Martin Walser - Tod eines Kritikers (1)
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walsertek@ziplip.com
walsertek@hushmail.com
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*Pages 1--148*
1
Martin Walser
Tod eines Kritikers
Roman
Erste Auflage 2002
Ó Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2002
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des
öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und
Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in
irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere
Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet,
vervielfältigt oder verbreitet werden.
Satz:
Druck:
Printed in Germany
1 2 3 4 5 6 – 07 06 05 04 03 02
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FÜR DIE, DIE MEINE KOLLEGEN...
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Martin Walser - Tod eines Kritikers (1)
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1
Martin Walser
Tod eines Kritikers
Roman
Erste Auflage 2002
Ó Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2002
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des
öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und
Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in
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Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
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FÜR DIE, DIE MEINE KOLLEGEN SIND
Q U O D E S T
S U P E R I U S
E S T S I C U T
I N F E R I U S
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I. VERSTRICKUNG
Da man von mir, was zu schreiben ich mich jetzt veranlaßt fühle, nicht
erwartet, muß ich wohl mitteilen, warum ich mich einmische in ein
Geschehen, das auch ohne meine Einmischung schon öffentlich genug
geworden zu sein scheint. Mystik, Kabbala, Alchemie, Rosenkreuzertum
–,
das ist, wie Interessierte wissen, mein Themengelände. Tatsächlich
unterbreche ich, um mich in ein täglich mit neuen Wendungen
aufwartendes Geschehen einzumischen, die Arbeit an meinem
Buch Von Seuse zu Nietzsche. Es sind eher die Vorbereitungen zu diesem
Buch, die ich unterbreche, als die Arbeit an ihm. Inhalt: In die
deutsche Sprache kommt der persönliche Ton nicht erst durch Goethe,
von dem Nietzsche gierig profitierte, sondern schon durch Seuse,
Eckhart und Böhme. Weil das bürgerlich Geschriebene unsere
Erlebnis-und Fassungskraft besetzt hat, haben wir, das Publikum,
nicht wahrnehmen können, daß die Mystiker ihre Ichwichtigkeit
schon so deftig erlebt haben wie Goethe und wie nach ihm Nietzsche.
Nur waren sie glücklich und unglücklich nicht mit Mädchen, Männern
und Frauen, sondern mit Gott ...
Ich muß das erwähnen, weil durch mein sonstiges Schreiben gefärbt sein
kann, was ich mitteile über meinen Freund Hans Lach. Beide, Hans
Lach und ich, sind Schreibende.
Ich war in Amsterdam, als es passierte. Bei Joost Ritman war ich,
eingeladen, seine Sammlung anzuschauen. Mir ist kein Privater bekannt,
der so viele Specimena der Mystik, Kabbala, Alchemie und des
Rosenkreuzertums gesammelt hat wie Joost Ritman. Ich wohnte im
Ambassade, wo ich in Amsterdam immer wohne, ich las beim Frühstück den
NRC, den ich dort immer lese, und erfuhr, daß Hans Lach verhaftet
worden ist. Mordverdacht. Obwohl es bei mir, sobald ich im Ausland
bin,
zu den Erholungsqualitäten gehört, nur die jeweils ausländischen
Zeitungen zu lesen, besorgte ich mir sofort die Frankfurter
Allgemeine. Da las ich nun, Hans Lachs neuestes Buch Mädchen ohne
Zehennägel sei von André Ehrl-König in seiner berühmten
und beliebten Fernseh-Show SPRECHSTUNDE unsanft behandelt worden. Der
Autor habe den Kritiker, als der, wie es üblich sei, nach seiner
Fernseh-Show in der Bogenhausener Villa des Ehrl-König-Verlegers
Ludwig Pilgrim erschien, grob angepöbelt. Noch sei ungeklärt, wie es
Hans Lach überhaupt gelungen sei, sich Zutritt zu der Party zu
verschaffen, die Ehrl-Königs Verleger nach jeder SPRECHSTUNDE
in seiner Villa veranstalte. Auf der Gästeliste sei Hans Lach nicht
vorgesehen gewesen, weil es unüblich sei, Autoren, die unmittelbar
davor in Ehrl-Königs SPRECHSTUNDE „dran" waren, nachher zur Party
einzuladen. Hans Lach sei zwar selber Autor des PILGRIM Verlags,
aber an diesem Abend hätte er nach den Regeln des Hauses
nicht dabei sein dürfen. Hans Lach habe offenbar sofort gegen André
Ehrl-König tätlich werden
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wollen. Als ihn zwei Butler hinausbeförderten, habe er ausgerufen: Die
Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Herr Ehrl-König möge sich vorsehen.
