dem Platz zwei Reihen vor sich gesehen habe, habe er
sich und dann auch mich darauf hinweisen müssen, daß wir dem gleichen
Abonnement angehörten. Als er hörte, daß ich in Gern wohnte, sagte er
sofort: Hans Lach auch. Und sagte gleich noch dazu, daß er seinen
Spitznamen Hans Lach verdanke. Und er sei überhaupt nicht beleidigt.
Er finde, der von Hans Lach für ihn gefundene Spitzname könnte auch
bei Wagner in den Meistersingern vorkommen. Jetzt mußte ich doch
gestehen, daß ich seinen Spitznamen nicht kenne. Ach, rief er, wie
lustig. Sie sind der einzige in ganz München, der den nicht kennt.
Und es mache ihm überhaupt nichts aus, seinen Spitznamen
selber zu verbreiten. Silbenfuchs habe Hans Lach ihn genannt, nachdem
er, Professor Silberfuchs, den vorvorletzten Roman von Hans Lach in
irgendeiner Konversation ein Werk von grandioser Selbstbehinderung
genannt habe. Was man in München irgendwo sage, sage man immer der
ganzen Stadt. Zumindest in der Kulturszene. Die sei nirgends
so tratschselig wie in München. Das alles rauschte im Foyer auf mich
ein, weil ich, als er sich als Harlachinger ausgewiesen hatte, mich
zu Gern bekannte. Und Gern heißt für einen Professor der
Literaturwissenschaft Hans Lach. Hans Lach sei inzwischen, sagte er
noch schnell, weil das Klingelzeichen mahnte, doch fast schon zu
prominent für das liebe Kleinbürgerviertel. Der gehört längst nach
Bogenhausen, sagte der Professor. Und Ton und Schmunzeln konnten
bedeuten, der Satz sei auch ironisch gemeint gewesen. Daß ich nicht
nach Bogenhausen, sondern eben doch nach Gern gehörte, hatte der
Professor mit diesem Satz sicher nicht sagen wollen. Ich hatte nicht
vermeiden können, das herauszuhören.
Keine Polizei der Welt würde mich eines Mordes verdächtigen. Hans
Lach schon. Obwohl er den Mord so wenig begangen hat wie ich. Als
ich las, was über Hans Lach in der Zeitung stand, überlegte ich
nicht, ob er mich brauche oder nicht. Ich war nicht fähig, mir
vorzustellen, daß es in München und in ganz Deutschland mehr als
genug Menschen gäbe, die Hans Lach von diesem absurden Verdacht
befreien würden. Gar nichts konnte ich mir vorstellen. Nicht
einmal, daß ich aufdringlich wirken könnte. Er mußte Freunde haben,
die viel ernsthafter seine Freunde waren
6
7
als ich, der Zufallsnachbar. Mir ist sonst immer alles zu schnell
peinlich. Und jetzt gar nicht. Hin mußte ich. Sofort. Nach München.
Und hinaus nach Stadelheim.
7
8
2
Der Beamte, der mich an der Pforte abholte, sagte: Der Chef macht den
Besuch selber. Wie lang, fragte ich. Er: Wenn ich den Besuch machen
tät, könnte ich nur eine halbe Stunde erlauben, der Chef kann machen,
so lange er will. Der Herr Oberregierungsrat wußte also immerhin,
wer sein Untersuchungshäftling war. In einem polizeigrün gestrichenen
Raum wurde ich an ein rundes Tischchen in der Ecke gesetzt, dann kam
der Herr Oberregierungsrat mit seinem Häftling herein.
Hans Lach und ich am Tischchen in der einen, der Beamte an dem
Schreibtisch in der anderen Ecke. Als wolle er uns zeigen, daß er
unser
Gespräch nicht überwache, fing der Oberregierungsrat sofort mit dem
Aktenstudium an. Hans Lach sah mich an, zuckte mit den Schultern und
sagte mehr zu dem Beamten als zu mir hin: Rauchen darf man.
Der Beamte: Man darf. Der Herr Oberregierungsrat sei heute offenbar
besonders gut aufgelegt, sagte Hans Lach.
Ob er sich über ihn beklagen wolle, fragte der Beamte. Sie müssen
wissen, sagte Hans Lach zu mir, der Herr Oberregierungsrat fliegt
jedes Jahr in seinem Urlaub nach Nepal und bringt von dort Videos mir,
die er dann den Insassen hier vorführt. Hinter dem Berg, den Sie hier
sehen, sagt er dann, liegt ein englisches Hotel, in dem haben wir
schwedisches Bier getrunken. Der Herr Lach hat sich schnellstens über
mich informiert, sagte der Oberregierungsrat. Drückte aber durch den
Ton,
in dem er das sagte, aus, daß er weiterhin konzentriert sei auf seine
Arbeit, und an dem Gespräch dort am Tischchen nicht teilzunehmen
gedenke.
Das konnte nur heißen, Hans Lach und ich sollten nicht glauben, er
höre
unser Gespräch ab. Beamte sind viel fleißiger, als man denkt, sagte
Hans
Lach. Dann sagte er nichts mehr. Wenn der Beamte noch etwas gesagt
hätte,
hätte er sicher auch noch etwas gesagt. Er sah mich zwar an, aber
nicht so, daß ich hätte fragen können: Wie geht es Ihnen. Er sah mich
kein bißchen erwartungsvoll an oder neugierig. Er gähnte. Wollte das
Gähnen aber höflich verbergen. Je länger ich ihn anschaute, desto
weniger
war es mir peinlich, daß ich nicht wußte, wie ich das Gespräch
beginnen sollte. Ich war gekommen, um ihm zu sagen, daß ich wisse,
er sei es nicht gewesen. André Ehrl-König hat sich durch seine Art,
über Schriftsteller zu urteilen, sicher viele zu Feinden gemacht.
Warum sollte sich ausgerechnet Hans Lach so vergessen! Es gab andere,
die viel schlechter weggekommen waren. Durch Professor Silberfuchs
hatte
ich aus dieser Szene immer viel mehr erfahren als ich wissen wollte.
Ich hoffte, Hans Lach begriff, warum ich gekommen war. Ich wollte
etwas
tun für ihn. Daß ich gekommen war, war ein Angebot. Er mußte darauf
reagieren. Er sah mich ruhig an, vollkommen ruhig. Er erwartete nichts
von mir. Wahrscheinlich hatte sein Verleger schon die besten Anwälte
zusammengespannt. Wahrscheinlich empfing er an diesem Tischchen
täglich
8
9
seine Freunde und Freundinnen. Ich kam mir plötzlich ganz überflüssig
vor. Ich hätte wirklich in Amsterdam bleiben sollen, Joost Ritmans
Kabbala-Blätter anschauen,vergiß München, morgen wird das Feuilleton
der
Republik Hans Lach feiern, er wird Interviews und Interviews geben,
das
arme Schwein, der wirkliche Mörder, wird sein Geständnis
herausstottern,
die Mutter eine Prostituierte, er aufgewachsen im Waisenhaus, vom
Kaplan
vergewaltigt, seit dem siebzehnten Lebensjahr straffällig, mit
achtundzwanzig – grade wieder mal aus dem Knast entlassen – schreibt
er
sein Leben auf, schickt das Manuskript André Ehrl-König, der läßt ihm
durch seine Sekretärin mitteilen, daß er keine Anlaufstation sei für
verpfuschte Biographien, also keimt in dem Knastheini eine Wut, er
sieht
Ehrl-König im Fernsehen, er fragt sich durch, ein Pförtner verrät ihm,
wo gefeiert wird, nichts wie hin, gewartet im fallenden Schnee, bis
der
Star kommt, zugestochen ...
Entschuldigen Sie, bitte, daß ich gekommen bin. Das konnte ich auch
nicht sagen. Es war übereilt. Ein Gefühl eben. Gefühle sind immer
