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aus Wikipedia
Venedig
Venedig [] (ital. Venezia [] resp. venezianisch Venexia oder Venezsia []) ist eine Stadt im Nordosten Oberitaliens an der adriatischen Küste, Hauptstadt der Region Venetien und der Provinz Venedig. Sie trägt den Beinamen La Serenissima (?Die Allerdurchlauchtigste?). Rund ein Jahrtausend lang war sie als Republik Venedig von großer historischer Bedeutung und eine der größten europäischen Städte, bis ihre Selbstständigkeit 1797 endete. Die Stadt erstreckt sich in Nordost-Italien entlang der Adria über 117 kleine Inseln in einer Lagune. Diese Salzwasserlagune liegt zwischen den Mündungen des Po im Süden und des Piave im Norden. Die Inseln sind mit über 400 Brücken untereinander verbunden. Bei der Volkszählung 2006 hatte die Stadt 268.934 Einwohner, davon 176.621 auf dem Festland, 30.702 innerhalb der Lagune und 61.611 im historischen Zentrum. Venedig und seine Lagune steht seit 1987 auf der UNESCO-Liste des...
Venedig [] (ital. Venezia [] resp. venezianisch Venexia oder Venezsia []) ist eine Stadt im Nordosten Oberitaliens an der adriatischen Küste, Hauptstadt der Region Venetien und der Provinz Venedig. Sie trägt den Beinamen La Serenissima (?Die Allerdurchlauchtigste?). Rund ein Jahrtausend lang war sie als Republik Venedig von großer historischer Bedeutung und eine der größten europäischen Städte, bis ihre Selbstständigkeit 1797 endete. Die Stadt erstreckt sich in Nordost-Italien entlang der Adria über 117 kleine Inseln in einer Lagune. Diese Salzwasserlagune liegt zwischen den Mündungen des Po im Süden und des Piave im Norden. Die Inseln sind mit über 400 Brücken untereinander verbunden. Bei der Volkszählung 2006 hatte die Stadt 268.934 Einwohner, davon 176.621 auf dem Festland, 30.702 innerhalb der Lagune und 61.611 im historischen Zentrum. Venedig und seine Lagune steht seit 1987 auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes.[1] Immer wieder wurde versucht, die städtebauliche Struktur Venedigs in anderen Städten zu imitieren.[2] Doch nicht nur die Architektur und die Struktur der Stadt, ihre Geschichte und ihre Mythen haben überaus häufig inspirierend auf Künstler und auch Stadtplaner gewirkt, sondern besonders die in keiner anderen Stadt anzutreffende Atmosphäre und der dazugehörige Lebensstil. All dies macht Venedig zu einem der größten Anziehungspunkte für Touristen weltweit ? mit all seinen Problemen.