Ab heute nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen.
Diese Ausdrucksweise habe unter den Gästen, die samt und sonders mit
Literatur und Medien und Politik zu tun hätten, mehr als Befremden,
eigentlich schon Bestürzung und Abscheu ausgelöst, schließlich sei
allgemein bekannt, daß André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch
Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust. Auf dem Kühler von
Ehrl-Königs Jaguar, der am nächsten Morgen immer noch vor der Villa
des Verlegers stand, sei der berühmte gelbe Cashmere-Pullover, den
der Kritiker in seiner Fernsehshow immer um seine Schultern
geschlungen trage, gefunden worden. Von André Ehrl-König fehle jede
Spur. Es sei in dieser Nacht fast ein halber Meter Neuschnee gefallen.
München im Schnee-Chaos. Hans Lach sei schon am Tag danach unter
Verdacht gestellt und, da er kein Alibi nachweisen konnte und nicht
bereit war, auch nur eine einzige Frage zu beantworten, verhaftet
worden. Sein Zustand wird als Schock bezeichnet.
Ich konnte, als ich das las, gar nicht mehr richtig atmen. Aber ich
wußte doch, daß Hans Lach es nicht getan hatte. So etwas weiß man,
wenn man einen Menschen einmal mit dem Gefühl wahrgenommen hat.
Und obwohl ich über seine Freundschaften nicht viel weiß, beherrschte
mich, als ich das las, sofort eine einzige Empfindung: er hat außer
dir keinen Freund.
Ich rief sofort Joost Ritman an und sagte, daß ich sofort zurück nach
München müsse. Als ich noch sagen wollte, warum ich sofort zurück
müsse, merkte ich, daß das gar nicht so leicht mitzuteilen sei.
Ich sagte: Ein Freund ist in eine Not geraten.
Manchmal spricht man, wenn man
genau zu sein versucht, wie ein Ausländer. Weil ich zu hastig
aufgebrochen war, prüfte ich erst auf dem Bahnsteig, ob nichts
vergessen worden sei. Der Ausweis fehlte. Man hatte ihn an der
Rezeption erbeten und, weil ich es beim Aufbruch so eilig hatte,
vergessen, ihn mir wiederzugeben.
Hintelephoniert. Ein junger Asiate brachte ihn sofort. Ich
versäumte den Zug, den ich herausgesucht hatte, nicht. Aber nach einer
Stunde Fahrt blieb der Zug stehen, auf freiem, holländisch weitem
Feld. Und keine Erklärung.
Als einige Reisende schon laut wurden, endlich die Ansage: Deze trein
is afgeschaft. Wir mußten aussteigen, auf den Ersatzzug warten.
Für mich hing das alles mit Hans Lach, Ehrl-König und
München-Bogenhausen
zusammen. Mir sollte Zeit gegeben werden zu überlegen, ob ich wirklich
so überstürzt nach München zurückfahren sollte, mußte, durfte. Meine
Empfindung war unmißverständlich. Aber da, wo in einem gerechnet,
berechnet und geprüft wird, meldete sich die Gegenstimme. Sind Hans
Lach
und ich wirklich befreundet? Der bekannte, fast populär bekannte Hans
Lach und der im Fachkreis herumgeisternde Michael Landolf? Vielleicht
sind wir nur befreundet, weil wir keine fünf Minuten (zu Fuß) von
einander entfernt wohnen. Er in der
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Böcklin-, ich in der Malsenstraße, also im Malerviertel des lieblichen
Stadtteils Gern. Wir passen beide besser hierher als nach Bogenhausen,
hat Hans Lach einmal gesagt. Er ist allerdings deutlich jünger als
ich.