übereilt.
Gefühle dürfen übereilt sein. Gefühle müssen übereilt sein. Basta. Zum
Glück brauchte er mich nicht. Was hätte ich denn tun können für ihn?
Aber
er sah mich nicht an, als wollte er sagen: Was wollen denn Sie hier.
Er sah mich ruhig an. Tendenzlos. Fast ohne jede Stimmung. Er kratzte
mit
einer Hand auf dem Handrücken der anderen. Er nahm mir nichts übel.
Daß
wir beide so sitzen konnten, ohne etwas zu sagen, daß dieses
Nichtssagen
überhaupt nicht peinlich war, das empfand ich als eine Art
Übereinstimmung
mit ihm. Er fand, daß ich gekommen war, nicht aufdringlich. Mit wem
hätte ich eine Stunde lang so sitzen können, ohne etwas zu sagen! Mit
wem
hätte er ... ach, erschon eher, er war es vielleicht gewohnt, daß man,
wenn er nichts sagte, auch nichts sagte.
Wenn ich, obwohl er so
deutlich nichts sagen wollte, doch angefangen hätte, etwas zu sagen,
irgendeinen Verlegenheitsquatsch, dann hätte ich die Situation
verfehlt.
Die Prüfung nicht bestanden. Das ist eben so. Der Prominente kann sich
benehmen, wie er will, er benimmt sich richtig. Nur du kannst etwas
falsch
machen. Selbst wenn du dieses Ritual überhaupt nicht anerkennst, du
verhältst dich doch genau so, wie es von einem wie dir erwartet wird.
Aber jetzt sei zufrieden, daß du einer Schweigestunde
verlegenheitsfrei
standgehalten hast. Mensch. Freibleibend. Was soll das jetzt? Weiß
nicht.
Einfach das Wort, das mich jetzt anzieht.
Freibleibend ...
Es war der Beamte, der sagte, es sei Zeit. Ich fand es erstaunlich,
daß er das Schweigen nicht kommentierte. Er hätte doch sagen können,
er
wisse es zu schätzen, daß die beiden Herrn ihn so gar nicht bei seinem
Aktenstudium gestört hätten. Aber daß er das Schweigen gar nicht
erwähnte,
war noch besser. Niveau, dachte ich, der Herr Oberregierungsrat hat
Niveau.
Beide gingen mit mir bis zum Pförtner. Da ich nicht jetzt noch etwas
durch
banalen Sarkasmus oder
9
10
halbgare Ironie verderben wollte, verabschiedete ich mich sozusagen so
stumm, wie ich bis dahin gewesen war. Aber ich vermied es, das
Nichtssagen
pathetisch werden zu lassen. Hans Lach zog ganz zuletzt noch ein paar
Seiten, von Hand beschriebene, aus seiner Jackentasche und übergab sie
mir. Sein Blick dazu war nichts als sachlich. Draußen in der
beglückend
kalten Winterwelt merkte ich erst, wie warm es da drinnen gewesen war.
Wie oft bei Behörden, überheizt. Auf der Heimfahrt wurde mir
(wieder einmal) bewußt, wie wenig man von sich braucht, um ein Auto
durch
eine Stadt zu lenken, die man kennt. Ich dachte nur an ihn, sah nur
ihn
vor mir, wurde nicht fertig mit ihm, weil, was mir dort alsRuhe
vorgekommen
war, jetztgar nicht mehr so vorkam. Tendenzlos, ja. Aber ruhig? Sein
Bild in
meiner Vorstellung, sein immer ungeschützt wirkender Blick, die
rötlichen
Haare, kurze, sich gleich wieder dem Kopf zubiegende Haare, rötlich
grau.
Würde er sie wachsen lassen, gar nichtvorstellbar, daß das je lange
Haare
wären. Eine zu hohe, zu runde Stirn. Flache Augenhöhlen. Ach, Hans
Lach.
Ich schaute und schaute ihn an. Und wußte doch, daß er mir nicht ruhig
gegenübergesessen hatte, sondern ... Rauchend. Nicht einmal die von
ihm gerauchten Zigaretten hatte ich gezählt. Und hätte wirklich Zeit
gehabt.
Na ja. Hans Lach. Ich mußte durchprobieren, wie dieser Name in den mir
geläufigen europäischen Sprachen klingen würde. Suchte ich eine
Fluchtmöglichkeit? Ich hoffte, nicht.
10
11
3
Am meisten ist Gern noch das, was es einmal gewesen sein muß, wenn der
Schnee alles zudeckt, alles neuerdings Dazugebaute. Und das gelingt
dem
Schnee fast jeden Winter ein-, zweimal. Wenn dann die Straßen nicht
geräumt werden, die schwarzen Menschen, Gleichgewicht suchend, durch
die Luft rudern, dann kann ich arbeiten. Hätte ich arbeiten können,
wenn ich nicht in dieses Geschehen hineingeraten wäre. Ich kam heim
und merkte, daß ich immer noch nicht wußte, wie es Hans Lach ging.
Dieses Schweigen. Ach was, Schweigen. Da lernt man Wörter kennen!
Wenn sie nicht taugen! Dieses Voreinandersitzen und Nichtssagen. Das
kann man doch nicht Schweigen nennen. Er tat mir leid. Das war es.
Jetzt erst gestand ich es mir ein: er tat mir leid, weil ich glaubte,
daß er es getan haben könnte. Für mich war es immer die
fürchterlichste
Vorstellung überhaupt: jemanden umgebracht zu haben. Manchmal – sehr
selten zum Glück – träumte ich das: du hast jemanden umgebracht,
man ist schon auf deiner Spur, du siehst deiner Überführung entgegen,
du mußt, um das zu verhindern, noch jemanden umbringen. Die Tage nach
solchen Träumen sind immer die glücklichsten Tage überhaupt. Den
ganzen Tag könnte ich summen vor Glück: du hast keinen umgebracht,
Halleluja. Ich war von Amsterdam so jäh weggefahren, ich mußte sofort
hinaus nach Stadelheim, weil ich glaubte, er könnte es doch getan
haben.
Und fürchterlicher konnte nichts sein. Also hin zu ihm. Dann sitzen
und
nichts sagen. Einfach weil man, wenn jemand jemanden umgebracht hat,
nichts mehr sagen kann. Jetzt merkte ich, daß mir der Tote kein
bißchen
leid tat, nur der Täter. Der Tote leidet doch nicht mehr. Aber der
Täter ... der kann keine Sekunde lang an etwas anderes denken als an
die Sekunde der Tat. Ich müßte mich, wenn mir das passierte, sofort
selber umbringen. Nicht, um mich zu strafen, nicht, um zu sühnen.
Nur weil es nicht auszuhalten wäre, dieses ewige, unablässige
Drandenkenmüssen. Und der saß mir gegenüber, sah mich an, ruhig.
Das habe ich mir eingeredet. Ruhig. Er war erledigt, zerquetscht, er
hatte sicher immer noch keinen ruhigen Schlaf gefunden. Die Augen.
Jetzt erst verstand ich diesen Blick. Dieses vollkommen Tendenzlose.
Keine Gesellschaft, bitte. Keine Teilnahme. Achten Sie, bitte, mein
Nichtinfragekommen für alles. Ich komme in Frage nur noch für nichts.
Und diesen Ausdruck hatte ich für ruhig gehalten. Halten wollen.
Etwas Unwiderrufliches getan haben.
Ich konnte nicht sitzen bleiben, mich nicht vom Winterbild draußen
einwiegen lassen, ich rannte im Zimmer hin und her, bis mir Lachs
Handgeschriebenes einfiel. Und las. Es waren Seiten eines
11
12
DIN A5-Blocks. Mit Linien, an die sich der Schreiber, weil sie ihm zu
weit auseinander standen, nicht gehalten hat. Die Handschrift war
schwer lesbar. Lieber Michel Landolf, las ich, hier ein paar Notate
aus der
Ettstraße. Zwei Tage und zwei Nächte. Bitte, aufbewahren für was auch
immer. Herzlich Ihr Ex-Nachbar Lach. Ich las:


Versuch über Größe. Zuerst das Geständnis, daß Denken mir nichts
bringt. Ich bin auf Erfahrung angewiesen. Leider. Erfahren geht ja
viel langsamer als denken. Denken kann man schnell. Denken geht
leicht.
Denken ist keine Kunst. Denken ist großartig. Durch Denken wird man
Herr
über Bedingungen, unter denen man sonst litte. All das ist Erfahren
nicht. Nach meiner Erfahrung, der ich neuestens bis zur
Unerträglichkeit
ausgesetzt bin. In einem Satz gesagt: Immer öfter merke ich, daß
Menschen,
mit denen ich spreche, während wir mit einander sprechen, größer
werden.
Ich könnte auch sagen: Ich werde, während wir sprechen, kleiner. Das
ist eine peinliche Erfahrung. Und am peinlichsten, wenn das öffentlich
vor sich geht. In einem Restaurant. Oder – am allerschlimmsten – im
Fernsehstudio. Katastrophal ... Aber – und das ist die neueste
Erfahrung
überhaupt – auch wenn andere Leute in einer gewissen Art über mich
sprechen, werde ich kleiner. Und das, ohne daß ich mit diesen Leuten
zusammen bin oder auch nur weiß, daß die gerade über mich sprechen.
Ich sitze zu Hause anmeinem Arbeitstisch, und wenn ich aufstehen will,
reichen meine Füße nicht mehr auf den Teppich hinab, auf dem mein
Schreibtischstuhl steht. Das ist nicht so schlimm, weil ich auf meinem
Keshan, wenn ich vom Stuhl hinunterspringe, weich lande. Und – das
ist bei dieser Erfahrung das Wichtigste und eigentlich auch das
Schönste – nachts regeneriere ich mich. Jeden Morgen, wenn ich
aufwache, habe ich wieder meine alte Größe. Bis jetzt.
Einszweiundachtzig. Seit ich diese Erfahrung des Schrumpfens und
Wiederwachsens mache, messe ich mich jeden Tag. Tatsächlich genügt
es, um wieder die Normalgröße zu gewinnen, nicht, wach im Bett zu
liegen. Ich muß schon schlafen.
Und nicht jeder Schlaf bringt gleich viel Regeneration. Inzwischen
messe ich mich abends und morgens. Wenn mir abends öfter mal zehn
Zentimeter fehlen, fehlen mir nach nicht ganz störungsfreiem Schlaf
doch noch zwei oder drei Zentimeter. Ich habe von Schuhen gehört,
die so geschaffen sind, daß man in ihnen zwei bis drei Zentimeter
größer ist, und man erkennt von außen nicht, daß es sich um eine
Schuhkonstruktion handelt. Nach so etwas werde ich jetzt auf jeden
Fall suchen. Nach traumlosem Schlaf, in den die Welt also nicht
hineinwirkt, habe ich immer meine einszweiundachtzig. Ich glaube
noch nicht, daß das Ganze ein Problem für den Psychiater oder
Psychotherapeuten ist. Ich werde dieser Erfahrung mit Aufzeichnungen
folgen, sie dadurch anschaubar und vielleicht sogar überwindbar
machen.
Allerdings: Erfahrungen sind
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nicht so leicht beherrschbar wie das Denken. Durch Denken herrscht man
ja selber. Erfahrungen ist man eher ausgeliefert. Aber sie
aufzeichnen,
hilft. Das ist auch eine Erfahrung.