Geographie

Lage und Stadtgliederung

Die Gemeinde Venedig umfasst das historische Zentrum, das rund 7 km² umfasst, sowie den größten Teil der Lagune von Venedig mit ihren zahlreichen Inseln, zwischen den Mündungen der Brenta und des Piave. Außerdem gehören zu Venedig die langgestreckten Inseln Lido und Pellestrina, die die Lagune von der Adria abgrenzen sowie die auf dem Festland gelegenen Stadtteile Chirignago, Favaro Veneto, Marghera, Mestre und Zelarino. Venedig ist in sechs Stadtteile (Municipalità) aufgeteilt: Zur Municipalità Venedig ? Murano ? Burano gehört das historische Zentrum der Stadt das wiederum in sechs Stadtteile eingeteilt wird: die Sestieri Cannaregio, San Polo, Dorsoduro (mit den Inseln Giudecca und San Giorgio Maggiore), Santa Croce, San Marco und Castello (mit San Pietro di Castello und Sant'Elena). Außerdem umfasst sie den mittleren und den nördlichen Teil der Lagune mit zahlreichen Inseln. Zu den wichtigsten gehören die Glasmacherinsel Murano, das kleinere Burano, Torcello, Sant'Erasmo und Vignole sowie die Friedhofsinsel San Michele. Die Municipalità Lido ? Pellestrina nimmt den südlichen Teil der Lagune mit den zwei südlichen Teilen der von Chioggia bis Jesolo reichenden Nehrung ein, die die Lagune zur Adria hin abschließt. Der Lido di Venezia entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum mondänen Seebad mit luxuriösen Hotels und einem Spielcasino. Als Schauplatz von Thomas Manns Tod in Venedig fand er Eingang in die Literatur. Der Lido verfügt über einen Landeplatz für Privatflugzeuge und ist mit zwei Autofährlinien zum Tronchetto und nach Punta Sabbioni mit dem Festland verbunden. Pellestrina ist dagegen eine vom Tourismus noch wenig berührte Insel mit Fischerdörfern. Die Stadt Mestre ? Carpenedo auf dem Festland wurde 1926 nach Venedig eingemeindet und beherbergt heute mehr als die Hälfte der Einwohner der Stadt. Hier beginnt die Ponte della Libertà (Freiheitsbrücke), die die Altstadt Venedigs an das Festland anbindet. Versuche Mestre aus der Gemeinde Venedig wieder auszugliedern scheiterten in vier Referenden, zuletzt 2003. Der Industriestadtteil Marghera liegt ebenfalls auf dem Festland und ist durch die petrochemische Industrie geprägt. Der Stadtteil Favaro Veneto liegt östlich von Mestre und schließt den Flughafen Marco Polo ein. Die Municipalità Chirignago ? Zelarino umfasst die westlichen Vororte und hat als einzige keinen Zugang zur Lagune.

Klima

Die Stadt befindet sich in der gemäßigten Klimazone. Die durchschnittliche Jahrestemperatur in Venedig beträgt 13,5 °C. Die wärmsten Monate sind Juli und August mit durchschnittlich 23,1 beziehungsweise 22,6 °C und der kälteste Januar mit 3,0 °C im Mittel. Der durchschnittliche Jahresniederschlag liegt bei 770 Millimeter. Der meiste Niederschlag fällt im November mit durchschnittlich 94 Millimeter, der geringste im Januar mit durchschnittlich 37 Millimeter.

Sprache

Im Veneto, aber auch in der Region Friaul-Julisch Venetien, im Trentino und in Istrien wird eine eigene Sprache gesprochen, die als Venetische Sprache bezeichnet wird. Seit dem 28. März 2007 ist sie ? zumindest vom Regionalrat Venetien ? als Sprache anerkannt. Dabei tritt das venesiàn (Venezianisch) als bedeutende Varietät auf, die in Venedig gesprochen wird. Es gehört zu den westromanischen Sprachen und ist daher teilweise näher mit dem Französischen und Spanischen verwandt, als mit dem aus dem Toskanischen abgeleiteten Standard-Italienisch.

Geschichte

? Siehe auch: Republik Venedig, Verfassung der Republik Venedig, Wirtschaftsgeschichte der Republik Venedig, Venezianische Kolonien