Hält also noch mehr für möglich als ich. Wir haben einander fast ein
bißchen schamhaft gestanden, daß wir ohne die Gerner Nachbarschaft
kaum Freunde geworden wären. Er, immer mitten im schrillen
Schreibgeschehen, vom nichts auslassenden Roman bis zum atemlosen
Statement, ich immer im funkelndsten Abseits der Welt. Mystik,
Kabbala,
Alchemie. Aber nachdem wir uns bei dem auch aktuell tendierenden
Philosophieprofessor Wesendonck in dessen Grünwalder Villa
kennengelernt hatten, haben wir keinen Grund empfunden, uns nicht mit
einem sorgfältig betonten Auf Wiedersehn zu verabschieden. Zeitgeizig
sind wir beide. Wir sind keine sogenannten engen Freunde, vielleicht,
weil wir beide vorsichtig geworden sind. Ich noch mehr als er. Draußen
bei Wesendoncks haben wir uns zwar gleich bei unseren Vornamen
genannt.
Das heißt aber nur, daß wir beide in der Welt, besonders in der
englisch-amerikanischen, herumgekommen sind. Er hat mich gleich
bei der zweiten oder dritten Anrede Michel genannt. Das tun, nach
meiner
Erfahrung, nur die, die es gut meinen mit mir, oder, sagen wir, die
Herzlichen. Hans Lach ist eine Herzlichkeitsbegabung. Das spürte ich
sofort. Wir haben beide bemerkt und es auch nicht vor einander
verheimlicht, daß wir nicht zum engeren Kreis der hier Eingeladenen
gehörten. Beide in Gern wohnend, teilten wir nachher ein
Taxi, auch bei der Bezahlung, weil keiner sich vom anderen einladen
lassen wollte oder konnte.
Daß wir da beide gleich kleinlich waren, war mir sympathisch. Und wir
sagten uns auf dem Heimweg auch die Gründe auf, die uns diese
Einladung
beschert hatten.
Mich hat Wesendonck über die Kabbala ausgefragt, weil er ein Buch
Gershom
Scholems für die Süddeutsche rezensieren sollte. Daß ich, als mir
Wesendonck das mitteilte, den typischen Enttäuschungsstich verspürte,
gestand ich natürlich nicht. Ich, in nichts so zu Hause wie in Mystik,
Kabbala, Alchemie, wurde nicht um diese Buchbesprechung gebeten, wohl
aber der doch ganz und gar aktuell tendierende Wesendonck. Aber er
hatte,
bevor er mich ausgefragt hatte, selber gesagt, daß ihm diese
Besprechung
nur angeboten worden sei und er sie nur angenommen habe, weil er mit
Gershom Scholem befreundet gewesen sei. Hans Lach führte sein
Eingeladenwordensein darauf zurück, daß er in der Frankfurter
Allgemeinen gerade ungut behandelt, ja sogar richtig beschimpft worden
sei, als Populist. Und zwar von einem der Herausgeber persönlich.
Dadurch sei er für Wesendonck einladbar geworden. Wesendonck habe ihn,
Hans Lach, diesen Abend lang richtig geprüft, ob er in die
Wesendonckphalanx passe. Ich müsse ja bemerkt haben, daß Wesendonck
den Namen jenes Herausgebers immer mit dem Zusatz Faschist versehen
habe. Diese Schmähfloskel stammte
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deutlich aus den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Aber die,
die sie damals im Mund führten, konnten offenbar auch jetzt, obwohl
selber deutlich gealtert, nicht darauf verzichten.
Obwohl ich nirgends dazugehöre – wer geschichtsträchtige Bücher
schreibt, kann die Abende nicht verplaudern –, kriege ich, weil ich,
wenn ich erschöpft bin, Zeitungen durchblättere, doch mit, wer gerade
mit wem und wer gegen wen ist. Den Rest sagt mir Professor Silberfuchs
im Kammerspiel-Foyer oder am Telephon. Er ist, wie er es selber
fröhlich ausdrückt, mit Gott und der Welt befreundet, und ich gehöre
zu seinen Telephonnummern. Er hat mein Mystik-Buch über alle Maßen
gelobt. In der Zeitung und im Radio. Dann mich angesprochen im Foyer
der
Kammerspiele. Er habe damit wirklich gewartet, aber als er mich zum
vierten Mal auf dem Platz zwei Reihen vor sich gesehen habe, habe er
sich und dann auch mich darauf hinweisen müssen, daß wir dem gleichen
Abonnement angehörten. Als er hörte, daß ich in Gern wohnte, sagte er
sofort: Hans Lach auch. Und sagte gleich noch dazu, daß er seinen
Spitznamen Hans Lach verdanke. Und er sei überhaupt nicht beleidigt.