So weit war ich gerade, als das Telephon läutete.
Kriminalhauptkommissar Wedekind vom K 111. Der Leiter einer
Mordkommission für vorsätzliche Tötungsdelikte, jetzt beauftragt mit
den Ermittlungen im Fall Ehrl-König/ Lach. Von meinem Schweigebesuch
hater gehört, er bittet mich, trotzdem nicht aufzugeben. Ich sei
immerhin der einzige von allen, die um Besuchserlaubnis gebeten
hätten,
den Herr Lach empfangen habe. Mich und seine Frau Erna, alle anderen
habe er abgelehnt. Er müsse seinen Schweigestreik beenden. Das sei
überhaupt keine Taktik, die Erfolg haben könne. Wahrscheinlich
spekuliere
Lach darauf, daß wir ohne Leiche keine Anklage zustande bringen.
Da täuscht er sich. Wir haben den blutgetränkten Pullover des Opfers.
Die Schneemassen in der Mordnacht begünstigen momentan den Täter, und
in einem Poeten kann das die Illusion fördern, der Schnee werde, was
er in dieser Nacht begrub, im Frühjahr mit sich nehmen. Vielleicht ist
die Leiche über die Thomas-Mann-Allee hinüber und dann die steile
Böschung hinunter und noch übers Ufergelände bis zur Isar geschleppt
und
dann der Isar anvertraut worden. Der Täter hat wirklich Glück gehabt.
Fast fünfzig Zentimeter Neuschnee in dieser Nacht. Vielleicht hat er
den
Wetterbericht gekannt. Aber wer weiß, was die Schneeschmelze dann
entblößen wird. Das alles hat sich Herr Lach von mir schon sagen
lassen,
und hat dazu geschwiegen. Aber Ihnen hat er Schriftliches mitgegeben.
Verzeihen Sie einem Polizisten, wenn er neugierig fragt: Haben Sie's
schon gelesen? Ich war gerade durch, als Ihr Anruf kam. Und? fragte
KHK Wedekind. Aufzeichnungen aus der Ettstraße. Da haben wir ihn für
achtundvierzig Stunden untergebracht, sagte Herr Wedekind. Er sprach
mit
mir, als wisse er sicher, daß ich, wie die Polizei, an der raschen
Aufklärung dieses Falls interessiert sei und, so gut ich könne,
mitarbeiten werde. Daß Hans Lach der Täter sei, der nur noch überführt
werden müsse, schien festzustehen. Herr Wedekind war gerade dabei,
Hans
Lachs Bücher zu lesen, da werde er Herrn Lach genauer kennenlernen,
als dem lieb sein könne. Ich möge bitte nicht meinen, er habe etwas
gegen
Herrn Lach oder Herr Lach sei ihm auch nur im mindesten unsympathisch.
Es gebe natürlich für den Leiter einer Mordkommission für vorsätzliche
Tötungsdelikte auch Fälle, die den Beamten zum engagierten Verfolger
des Täters machten, Delikte, in denen das Opfer grausam oder
bestialisch
und aus niedrigsten Motiven hingemordet worden sei, dergleichen liege
hier ja überhaupt nicht vor. Und trotzdem liege Mord vor. Aber eben
ein
Mord der feineren, wenn nicht der feinsten Art überhaupt. Der Täter
ein
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Künstler. Und soviel verstehe er, der KHK, auch von Kunst,
insbesondere auch von Literatur – er sei ein Leser, wenn auch,
bisher wenigstens, kein Lachleser, aber das ändere sich ja gerade –,
daß er einen Schriftsteller durchaus auch als ein Opfer zu sehen im
Stande sei. Wenn auch nicht im strafrechtlichen Sinn. Im Augenblick
lese er, ja, durchforsche er geradezu Lachs vorletztes Buch Der
Wunsch,
Verbrecher zu sein. Der autobiographische Anteil sei unübersehbar.
Er habe aber zuerst Lachs letztes Buch lesen müssen, Mädchen ohne
Zehennägel. Seine bisherigen Ermittlungen – bitte, ohne auch nur die
geringste Mitwirkung Lachs – könnten ihn vermuten lassen, dieses Buch,
das heißt, die Art wie André Ehrl-König in der SPRECHSTUNDE damit
umgegangen ist, habe alles, was sich in Lach gegen Ehrl-König
angesammelt haben kann, in den Zustand einer jähen Entzündung versett,
dann habe er eben seine Fassung verloren und so weiter. Die Party in
der Verlegervilla in Bogenhausen, die nach der Sendung immer
stattfinde,
wenn man die rekonstruieren könnte, wäre der Fall gelöst, man könnte
ihn Herrn Lach sozusagen als Manuskript vorlegen, er müßte nur noch
unterschreiben. Er, KHK Wedekind, wolle mit diesen Andeutungen nur
eins erreichen: Herrn Landolf bitten, dranzubleiben, sich durch keine
Reaktion Lachs abschrecken zu lassen. Jeder Mordfall sei eine
Tragödie. Und zwar im vollen historischen Sinn dieses Wortes.
Aber es sei uns einfach nicht gestattet, eine solche Tragödie
geschehen zu lassen, ohne zu versuchen, ihr gerecht zu werden, was
soviel heiße wie, seine Stimme wurde jetzt ganz leise: Wir müssen
sie aufnehmen, in unsere Sprache, in unsere ganze darauf vorbereitete
Tradition, wir müssen sie uns zu eigen machen, durch Teilnahme, werter
Herr, und den, dem sie passiert ist, aus seiner entsetzlichen
Isolierung erlösen. Glauben Sie mir, so etwas kann einer allein nicht
tragen. Dafür gibt es uns. Die sogenannte Menschheit.
Entschuldigen Sie, bitte. Ich sagte: Ich bitte Sie. Dann schaltete er
wieder um. Ihm sei berichtet worden, daß sich Herr Lach in der
Gemeinschaftszelle in der Ettstraße ausschließlich mit einem
Benedikt Breithaupt beschäftigt habe, der zur Zeit fast täglich von
Stadelheim dorthin zu Vernehmungen überstellt werde. Seine,
Wedekinds, Frage nun: Geben die handgeschriebenen Seiten über dieses
intensive Miteinander reden irgendeine Auskunft. Mit uns, Sie, Herr
Landolf, eingeschlossen, kein Wort, mit einem iksbeliebigen
Untersuchungshäftling stundenlanges Getuschel.
Ich wußte nicht, warum, ich wußte nur, daß ich das mir Anvertraute
jetzt nicht weitergeben sollte. Genau so sagte ich es. Der KHK zeigte
oder heuchelte Verständnis. Aber da wir doch sicher noch mit einander
zu tun hätten, lade er mich ein, einmal zu ihm in die Dienststelle zu
kommen. In die Bayerstraße, wo die Mordkommission logiere. Er hoffe
nicht, daß das Wort Mordkommission mich abschrecke. Also.
Ja, sagte ich, warum nicht.
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Na ja, warum dann aber nicht gleich, sagte er. Nach seiner Erfahrung
altere alles, was mit einem Fall auch nur entfernt zu tun habe,
ungeheuer rasch. Dabei bleiben, dran bleiben, das sei nicht nur sein
Rezept, sondern sein Bedürfnis. Er würde, solange so ein Fall
noch ein blühendes Rätsel sei, die Dienststelle am liebsten überhaupt
nicht mehr verlassen. Also: Wann seh ich Sie. Am Nachmittag, sagt ich.
Er wiederholte fast singend: Am Nachmittag! So kann sich nur ein
Freischaffender ausdrücken. Aber er finde das ansteckend.
Dienststellendienstzeit sei von siebenuhrfünfzehn bis
fünfzehnfünfundvierzig. Käme ich um halb vier, dann hätten er und
ich Ruhe und könnten gründlich reden. Als ich aufgelegt hatte,
ging ich an mein rundbogiges von Sprossen schön eingeteiltes
Großfenster und sah hinaus auf die die Straße säumenden Schneebäume,
auf die hohen Schneeborten, die alle Zäune und Autos zierten.
Verschneit kann es das Viertel, was Stille angeht, mit jedem
Winterwald aufnehmen. Hans Lach hat wirklich Glück gehabt. Und hat
immer noch Glück. Oft genug folgt auf einen solchen ausgiebigen
Schneefall in München ein Wärmeeinbruch, der Föhn schmilzt in ein
paar Stunden alle Schneelasten weg, die ganze Stadt rauscht nur
so vor nicht schnell genug abfließen könnendem Schneewasser. Jetzt
aber, nach wie vor kalt, die Schneedecke hält sich. Ich unterstellte
Hans Lach also auch schon, daß er es getan habe. Ich holte aus dem
Regal: Der Wunsch, Verbrecher zu sein. Ich hatte in dieses Buch, als
es vor zwei Jahren erschienen war, zwar manchmal hineingeschaut,
aber nie lange darin gelesen. Der Untertitel: Flüchtige Notizen hatte
mich abgeschreckt. Dann auch die ... ja, die Tonart dieser Notizen.
Ich hatte gedacht: Er nimmt sich wichtiger als er ist. Als ich das
Buch jetzt wieder aufschlug, dachte ich, daß das doch menschenüblich
sei, sich wichtiger zu nehmen als man ist. Gewissermaßen
lebensnotwendig. Also verständlich, wenn schon nicht verzeihlich.
Ich fragte mich, ob man auch noch schriftlich bezeugen müsse oder
dürfe, daß man sich wichtiger nehme als man sei. Jetzt aber hatte
ich soviel Anlaß, das Buch aufzuschlagen wie der KHK.
Ich las quer durch:


Ein Tag, an dem die Maske verrutschte. Jetzt hast du zu tun, sie
wieder zurechtzurücken. Das gelingt nur mit Verletzung der Maske
und des Gesichts. Paß also auf das nächste Mal, wenn du wieder an
deiner Maske zerrst. Hände weg von der Maske.
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Es gibt nicht wenige, die achte ich mehr als sie mich. Ich verharre
gern bei dieser Differenz. Estut mir geradezu gut, sie mehr zu achten,
als sie mich achten. Wahrscheinlich glaube ich, daß ich schon deswegen
ihre Achtung, die sie mir vorenthalten, verdient hätte.


Er kann sich nicht wegwenden von sich, solange er so schwach ist. Der
Verlierer ist unersättlichmit sich selbst beschäftigt. Der Sieger
wendet sich neuen Aufgaben zu.


Wenn du ein bißchen herausgehst aus dir, bist du sofort unmöglich.
Mein Feind läßt am Horizont die Waffen blitzen. Es gibt nichts, das
ihm nicht diente. Schriftsteller sind ununterbrochen
(und ununterbrechbar) mit dem Notieren ihres Alibis beschäftigt.


Gestern nacht vom Mord geträumt, wieder vom längst geschehenen. Nichts
vom Opfer. Nur die Angst, entdeckt zu werden. Diesmal das Opfer im
eigenen Haus vergraben. Einzige Chance, nicht entdeckt zu werden:
ausgraben und irgendwo weit weg loswerden. Das ist doch vorstellbar.
Das muß gehen. Aber eben dabei kann man, muß man entdeckt werden.
Die Angst quält so, daß man sich wünscht, das Entdecktwerden endlich
hinter sich zu haben. Aufwachen.
Wie immer, froh, weil es doch nur ein Traum war.


Du bist froh, daß Deutschland aus der Fußball-WM ausscheidet im
Viertelfinale gegen Bulgarien, weil du einen Gegner hast, der
fanatisch auf den deutschen Sieg hofft. Den trifft die deutsche
Niederlage mehr als dich, deshalb bist du glücklich über die
deutsche Niederlage.


Er hat sich lange genug beherrscht. Immer hat er statt andere sich
selber verletzt. Er muß in Träumen jetzt öfter Leichen verstecken,
und wo immer er eine Leiche hinbringt (unter das Hotelbett zum
Beispiel), liegt immer schon eine andere Leiche, die nicht von
ihm stammt.


Als er sich hineinfühlte in seine Verbrecherhaftigkeit, fühlte er sich
wohl. Solange er es nicht gewagt hatte, Verbrecher zu sein, hatte er
sich Vorwürfe gemacht, hatte sich überspannt gefühlt, gespalten. Seit
er sich annahm als Verbrecher, war er einig mit sich selber.
Vielleicht
könnte er jetzt sogar wieder etwas genießen. Vorher war ihm immer
alles
durch Vorwürfe, die er glaubte,
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sich machen zu müssen, verdorben worden. Als anständiger Mensch durfte
er ja an allem, was er tat, keinen Gefallen finden.


Alles, was er tat, war vorwerfbar, schlecht. Als Verbrecher mußte er
sich keine Vorwürfe machen.


Ich wurde gestört.
Das Kommissariat 111, eine Frauenstimme, Herr Kriminalkommissar
Meisele wolle mich sprechen, sie verbinde. Dann Herr Meisele im
heitersten Ton. Tut ihm leid, wenn er mir eine
Nachricht verklickern muß, die mich sicher nicht nur erfreue. Sein
großer Kollege Wedekind könne mich heute nicht mehr empfangen, müsse
das Gespräch, an dem ihm gelegen, sehr viel gelegen sei, verschieben.
In der Hoffnung auf mein Verständnis bitte sein großer Kollege
Wedekind um eben dieses Verständnis und melde sich wieder. Ob die
Botschaft angekommen sei. Das bestätigte ich. Dann sei es ja gut.
Das sei mehr als er, der KK Meisele, seinerseits habe erhoffen können.
Dann fast schroff: Guten Tag. Und aufgelegt. Na ja, ob mir der KHK
wirklich das hätte erzählen können, worauf es mir angekommen wäre?
Ich würde mich selber auf den Weg machen müssen. Im Wunsch, Verbrecher
zu sein wollte ich jetzt nicht weiterlesen.
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4
Eine Woche nach der dann abgesagten Unterredung mit KHK Wedekind hatte
der wieder angerufen, hatte sich darüber gewundert, daß ich die
Verabredung ohne weitere Mitteilung einfach habe ausfallen lassen.
Ich klärte ihn auf. Ach, sagte er, der arme, der elende Meisele.
Und erklärte mir, daß auch bei ihnen der Zwang erfolgreich zu sein,
immer spürbarer werde. Meisele rudere seit Wochen in einem Fall herum,
es habe ja zuerst auch in den Zeitungen gestanden, ein
Maschinenschlosser,
zerfressen vom Ehrgeiz, Ingenieur zu sein, hat einen Nobody
erschossen,
wahrscheinlich aus ethno-ästhetischen Gründen, der Täter habe mit Hans
Lach in der Gemeinschaftszelle in der Ettstraße genuschelt, und
seitdem
widerrufe er alle paar Tage das, was er gerade noch gestanden hatte,
so
komme der arme Meisele überhaupt nicht weiter, und habe jetzt,
wahrscheinlich aus unzurechnungsfähig machender Verdrossenheit,
versucht, ihm, dem KHK, das Spiel auch zu verderben. Das werde für den
Armen leider desaströse Folgen haben, eine Versetzung mindestens nach
Freising oder Straubing. Anfangs sei Meiseles Täter eher
geständnissüchtig gewesen. Er, Wedekind, vermute, daß Lach diesen
Breithaupt indoktriniert habe und ihn bei den Hofgängen in Stadelheim
weiter indoktriniere:
gestehen, widerrufen, gestehen ... bis zur völligen Aufhebung jedweden
Sachverhalts. Ihm, Wedekind, komme das vor, als liefere Hans Lach da
eine Variante zu seinem Schweigen. Der Ermittler, hier der arme
Meisele, werde zur Schreibkraft. Er, KHK Wedekind, vermute, daß
Meisele naiv genug sei, ihm, Wedekind, einen Fall zu neiden, bei dem
der wahrscheinliche Täter und das Opfer gleichermaßen prominent sind.
So zu denken sei typisch für einen fast prinzipiell Subalternen
wie Meisele. Er, Wedekind, verspüre die Prominenz abwechselnd als Gas
und als Bremse. Ich war im Augenblick nicht wichtig für ihn, weil
er erfahren hatte, daß Hans Lach auch mich nicht mehr zu sich ließ.
Außer seiner Frau Erna wolle er niemanden sehen. Aber auch ihr,
so der KHK, sitze er wortlos gegenüber. Seiner Frau aber habe er
das, wissend, daß der Oberregierungsrat zuhöre, erklärt: Er gehöre
zu einer Vogelart, die in Gefangenschaft nicht singe. Wedekind sagte,
Hans Lach sei für ihn, den Ermittler, die Provokation schlechthin.
Ihm sei aus der Kriminalgeschichte kein Verdächtiger bekannt, der kein
bißchen an seiner Verteidigung interessiert zu sein scheint. Aber er
gebe nicht auf. Von ihm werde jetzt verlangt, Hans Lach aus seiner
Erstarrung zu lösen, ihm beizubringen, daß nur ein Geständnis ein
Weiterleben ermögliche. Die Schuld bei sich behalten wollen, das sei
eine Anmaßung, eine tödliche Anmaßung.
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-------------------------------------------------------------------------------
Martin Walser - Tod eines Kritikers (1)
WHY NOT! Pages 1 to 18

Rest wird noch gepostet.