Geschichte

Zu den frühen Siedlern auf den Inseln der Lagune, deren Spuren sich bis in etruskische Zeit zurückverfolgen lassen,[3] kamen während der Völkerwanderung Flüchtlinge aus Oberitalien. Die im Jahr 452 vor den Hunnen Flüchtenden sollen sich mit der Losung Veni etiam (etwa: ?Auch ich bin (hierher) gekommen?) gegrüßt haben. Aus dieser Losung sei, so die Volksetymologie, der Name Venedig entstanden. Tatsächlich waren aber die hier ansässigen Veneter Namensgeber der Siedlung Venetia. Die Orte in der Lagune blieben, auch als das Festland an Langobarden und Franken fiel, der westlichste Außenposten des Byzantinischen Reichs. Sie entwickelten eine eigene, einfache Herrschaftsstruktur mit einem Dogen an der Spitze. Der erste Dogensitz befand sich dabei in Malamocco auf dem Lido. 811 wurde er nach Rialto verlegt. Der Name Rialto bedeutet ?hohes Ufer? (rivo alto), was wohl darauf zurückgeht, dass Rialto vor dem Anstieg des Meeresspiegels am Ostrand des Festlands lag. Diese Verlagerung der Residenz fiel in eine Zeit, als sich Byzanz und das Frankenreich unter Karl dem Großen um die rechtmäßige Nachfolge der römischen Kaiser stritten. Dabei führten die politischen Gegensätze zwischen pro-byzantinischen und pro-fränkischen Fraktionen zu Unruhen, die mehrere Dogen das Leben kosteten. Zugleich strebten die mächtigsten Familien die Alleinherrschaft mit Hilfe des Dogenamts an, wogegen sich die übrigen Clans verbündeten. Letztere setzten sich letztlich durch und erzwangen die Einbindung der Dogenmacht in ein System kontrollierender Ratsgremien, wie des Kleinen und des Großen Rates. Sie verhinderten eine Dynastiebildung und sorgten schließlich für eine Abriegelung gegen neu aufsteigende Familien (ab 1297). Dabei waren Überwachungsgremien mit fast unbeschränkter Vollmacht, wie der Rat der Zehn (ab 1310), von erheblicher Bedeutung. Die mächtigsten Clans beherrschten schließlich die Politik und den Fernhandel bis 1797. Dieses Lavieren zwischen den Großmächten verschaffte Venedig günstige Handelsverträge, die ihm fast eine Monopolstellung im Handel zwischen Westeuropa und Byzanz eintrugen. Zugleich baute es schon früh seine Beziehungen zu den muslimischen Herrschern aus. 828 wurden die Gebeine des Evangelisten Markus von Alexandria nach Venedig gebracht. Zu Ehren des Apostels veranlasste der Doge den Bau des Markusdoms, der seinen Anfang als Holzkirche nahm. Die Identität stiftende, Prestige verleihende und Machtausübung legitimierende Bedeutung dieser von der Gesamtchristenheit hochgeschätzten Reliquien kann kaum überschätzt werden. Die beiden Säulen auf der Piazzetta, tragen heute noch die Figur des Hl. Theodor und den geflügelten Löwen, das Attribut des Apostels Markus, der Theodor bald als Schutzpatron verdrängte. Das Symbol des Markus wurde zum Wappen und Hoheitszeichen Venedigs, allgegenwärtig sowohl in der Stadt wie in allen einst von Venedig beherrschten Gebieten. Als San Marco 976 niederbrannte, wurde der heutige Markusdom erbaut (976 bis 1094). Venedigs Handelsimperium breitete sich zunächst an der dalmatinischen Küste aus. Wie Genua und Pisa profitierte die Stadt auch von den Kreuzzügen. Eine weitere Quelle für den Reichtum der Lagunenstadt war die Gewinnung von Salz, das von größter Bedeutung für die Konservierung von Fleisch und Fisch war. Außerdem schaltete sich Venedig in den Import des Grundnahrungsmittels Getreide ein, so dass die Versorgung Oberitaliens bis in die Frühe