Er finde, der von Hans Lach für ihn gefundene Spitzname könnte auch
bei Wagner in den Meistersingern vorkommen. Jetzt mußte ich doch
gestehen, daß ich seinen Spitznamen nicht kenne. Ach, rief er, wie
lustig. Sie sind der einzige in ganz München, der den nicht kennt.
Und es mache ihm überhaupt nichts aus, seinen Spitznamen
selber zu verbreiten. Silbenfuchs habe Hans Lach ihn genannt, nachdem
er, Professor Silberfuchs, den vorvorletzten Roman von Hans Lach in
irgendeiner Konversation ein Werk von grandioser Selbstbehinderung
genannt habe. Was man in München irgendwo sage, sage man immer der
ganzen Stadt. Zumindest in der Kulturszene. Die sei nirgends
so tratschselig wie in München. Das alles rauschte im Foyer auf mich
ein, weil ich, als er sich als Harlachinger ausgewiesen hatte, mich
zu Gern bekannte. Und Gern heißt für einen Professor der
Literaturwissenschaft Hans Lach. Hans Lach sei inzwischen, sagte er
noch schnell, weil das Klingelzeichen mahnte, doch fast schon zu
prominent für das liebe Kleinbürgerviertel. Der gehört längst nach
Bogenhausen, sagte der Professor. Und Ton und Schmunzeln konnten
bedeuten, der Satz sei auch ironisch gemeint gewesen. Daß ich nicht
nach Bogenhausen, sondern eben doch nach Gern gehörte, hatte der
Professor mit diesem Satz sicher nicht sagen wollen. Ich hatte nicht
vermeiden können, das herauszuhören.
Keine Polizei der Welt würde mich eines Mordes verdächtigen. Hans
Lach schon. Obwohl er den Mord so wenig begangen hat wie ich. Als
ich las, was über Hans Lach in der Zeitung stand, überlegte ich
nicht, ob er mich brauche oder nicht. Ich war nicht fähig, mir
vorzustellen, daß es in München und in ganz Deutschland mehr als
genug Menschen gäbe, die Hans Lach von diesem absurden Verdacht
befreien würden. Gar nichts konnte ich mir vorstellen. Nicht
einmal, daß ich aufdringlich wirken könnte. Er mußte Freunde haben,
die viel ernsthafter seine Freunde waren
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als ich, der Zufallsnachbar. Mir ist sonst immer alles zu schnell
peinlich. Und jetzt gar nicht. Hin mußte ich. Sofort. Nach München.
Und hinaus nach Stadelheim.
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Der Beamte, der mich an der Pforte abholte, sagte: Der Chef macht den
Besuch selber. Wie lang, fragte ich. Er: Wenn ich den Besuch machen
tät, könnte ich nur eine halbe Stunde erlauben, der Chef kann machen,
so lange er will. Der Herr Oberregierungsrat wußte also immerhin,
wer sein Untersuchungshäftling war. In einem polizeigrün gestrichenen
Raum wurde ich an ein rundes Tischchen in der Ecke gesetzt, dann kam
der Herr Oberregierungsrat mit seinem Häftling herein.
Hans Lach und ich am Tischchen in der einen, der Beamte an dem
Schreibtisch in der anderen Ecke. Als wolle er uns zeigen, daß er
unser
Gespräch nicht überwache, fing der Oberregierungsrat sofort mit dem
Aktenstudium an. Hans Lach sah mich an, zuckte mit den Schultern und
sagte mehr zu dem Beamten als zu mir hin: Rauchen darf man.
Der Beamte: Man darf. Der Herr Oberregierungsrat sei heute offenbar
besonders gut aufgelegt, sagte Hans Lach.
Ob er sich über ihn beklagen wolle, fragte der Beamte. Sie müssen
wissen, sagte Hans Lach zu mir, der Herr Oberregierungsrat fliegt
jedes Jahr in seinem Urlaub nach Nepal und bringt von dort Videos mir,
die er dann den Insassen hier vorführt. Hinter dem Berg, den Sie hier
sehen, sagt er dann, liegt ein englisches Hotel, in dem haben wir
schwedisches Bier getrunken. Der Herr Lach hat sich schnellstens über
mich informiert, sagte der Oberregierungsrat. Drückte aber durch den
Ton,
in dem er das sagte, aus, daß er weiterhin konzentriert sei auf seine
Arbeit, und an dem Gespräch dort am Tischchen nicht teilzunehmen
gedenke.