Wer das PDF File haben will, was leider im Netz zensiert und abgemahnt
wird (heise, telepolis nachlesen), schickt ne Mail an EINE der
Adressen. PDF kommt dann irgendwann per Mail (363 KB):


auto353379@hushmail.com
auto352558@ziplip.com
walsertek@ziplip.com
walsertek@hushmail.com



Converting file walser-tek.pdf

*Pages 1--148*
1
Martin Walser
Tod eines Kritikers
Roman


Erste Auflage 2002
Ó Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2002
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des
öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und
Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in
irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere
Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet,
vervielfältigt oder verbreitet werden.
Satz:
Druck:
Printed in Germany


1 2 3 4 5 6 – 07 06 05 04 03 02
1
2
FÜR DIE, DIE MEINE KOLLEGEN SIND
Q U O D E S T
S U P E R I U S
E S T S I C U T
I N F E R I U S
2
3
I. VERSTRICKUNG
Da man von mir, was zu schreiben ich mich jetzt veranlaßt fühle, nicht
erwartet, muß ich wohl mitteilen, warum ich mich einmische in ein
Geschehen, das auch ohne meine Einmischung schon öffentlich genug
geworden zu sein scheint. Mystik, Kabbala, Alchemie, Rosenkreuzertum
–,
das ist, wie Interessierte wissen, mein Themengelände. Tatsächlich
unterbreche ich, um mich in ein täglich mit neuen Wendungen
aufwartendes Geschehen einzumischen, die Arbeit an meinem
Buch Von Seuse zu Nietzsche. Es sind eher die Vorbereitungen zu diesem
Buch, die ich unterbreche, als die Arbeit an ihm. Inhalt: In die
deutsche Sprache kommt der persönliche Ton nicht erst durch Goethe,
von dem Nietzsche gierig profitierte, sondern schon durch Seuse,
Eckhart und Böhme. Weil das bürgerlich Geschriebene unsere
Erlebnis-und Fassungskraft besetzt hat, haben wir, das Publikum,
nicht wahrnehmen können, daß die Mystiker ihre Ichwichtigkeit
schon so deftig erlebt haben wie Goethe und wie nach ihm Nietzsche.
Nur waren sie glücklich und unglücklich nicht mit Mädchen, Männern
und Frauen, sondern mit Gott ...
Ich muß das erwähnen, weil durch mein sonstiges Schreiben gefärbt sein
kann, was ich mitteile über meinen Freund Hans Lach. Beide, Hans
Lach und ich, sind Schreibende.
Ich war in Amsterdam, als es passierte. Bei Joost Ritman war ich,
eingeladen, seine Sammlung anzuschauen. Mir ist kein Privater bekannt,
der so viele Specimena der Mystik, Kabbala, Alchemie und des
Rosenkreuzertums gesammelt hat wie Joost Ritman. Ich wohnte im
Ambassade, wo ich in Amsterdam immer wohne, ich las beim Frühstück den
NRC, den ich dort immer lese, und erfuhr, daß Hans Lach verhaftet
worden ist. Mordverdacht. Obwohl es bei mir, sobald ich im Ausland
bin,
zu den Erholungsqualitäten gehört, nur die jeweils ausländischen
Zeitungen zu lesen, besorgte ich mir sofort die Frankfurter
Allgemeine. Da las ich nun, Hans Lachs neuestes Buch Mädchen ohne
Zehennägel sei von André Ehrl-König in seiner berühmten
und beliebten Fernseh-Show SPRECHSTUNDE unsanft behandelt worden. Der
Autor habe den Kritiker, als der, wie es üblich sei, nach seiner
Fernseh-Show in der Bogenhausener Villa des Ehrl-König-Verlegers
Ludwig Pilgrim erschien, grob angepöbelt. Noch sei ungeklärt, wie es
Hans Lach überhaupt gelungen sei, sich Zutritt zu der Party zu
verschaffen, die Ehrl-Königs Verleger nach jeder SPRECHSTUNDE
in seiner Villa veranstalte. Auf der Gästeliste sei Hans Lach nicht
vorgesehen gewesen, weil es unüblich sei, Autoren, die unmittelbar
davor in Ehrl-Königs SPRECHSTUNDE „dran" waren, nachher zur Party
einzuladen. Hans Lach sei zwar selber Autor des PILGRIM Verlags,
aber an diesem Abend hätte er nach den Regeln des Hauses
nicht dabei sein dürfen. Hans Lach habe offenbar sofort gegen André
Ehrl-König tätlich werden
3
4
wollen. Als ihn zwei Butler hinausbeförderten, habe er ausgerufen: Die
Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Herr Ehrl-König möge sich vorsehen.
Ab heute nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen.
Diese Ausdrucksweise habe unter den Gästen, die samt und sonders mit
Literatur und Medien und Politik zu tun hätten, mehr als Befremden,
eigentlich schon Bestürzung und Abscheu ausgelöst, schließlich sei
allgemein bekannt, daß André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch
Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust. Auf dem Kühler von
Ehrl-Königs Jaguar, der am nächsten Morgen immer noch vor der Villa
des Verlegers stand, sei der berühmte gelbe Cashmere-Pullover, den
der Kritiker in seiner Fernsehshow immer um seine Schultern
geschlungen trage, gefunden worden. Von André Ehrl-König fehle jede
Spur. Es sei in dieser Nacht fast ein halber Meter Neuschnee gefallen.
München im Schnee-Chaos. Hans Lach sei schon am Tag danach unter
Verdacht gestellt und, da er kein Alibi nachweisen konnte und nicht
bereit war, auch nur eine einzige Frage zu beantworten, verhaftet
worden. Sein Zustand wird als Schock bezeichnet.
Ich konnte, als ich das las, gar nicht mehr richtig atmen. Aber ich
wußte doch, daß Hans Lach es nicht getan hatte. So etwas weiß man,
wenn man einen Menschen einmal mit dem Gefühl wahrgenommen hat.
Und obwohl ich über seine Freundschaften nicht viel weiß, beherrschte
mich, als ich das las, sofort eine einzige Empfindung: er hat außer
dir keinen Freund.
Ich rief sofort Joost Ritman an und sagte, daß ich sofort zurück nach
München müsse. Als ich noch sagen wollte, warum ich sofort zurück
müsse, merkte ich, daß das gar nicht so leicht mitzuteilen sei.
Ich sagte: Ein Freund ist in eine Not geraten.
Manchmal spricht man, wenn man
genau zu sein versucht, wie ein Ausländer. Weil ich zu hastig
aufgebrochen war, prüfte ich erst auf dem Bahnsteig, ob nichts
vergessen worden sei. Der Ausweis fehlte. Man hatte ihn an der
Rezeption erbeten und, weil ich es beim Aufbruch so eilig hatte,
vergessen, ihn mir wiederzugeben.
Hintelephoniert. Ein junger Asiate brachte ihn sofort. Ich
versäumte den Zug, den ich herausgesucht hatte, nicht. Aber nach einer
Stunde Fahrt blieb der Zug stehen, auf freiem, holländisch weitem
Feld. Und keine Erklärung.
Als einige Reisende schon laut wurden, endlich die Ansage: Deze trein
is afgeschaft. Wir mußten aussteigen, auf den Ersatzzug warten.
Für mich hing das alles mit Hans Lach, Ehrl-König und
München-Bogenhausen
zusammen. Mir sollte Zeit gegeben werden zu überlegen, ob ich wirklich
so überstürzt nach München zurückfahren sollte, mußte, durfte. Meine
Empfindung war unmißverständlich. Aber da, wo in einem gerechnet,