Neuzeit von ihren Vorratsspeichern abhing ? ein handfestes und häufig genutztes Mittel politischer Erpressung.Wichtige Waren und Luxusgüter aus Asien und Afrika wie Seide, Pelze, Elfenbein, Gewürze, Färbemittel und Parfüme wurden über die levantinischen und nordafrikanischen Häfen umgeschlagen. Über Venedig wurde im Gegenzug der Handel mit Waren aus West- und Nordeuropa abgewickelt ? wie Gold, Silber, Bernstein, Wolle, Holz, Zinn und Eisen, aber auch geschliffene Juwelen, Glaswaren und Arzneimittel. Zur Sicherung des Seehandels baute Venedig seit 1104 eine Schiffswerft, das Arsenal, das mehrmals erweitert wurde. Die hier gebauten Flotten begleiteten die regelmäßigen Kauffahrerkonvois und waren zugleich ein geeignetes Mittel, die Piraterie einzudämmen. Im Verlauf der ersten Kreuzzüge und bedingt durch seine Handelsprivilegien nahmen die Feindseligkeiten zwischen Venezianern und Byzantinern in Konstantinopel jedoch zu, bis die Venezianer 1171 die Hauptstadt verlassen mussten. Den Vierten Kreuzzug dirigierte der Doge Enrico Dandolo nach Konstantinopel um, das erobert und geplündert wurde. Zahllose Kunstschätze gelangten von Byzanz in den Westen, so auch die bronzene Quadriga der Markuskirche. Aus diesem ?Coup? folgte allerdings auch ein endloser Konflikt mit Genua, der Ursache für vier verheerende Kriege war. Seit dem Fall von Konstantinopel 1453 musste Venedig seine Positionen im östlichen Mittelmeer nach und nach den Osmanen überlassen. Seine Bedeutung nahm auch in Folge der Verlagerung des Welthandelsverkehrs auf den Atlantik immer mehr ab. Das Monopol Venedigs auf den Gewürzhandel mit den Gebieten der Levante ging im Lauf des 17. Jahrhunderts endgültig verloren. Als Wendepunkt gilt die Seeschlacht von Lepanto, in der es Venedig letztmalig gelang, zwischen den Weltmächten der Spanier und Osmanen eine entscheidende Rolle zu spielen. Nach Zypern (1571) gingen nach und nach weitere Kolonien verloren. Venedig hatte ? vor allem ab 1405 ? nach und nach das Festland, die so genannte Terraferma erobert, und herrschte am Ende des 15. Jahrhunderts über das heutige Venetien, über Friaul und einen großen Teil der Lombardei. Gründe für die Machtausdehnung auf das Festland waren die Konkurrenz der Osmanen, die wachsende Bedeutung der Handelswege durch die Po-Ebene und über die Alpen nach Mittel- und Nordeuropa sowie die Möglichkeit der Agrarproduktion auf den dortigen Landgütern. Die Republik setzte in der Außenpolitik auf Diplomatie und ein effizientes Informationssystem. Pragmatismus, präzise Rechenhaftigkeit und Rationalität waren in der Regel Grundlagen politischen Handelns. Aus den ideologischen und religiösen Streitigkeiten hielt man sich möglichst heraus. Venedig hatte weder gravierende Probleme mit den Muslimen noch mit den Juden, man wusste sich vielmehr ihres Nutzens zu versichern. Probleme gab es allenfalls mit Rom, und zwar nicht aus religiösen Gründen, sondern wegen der politischer Vormachtbestrebungen und der Territorialpolitk der Kurie. Keine zweite Stadt Europas hat ihre ständische Ordnung so entschieden zur Arbeitsteilung genutzt wie Venedig. Der Adel besorgte die Politik und die gehobene Verwaltung sowie die Kriegs- und Flottenführung. Die Cittadini, die bürgerlichen Kaufleute (circa 3?4 % der Bevölkerung), sorgten für Geldmittel und Wertschöpfung durch Handel und Produktion von Luxuswaren, die Populani, also die Mehrheit der Bevölkerung, stellte die Soldaten, Matrosen und