Das konnte nur heißen, Hans Lach und ich sollten nicht glauben, er
höre
unser Gespräch ab. Beamte sind viel fleißiger, als man denkt, sagte
Hans
Lach. Dann sagte er nichts mehr. Wenn der Beamte noch etwas gesagt
hätte,
hätte er sicher auch noch etwas gesagt. Er sah mich zwar an, aber
nicht so, daß ich hätte fragen können: Wie geht es Ihnen. Er sah mich
kein bißchen erwartungsvoll an oder neugierig. Er gähnte. Wollte das
Gähnen aber höflich verbergen. Je länger ich ihn anschaute, desto
weniger
war es mir peinlich, daß ich nicht wußte, wie ich das Gespräch
beginnen sollte. Ich war gekommen, um ihm zu sagen, daß ich wisse,
er sei es nicht gewesen. André Ehrl-König hat sich durch seine Art,
über Schriftsteller zu urteilen, sicher viele zu Feinden gemacht.
Warum sollte sich ausgerechnet Hans Lach so vergessen! Es gab andere,
die viel schlechter weggekommen waren. Durch Professor Silberfuchs
hatte
ich aus dieser Szene immer viel mehr erfahren als ich wissen wollte.
Ich hoffte, Hans Lach begriff, warum ich gekommen war. Ich wollte
etwas
tun für ihn. Daß ich gekommen war, war ein Angebot. Er mußte darauf
reagieren. Er sah mich ruhig an, vollkommen ruhig. Er erwartete nichts
von mir. Wahrscheinlich hatte sein Verleger schon die besten Anwälte
zusammengespannt. Wahrscheinlich empfing er an diesem Tischchen
täglich
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seine Freunde und Freundinnen. Ich kam mir plötzlich ganz überflüssig
vor. Ich hätte wirklich in Amsterdam bleiben sollen, Joost Ritmans
Kabbala-Blätter anschauen,vergiß München, morgen wird das Feuilleton
der
Republik Hans Lach feiern, er wird Interviews und Interviews geben,
das
arme Schwein, der wirkliche Mörder, wird sein Geständnis
herausstottern,
die Mutter eine Prostituierte, er aufgewachsen im Waisenhaus, vom
Kaplan
vergewaltigt, seit dem siebzehnten Lebensjahr straffällig, mit
achtundzwanzig – grade wieder mal aus dem Knast entlassen – schreibt
er
sein Leben auf, schickt das Manuskript André Ehrl-König, der läßt ihm
durch seine Sekretärin mitteilen, daß er keine Anlaufstation sei für
verpfuschte Biographien, also keimt in dem Knastheini eine Wut, er
sieht
Ehrl-König im Fernsehen, er fragt sich durch, ein Pförtner verrät ihm,
wo gefeiert wird, nichts wie hin, gewartet im fallenden Schnee, bis
der
Star kommt, zugestochen ...
Entschuldigen Sie, bitte, daß ich gekommen bin. Das konnte ich auch
nicht sagen. Es war übereilt. Ein Gefühl eben. Gefühle sind immer
übereilt.
Gefühle dürfen übereilt sein. Gefühle müssen übereilt sein. Basta. Zum
Glück brauchte er mich nicht. Was hätte ich denn tun können für ihn?
Aber
er sah mich nicht an, als wollte er sagen: Was wollen denn Sie hier.
Er sah mich ruhig an. Tendenzlos. Fast ohne jede Stimmung. Er kratzte
mit
einer Hand auf dem Handrücken der anderen. Er nahm mir nichts übel.
Daß
wir beide so sitzen konnten, ohne etwas zu sagen, daß dieses
Nichtssagen
überhaupt nicht peinlich war, das empfand ich als eine Art
Übereinstimmung
mit ihm. Er fand, daß ich gekommen war, nicht aufdringlich. Mit wem
hätte ich eine Stunde lang so sitzen können, ohne etwas zu sagen! Mit
wem
hätte er ... ach, erschon eher, er war es vielleicht gewohnt, daß man,
wenn er nichts sagte, auch nichts sagte.
Wenn ich, obwohl er so
deutlich nichts sagen wollte, doch angefangen hätte, etwas zu sagen,
irgendeinen Verlegenheitsquatsch, dann hätte ich die Situation
verfehlt.