berechnet und geprüft wird, meldete sich die Gegenstimme. Sind Hans
Lach
und ich wirklich befreundet? Der bekannte, fast populär bekannte Hans
Lach und der im Fachkreis herumgeisternde Michael Landolf? Vielleicht
sind wir nur befreundet, weil wir keine fünf Minuten (zu Fuß) von
einander entfernt wohnen. Er in der
4
5
Böcklin-, ich in der Malsenstraße, also im Malerviertel des lieblichen
Stadtteils Gern. Wir passen beide besser hierher als nach Bogenhausen,
hat Hans Lach einmal gesagt. Er ist allerdings deutlich jünger als
ich.
Hält also noch mehr für möglich als ich. Wir haben einander fast ein
bißchen schamhaft gestanden, daß wir ohne die Gerner Nachbarschaft
kaum Freunde geworden wären. Er, immer mitten im schrillen
Schreibgeschehen, vom nichts auslassenden Roman bis zum atemlosen
Statement, ich immer im funkelndsten Abseits der Welt. Mystik,
Kabbala,
Alchemie. Aber nachdem wir uns bei dem auch aktuell tendierenden
Philosophieprofessor Wesendonck in dessen Grünwalder Villa
kennengelernt hatten, haben wir keinen Grund empfunden, uns nicht mit
einem sorgfältig betonten Auf Wiedersehn zu verabschieden. Zeitgeizig
sind wir beide. Wir sind keine sogenannten engen Freunde, vielleicht,
weil wir beide vorsichtig geworden sind. Ich noch mehr als er. Draußen
bei Wesendoncks haben wir uns zwar gleich bei unseren Vornamen
genannt.
Das heißt aber nur, daß wir beide in der Welt, besonders in der
englisch-amerikanischen, herumgekommen sind. Er hat mich gleich
bei der zweiten oder dritten Anrede Michel genannt. Das tun, nach
meiner
Erfahrung, nur die, die es gut meinen mit mir, oder, sagen wir, die
Herzlichen. Hans Lach ist eine Herzlichkeitsbegabung. Das spürte ich
sofort. Wir haben beide bemerkt und es auch nicht vor einander
verheimlicht, daß wir nicht zum engeren Kreis der hier Eingeladenen
gehörten. Beide in Gern wohnend, teilten wir nachher ein
Taxi, auch bei der Bezahlung, weil keiner sich vom anderen einladen
lassen wollte oder konnte.
Daß wir da beide gleich kleinlich waren, war mir sympathisch. Und wir
sagten uns auf dem Heimweg auch die Gründe auf, die uns diese
Einladung
beschert hatten.
Mich hat Wesendonck über die Kabbala ausgefragt, weil er ein Buch
Gershom
Scholems für die Süddeutsche rezensieren sollte. Daß ich, als mir
Wesendonck das mitteilte, den typischen Enttäuschungsstich verspürte,
gestand ich natürlich nicht. Ich, in nichts so zu Hause wie in Mystik,
Kabbala, Alchemie, wurde nicht um diese Buchbesprechung gebeten, wohl
aber der doch ganz und gar aktuell tendierende Wesendonck. Aber er
hatte,
bevor er mich ausgefragt hatte, selber gesagt, daß ihm diese
Besprechung
nur angeboten worden sei und er sie nur angenommen habe, weil er mit
Gershom Scholem befreundet gewesen sei. Hans Lach führte sein
Eingeladenwordensein darauf zurück, daß er in der Frankfurter
Allgemeinen gerade ungut behandelt, ja sogar richtig beschimpft worden
sei, als Populist. Und zwar von einem der Herausgeber persönlich.
Dadurch sei er für Wesendonck einladbar geworden. Wesendonck habe ihn,
Hans Lach, diesen Abend lang richtig geprüft, ob er in die
Wesendonckphalanx passe. Ich müsse ja bemerkt haben, daß Wesendonck
den Namen jenes Herausgebers immer mit dem Zusatz Faschist versehen
habe. Diese Schmähfloskel stammte
5
6
deutlich aus den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Aber die,
die sie damals im Mund führten, konnten offenbar auch jetzt, obwohl
selber deutlich gealtert, nicht darauf verzichten.
Obwohl ich nirgends dazugehöre – wer geschichtsträchtige Bücher
schreibt, kann die Abende nicht verplaudern –, kriege ich, weil ich,
wenn ich erschöpft bin, Zeitungen durchblättere, doch mit, wer gerade
mit wem und wer gegen wen ist. Den Rest sagt mir Professor Silberfuchs
im Kammerspiel-Foyer oder am Telephon. Er ist, wie er es selber
fröhlich ausdrückt, mit Gott und der Welt befreundet, und ich gehöre
zu seinen Telephonnummern. Er hat mein Mystik-Buch über alle Maßen
gelobt. In der Zeitung und im Radio. Dann mich angesprochen im Foyer
der
Kammerspiele. Er habe damit wirklich gewartet, aber als er mich zum
vierten Mal auf dem Platz zwei Reihen vor sich gesehen habe, habe er
sich und dann auch mich darauf hinweisen müssen, daß wir dem gleichen
Abonnement angehörten. Als er hörte, daß ich in Gern wohnte, sagte er
sofort: Hans Lach auch. Und sagte gleich noch dazu, daß er seinen
Spitznamen Hans Lach verdanke. Und er sei überhaupt nicht beleidigt.
Er finde, der von Hans Lach für ihn gefundene Spitzname könnte auch
bei Wagner in den Meistersingern vorkommen. Jetzt mußte ich doch
gestehen, daß ich seinen Spitznamen nicht kenne. Ach, rief er, wie
lustig. Sie sind der einzige in ganz München, der den nicht kennt.
Und es mache ihm überhaupt nichts aus, seinen Spitznamen
selber zu verbreiten. Silbenfuchs habe Hans Lach ihn genannt, nachdem
er, Professor Silberfuchs, den vorvorletzten Roman von Hans Lach in
irgendeiner Konversation ein Werk von grandioser Selbstbehinderung
genannt habe. Was man in München irgendwo sage, sage man immer der
ganzen Stadt. Zumindest in der Kulturszene. Die sei nirgends
so tratschselig wie in München. Das alles rauschte im Foyer auf mich
ein, weil ich, als er sich als Harlachinger ausgewiesen hatte, mich
zu Gern bekannte. Und Gern heißt für einen Professor der
Literaturwissenschaft Hans Lach. Hans Lach sei inzwischen, sagte er
noch schnell, weil das Klingelzeichen mahnte, doch fast schon zu
prominent für das liebe Kleinbürgerviertel. Der gehört längst nach
Bogenhausen, sagte der Professor. Und Ton und Schmunzeln konnten
bedeuten, der Satz sei auch ironisch gemeint gewesen. Daß ich nicht
nach Bogenhausen, sondern eben doch nach Gern gehörte, hatte der
Professor mit diesem Satz sicher nicht sagen wollen. Ich hatte nicht
vermeiden können, das herauszuhören.
Keine Polizei der Welt würde mich eines Mordes verdächtigen. Hans
Lach schon. Obwohl er den Mord so wenig begangen hat wie ich. Als
ich las, was über Hans Lach in der Zeitung stand, überlegte ich
nicht, ob er mich brauche oder nicht. Ich war nicht fähig, mir
vorzustellen, daß es in München und in ganz Deutschland mehr als
genug Menschen gäbe, die Hans Lach von diesem absurden Verdacht
befreien würden. Gar nichts konnte ich mir vorstellen. Nicht
einmal, daß ich aufdringlich wirken könnte. Er mußte Freunde haben,
die viel ernsthafter seine Freunde waren
6
7
als ich, der Zufallsnachbar. Mir ist sonst immer alles zu schnell
peinlich. Und jetzt gar nicht. Hin mußte ich. Sofort. Nach München.