leistete Handarbeit, durfte aber auch als Schiffsbesatzung in gewissem Rahmen auf eigene Rechnung Handel treiben. In der Epoche des Aufstiegs waren die Adelsfamilien aktiv an Wirtschaft und Verwaltung der Stadt beteiligt: Sie trieben Handel, leiteten Kontore, kommandierten Galeeren und Flotten und waren in den zahlreichen Gremien des Staatswesens in die ? zeitlich begrenzten ? Ämter eingebunden, deren Kosten sie selbst zu tragen hatten. Ab dem späten 16. Jahrhundert entwickelten die Konkurrenten aus Nordwest- und Westeuropa überlegene Kredit- und Handelstechniken. Ihre Wirtschaftspolitik nahm zudem stark protektionistische Züge an. In der Folge übernahm die Luxusindustrie (vor allem die Glasherstellung die Rolle des rückläufigen Levantehandels, ebenso der Tourismus. Venedig konnte Dalmatien und zeitweilig den Peloponnes unter seiner Hoheit halten, jedoch ging 1669 Kreta und 1718 der Peloponnes endgültig verloren. Der ökonomische Niedergang der Stadt im 17. und 18. Jahrhundert ist dennoch eher als ein Zurückfallen gegenüber den schneller wachsenden Konkurrenten zu deuten, denn als Schrumpfungsprozess. 1797 verlor die Adelsrepublik durch Napoléon Bonaparte ihre Selbstständigkeit und wurde bis 1805 bzw. 1806 an Österreich angegliedert. Nachdem es 1805 bis 1814 Teil des napoleonischen Königreichs Italien war, kam es 1814 bzw. 1815 als Teil des Lombardo-Venezianischen Königreiches wiederum zu Österreich. 1830 erhielt die Stadt einen Freihafen und wurde 1845 durch die so genannte Freiheitsbrücke (Ponte della libertà) ans Festland gebunden. Im Revolutionsjahr 1848 (vgl. Märzrevolution) wurde am 23. März unter Daniele Manin eine Republik in Venedig ausgerufen, die über ein Jahr ihre Unabhängigkeit von Österreich behaupten konnte. Am 23. August 1849 wurde die Stadtrepublik von österreichischen Truppen blutig erobert. Der Belagerungszustand wurde erst 1854 aufgehoben. In Folge der Niederlage Österreichs gegen Preußen im Krieg von 1866, in dem das 1861 neu gegründete Königreich Italien Verbündeter Preußens war, kam Venedig gemäß dem Frieden von Wien vom 3. Oktober 1866 an Italien. Bis 1890 kam es zu massenhaften Auswanderungen ? allein aus dem Veneto 1,4 Millionen Menschen. Unter Bürgermeister Riccardo Selvatico kam es nun zu verstärkten Industrialisierungsbemühungen. 1917 wurde der Hafen Marghera eröffnet, der die Arbeitsteilung zwischen dem Industrierand der Lagune und der Altstadt, die vor allem auf Tourismus setzte, offenkundig machte. Ab 1926 gehörte der Industriekomplex Mestre-Marghera zu Venedig, drei Jahre später entstand eine Autobrücke mit einem Parkhaus (Piazzale Roma), dazu ein Bahnhof und künstliche Inseln. Bis weit in die 70er Jahre hatte die Industriepolitik Vorrang, so dass aus der Lagune eine Kloake wurde, die durch die verbreiterten Durchfahrten zur Adria und die Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts in der Lagune immer häufiger verheerenden Überschwemmungen ausgesetzt wurde, wie etwa 1966. Gleichzeitig schrumpft die Bevölkerung in der Altstadt bis heute dramatisch, ihre Überalterung nimmt zu. Unter Bürgermeister Massimo Cacciari (1993-2000 und seit 2005) subventioniert die Regierung die Restaurierung der Wohnhäuser, entwickelt Projekte zum Schutz vor Hochwasser, bemüht sich um den Umzug europäischer Institutionen nach Venedig, und ließ sämtliche Kanäle reinigen. Auch hat der Ausbau der Universität zu einer gewissen Verjüngung der Bevölkerung beigetragen.