Die Prüfung nicht bestanden. Das ist eben so. Der Prominente kann sich
benehmen, wie er will, er benimmt sich richtig. Nur du kannst etwas
falsch
machen. Selbst wenn du dieses Ritual überhaupt nicht anerkennst, du
verhältst dich doch genau so, wie es von einem wie dir erwartet wird.
Aber jetzt sei zufrieden, daß du einer Schweigestunde
verlegenheitsfrei
standgehalten hast. Mensch. Freibleibend. Was soll das jetzt? Weiß
nicht.
Einfach das Wort, das mich jetzt anzieht.
Freibleibend ...
Es war der Beamte, der sagte, es sei Zeit. Ich fand es erstaunlich,
daß er das Schweigen nicht kommentierte. Er hätte doch sagen können,
er
wisse es zu schätzen, daß die beiden Herrn ihn so gar nicht bei seinem
Aktenstudium gestört hätten. Aber daß er das Schweigen gar nicht
erwähnte,
war noch besser. Niveau, dachte ich, der Herr Oberregierungsrat hat
Niveau.
Beide gingen mit mir bis zum Pförtner. Da ich nicht jetzt noch etwas
durch
banalen Sarkasmus oder
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halbgare Ironie verderben wollte, verabschiedete ich mich sozusagen so
stumm, wie ich bis dahin gewesen war. Aber ich vermied es, das
Nichtssagen
pathetisch werden zu lassen. Hans Lach zog ganz zuletzt noch ein paar
Seiten, von Hand beschriebene, aus seiner Jackentasche und übergab sie
mir. Sein Blick dazu war nichts als sachlich. Draußen in der
beglückend
kalten Winterwelt merkte ich erst, wie warm es da drinnen gewesen war.
Wie oft bei Behörden, überheizt. Auf der Heimfahrt wurde mir
(wieder einmal) bewußt, wie wenig man von sich braucht, um ein Auto
durch
eine Stadt zu lenken, die man kennt. Ich dachte nur an ihn, sah nur
ihn
vor mir, wurde nicht fertig mit ihm, weil, was mir dort alsRuhe
vorgekommen
war, jetztgar nicht mehr so vorkam. Tendenzlos, ja. Aber ruhig? Sein
Bild in
meiner Vorstellung, sein immer ungeschützt wirkender Blick, die
rötlichen
Haare, kurze, sich gleich wieder dem Kopf zubiegende Haare, rötlich
grau.
Würde er sie wachsen lassen, gar nichtvorstellbar, daß das je lange
Haare
wären. Eine zu hohe, zu runde Stirn. Flache Augenhöhlen. Ach, Hans
Lach.
Ich schaute und schaute ihn an. Und wußte doch, daß er mir nicht ruhig
gegenübergesessen hatte, sondern ... Rauchend. Nicht einmal die von
ihm gerauchten Zigaretten hatte ich gezählt. Und hätte wirklich Zeit
gehabt.
Na ja. Hans Lach. Ich mußte durchprobieren, wie dieser Name in den mir
geläufigen europäischen Sprachen klingen würde. Suchte ich eine
Fluchtmöglichkeit? Ich hoffte, nicht.
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Am meisten ist Gern noch das, was es einmal gewesen sein muß, wenn der
Schnee alles zudeckt, alles neuerdings Dazugebaute. Und das gelingt
dem
Schnee fast jeden Winter ein-, zweimal. Wenn dann die Straßen nicht
geräumt werden, die schwarzen Menschen, Gleichgewicht suchend, durch
die Luft rudern, dann kann ich arbeiten. Hätte ich arbeiten können,
wenn ich nicht in dieses Geschehen hineingeraten wäre. Ich kam heim
und merkte, daß ich immer noch nicht wußte, wie es Hans Lach ging.
Dieses Schweigen. Ach was, Schweigen. Da lernt man Wörter kennen!
Wenn sie nicht taugen! Dieses Voreinandersitzen und Nichtssagen. Das
kann man doch nicht Schweigen nennen. Er tat mir leid. Das war es.