Und hinaus nach Stadelheim.
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8
2
Der Beamte, der mich an der Pforte abholte, sagte: Der Chef macht den
Besuch selber. Wie lang, fragte ich. Er: Wenn ich den Besuch machen
tät, könnte ich nur eine halbe Stunde erlauben, der Chef kann machen,
so lange er will. Der Herr Oberregierungsrat wußte also immerhin,
wer sein Untersuchungshäftling war. In einem polizeigrün gestrichenen
Raum wurde ich an ein rundes Tischchen in der Ecke gesetzt, dann kam
der Herr Oberregierungsrat mit seinem Häftling herein.
Hans Lach und ich am Tischchen in der einen, der Beamte an dem
Schreibtisch in der anderen Ecke. Als wolle er uns zeigen, daß er
unser
Gespräch nicht überwache, fing der Oberregierungsrat sofort mit dem
Aktenstudium an. Hans Lach sah mich an, zuckte mit den Schultern und
sagte mehr zu dem Beamten als zu mir hin: Rauchen darf man.
Der Beamte: Man darf. Der Herr Oberregierungsrat sei heute offenbar
besonders gut aufgelegt, sagte Hans Lach.
Ob er sich über ihn beklagen wolle, fragte der Beamte. Sie müssen
wissen, sagte Hans Lach zu mir, der Herr Oberregierungsrat fliegt
jedes Jahr in seinem Urlaub nach Nepal und bringt von dort Videos mir,
die er dann den Insassen hier vorführt. Hinter dem Berg, den Sie hier
sehen, sagt er dann, liegt ein englisches Hotel, in dem haben wir
schwedisches Bier getrunken. Der Herr Lach hat sich schnellstens über
mich informiert, sagte der Oberregierungsrat. Drückte aber durch den
Ton,
in dem er das sagte, aus, daß er weiterhin konzentriert sei auf seine
Arbeit, und an dem Gespräch dort am Tischchen nicht teilzunehmen
gedenke.
Das konnte nur heißen, Hans Lach und ich sollten nicht glauben, er
höre
unser Gespräch ab. Beamte sind viel fleißiger, als man denkt, sagte
Hans
Lach. Dann sagte er nichts mehr. Wenn der Beamte noch etwas gesagt
hätte,
hätte er sicher auch noch etwas gesagt. Er sah mich zwar an, aber
nicht so, daß ich hätte fragen können: Wie geht es Ihnen. Er sah mich
kein bißchen erwartungsvoll an oder neugierig. Er gähnte. Wollte das
Gähnen aber höflich verbergen. Je länger ich ihn anschaute, desto
weniger
war es mir peinlich, daß ich nicht wußte, wie ich das Gespräch
beginnen sollte. Ich war gekommen, um ihm zu sagen, daß ich wisse,
er sei es nicht gewesen. André Ehrl-König hat sich durch seine Art,
über Schriftsteller zu urteilen, sicher viele zu Feinden gemacht.
Warum sollte sich ausgerechnet Hans Lach so vergessen! Es gab andere,
die viel schlechter weggekommen waren. Durch Professor Silberfuchs
hatte
ich aus dieser Szene immer viel mehr erfahren als ich wissen wollte.
Ich hoffte, Hans Lach begriff, warum ich gekommen war. Ich wollte
etwas
tun für ihn. Daß ich gekommen war, war ein Angebot. Er mußte darauf
reagieren. Er sah mich ruhig an, vollkommen ruhig. Er erwartete nichts
von mir. Wahrscheinlich hatte sein Verleger schon die besten Anwälte
zusammengespannt. Wahrscheinlich empfing er an diesem Tischchen
täglich
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seine Freunde und Freundinnen. Ich kam mir plötzlich ganz überflüssig
vor. Ich hätte wirklich in Amsterdam bleiben sollen, Joost Ritmans
Kabbala-Blätter anschauen,vergiß München, morgen wird das Feuilleton
der
Republik Hans Lach feiern, er wird Interviews und Interviews geben,
das
arme Schwein, der wirkliche Mörder, wird sein Geständnis
herausstottern,
die Mutter eine Prostituierte, er aufgewachsen im Waisenhaus, vom
Kaplan
vergewaltigt, seit dem siebzehnten Lebensjahr straffällig, mit
achtundzwanzig – grade wieder mal aus dem Knast entlassen – schreibt
er
sein Leben auf, schickt das Manuskript André Ehrl-König, der läßt ihm
durch seine Sekretärin mitteilen, daß er keine Anlaufstation sei für
verpfuschte Biographien, also keimt in dem Knastheini eine Wut, er
sieht
Ehrl-König im Fernsehen, er fragt sich durch, ein Pförtner verrät ihm,
wo gefeiert wird, nichts wie hin, gewartet im fallenden Schnee, bis
der
Star kommt, zugestochen ...
Entschuldigen Sie, bitte, daß ich gekommen bin. Das konnte ich auch
nicht sagen. Es war übereilt. Ein Gefühl eben. Gefühle sind immer
übereilt.
Gefühle dürfen übereilt sein. Gefühle müssen übereilt sein. Basta. Zum
Glück brauchte er mich nicht. Was hätte ich denn tun können für ihn?
Aber
er sah mich nicht an, als wollte er sagen: Was wollen denn Sie hier.
Er sah mich ruhig an. Tendenzlos. Fast ohne jede Stimmung. Er kratzte
mit
einer Hand auf dem Handrücken der anderen. Er nahm mir nichts übel.
Daß
wir beide so sitzen konnten, ohne etwas zu sagen, daß dieses
Nichtssagen
überhaupt nicht peinlich war, das empfand ich als eine Art
Übereinstimmung
mit ihm. Er fand, daß ich gekommen war, nicht aufdringlich. Mit wem
hätte ich eine Stunde lang so sitzen können, ohne etwas zu sagen! Mit
wem
hätte er ... ach, erschon eher, er war es vielleicht gewohnt, daß man,
wenn er nichts sagte, auch nichts sagte.
Wenn ich, obwohl er so
deutlich nichts sagen wollte, doch angefangen hätte, etwas zu sagen,
irgendeinen Verlegenheitsquatsch, dann hätte ich die Situation
verfehlt.
Die Prüfung nicht bestanden. Das ist eben so. Der Prominente kann sich
benehmen, wie er will, er benimmt sich richtig. Nur du kannst etwas
falsch
machen. Selbst wenn du dieses Ritual überhaupt nicht anerkennst, du
verhältst dich doch genau so, wie es von einem wie dir erwartet wird.
Aber jetzt sei zufrieden, daß du einer Schweigestunde
verlegenheitsfrei
standgehalten hast. Mensch. Freibleibend. Was soll das jetzt? Weiß
nicht.
Einfach das Wort, das mich jetzt anzieht.
Freibleibend ...
Es war der Beamte, der sagte, es sei Zeit. Ich fand es erstaunlich,
daß er das Schweigen nicht kommentierte. Er hätte doch sagen können,
er
wisse es zu schätzen, daß die beiden Herrn ihn so gar nicht bei seinem
Aktenstudium gestört hätten. Aber daß er das Schweigen gar nicht
erwähnte,
war noch besser. Niveau, dachte ich, der Herr Oberregierungsrat hat
Niveau.
Beide gingen mit mir bis zum Pförtner. Da ich nicht jetzt noch etwas
durch
banalen Sarkasmus oder
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halbgare Ironie verderben wollte, verabschiedete ich mich sozusagen so
stumm, wie ich bis dahin gewesen war. Aber ich vermied es, das
Nichtssagen
pathetisch werden zu lassen. Hans Lach zog ganz zuletzt noch ein paar
Seiten, von Hand beschriebene, aus seiner Jackentasche und übergab sie
mir. Sein Blick dazu war nichts als sachlich. Draußen in der
beglückend
kalten Winterwelt merkte ich erst, wie warm e