Jetzt erst gestand ich es mir ein: er tat mir leid, weil ich glaubte,
daß er es getan haben könnte. Für mich war es immer die
fürchterlichste
Vorstellung überhaupt: jemanden umgebracht zu haben. Manchmal – sehr
selten zum Glück – träumte ich das: du hast jemanden umgebracht,
man ist schon auf deiner Spur, du siehst deiner Überführung entgegen,
du mußt, um das zu verhindern, noch jemanden umbringen. Die Tage nach
solchen Träumen sind immer die glücklichsten Tage überhaupt. Den
ganzen Tag könnte ich summen vor Glück: du hast keinen umgebracht,
Halleluja. Ich war von Amsterdam so jäh weggefahren, ich mußte sofort
hinaus nach Stadelheim, weil ich glaubte, er könnte es doch getan
haben.
Und fürchterlicher konnte nichts sein. Also hin zu ihm. Dann sitzen
und
nichts sagen. Einfach weil man, wenn jemand jemanden umgebracht hat,
nichts mehr sagen kann. Jetzt merkte ich, daß mir der Tote kein
bißchen
leid tat, nur der Täter. Der Tote leidet doch nicht mehr. Aber der
Täter ... der kann keine Sekunde lang an etwas anderes denken als an
die Sekunde der Tat. Ich müßte mich, wenn mir das passierte, sofort
selber umbringen. Nicht, um mich zu strafen, nicht, um zu sühnen.
Nur weil es nicht auszuhalten wäre, dieses ewige, unablässige
Drandenkenmüssen. Und der saß mir gegenüber, sah mich an, ruhig.
Das habe ich mir eingeredet. Ruhig. Er war erledigt, zerquetscht, er
hatte sicher immer noch keinen ruhigen Schlaf gefunden. Die Augen.
Jetzt erst verstand ich diesen Blick. Dieses vollkommen Tendenzlose.
Keine Gesellschaft, bitte. Keine Teilnahme. Achten Sie, bitte, mein
Nichtinfragekommen für alles. Ich komme in Frage nur noch für nichts.
Und diesen Ausdruck hatte ich für ruhig gehalten. Halten wollen.
Etwas Unwiderrufliches getan haben.
Ich konnte nicht sitzen bleiben, mich nicht vom Winterbild draußen
einwiegen lassen, ich rannte im Zimmer hin und her, bis mir Lachs
Handgeschriebenes einfiel. Und las. Es waren Seiten eines
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DIN A5-Blocks. Mit Linien, an die sich der Schreiber, weil sie ihm zu
weit auseinander standen, nicht gehalten hat. Die Handschrift war
schwer lesbar. Lieber Michel Landolf, las ich, hier ein paar Notate
aus der
Ettstraße. Zwei Tage und zwei Nächte. Bitte, aufbewahren für was auch
immer. Herzlich Ihr Ex-Nachbar Lach. Ich las:
Versuch über Größe. Zuerst das Geständnis, daß Denken mir nichts
bringt. Ich bin auf Erfahrung angewiesen. Leider. Erfahren geht ja
viel langsamer als denken. Denken kann man schnell. Denken geht
leicht.
Denken ist keine Kunst. Denken ist großartig. Durch Denken wird man
Herr
über Bedingungen, unter denen man sonst litte. All das ist Erfahren
nicht. Nach meiner Erfahrung, der ich neuestens bis zur
Unerträglichkeit
ausgesetzt bin. In einem Satz gesagt: Immer öfter merke ich, daß
Menschen,
mit denen ich spreche, während wir mit einander sprechen, größer
werden.
Ich könnte auch sagen: Ich werde, während wir sprechen, kleiner. Das
ist eine peinliche Erfahrung. Und am peinlichsten, wenn das öffentlich
vor sich geht. In einem Restaurant. Oder – am allerschlimmsten – im
Fernsehstudio. Katastrophal ... Aber – und das ist die neueste
Erfahrung
überhaupt – auch wenn andere Leute in einer gewissen Art über mich
sprechen, werde ich kleiner. Und das, ohne daß ich mit diesen Leuten
zusammen bin oder auch nur weiß, daß die gerade über mich sprechen.
Ich sitze zu Hause anmeinem Arbeitstisch, und wenn ich aufstehen will,
reichen meine Füße nicht mehr auf den Teppich hinab, auf dem mein
Schreibtischstuhl steht. Das ist nicht so schlimm, weil ich auf meinem
Keshan, wenn ich vom Stuhl hinunterspringe, weich lande. Und – das
ist bei dieser Erfahrung das Wichtigste und eigentlich auch das
Schönste – nachts regeneriere ich mich. Jeden Morgen, wenn ich
aufwa