Bevölkerungsentwicklung

Um 1300 dürfte allein das Venedig der Lagune etwa 85.000 bis 100.000 Einwohner gezählt haben, eine Zahl, die rapide anstieg und vor der ersten Pestwelle von 1348 möglicherweise die 140.000 erreichte. Um 1600 kann man mit rund 150.000 bis 160.000 Einwohnern rechnen, jedoch ist wohl die 200.000-Marke nie überschritten worden. Die Wohnverhältnnisse waren äußerst beengt. Die italienische Stadt schrumpfte zunächst, erholte sich aber im Zuge der Industrialisierung, von der das historische Zentrum zunächst gleichfalls profitierte. Heute wohnt kaum noch jeder vierte Venezianer in der Lagune. | | style="vertical-align:top;" | |}

Stadtstruktur

Venedig ist eine Stadt im Wasser. Sie setzt sich aus über 100 Inseln zusammen, zwischen denen sich schmale Kanäle hindurchziehen. Dabei wurden im Laufe der Zeit immer mehr Kanäle zugeschüttet oder für den Wasserverkehr stillgelegt. Dieser Gegensatz zwischen Land- und Wasserverkehr setzt sich bis heute fort. Die meisten Kanäle werden heute nur noch wenig oder gar nicht befahren, Hauptverkehrsader ist der Canal Grande. Zu jeder der Inseln gehörte mindestens ein Platz, der das Kommunikations-, Verkehrs- und Handelszentrum der Insel bildete. Jedoch haben auch hier spätere Veränderungen diese Struktur überlagert, wie etwa die Strada Nova oder die Via Garibaldi, ganz zu schweigen von den Landgewinnungen für den Bahnhof oder den Piazzale Roma. Dennoch ist die große Zahl der Brücken prägend. Die Dominanz des Wasserverkehrs wird am Canal Grande augenfällig, der nur stückweise von Fußgängern erreichbar ist, vor allem um die Rialtobrücke, dem ehemaligen kommerziellen Zentrum der Stadt, wo sich bis heute der größte Markt befindet. Am Kanal ballen sich die repräsentativen Palastbauten des Stadtadels, die das Bild der Stadt stark geprägt haben. Das ehemalige Machtzentrum der Stadt, der Markusplatz, weist eine völlig eigene Struktur auf. Das Gebiet ist durch den großen Platz selbst geprägt und die eigenwilligen öffentlichen Gebäude, allen voran den Dogenpalast und die Prokuratien, aber auch durch Bibliotheken und Museen, die Markuskirche und den Glockenturm. Der Platz mit seinen Gebäuden ist zugleich eine Inszenierung der Unangreifbarkeit, denn das Zentrum der Macht, der Dogenpalast, ist nie ? von den frühesten Anzeichen abgesehen - durch sichtbare Wehrbauten gesichert worden. Diese Symbolsprache war von großer Suggestionskraft für Menschen, deren Städte von Mauern und Gräben umlagert waren. Von noch größerer Ausdehnung ist das im Osten der Stadt gelegene Arsenal, das dem Schiffbau diente und noch heute militärischer Sperrbezirk ist. Seine Umgebung weist typische Kennzeichen eines Industrieviertels bzw. Hafens auf, ein Bezirk, in dem zeitweise über 10.000 Arbeiter beschäftigt waren. Am stärksten von der Anbindung an das Festland ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts der Westen der Stadt gekennzeichnet. Hier mündet die Freiheitsbrücke (Ponte della libertà), hier befinden sich daher auch der Bahnhof, ein Parkhaus und ein Bushalteplatz. Darüber hinaus endet hier ein Gleis bei der Stazione Marittima, die die Anbindung des Bahngüterverkehrs an den kleinen Hafen gewährleistet. Die Südseite der Stadt erstreckt sich heute als Flaniermeile von der Stazione Marittima bis zum Gelände der Biennale, unterbrochen vom Canal Grande und unter Einschluss des Bereichs vor dem Dogenpalast. Ähnliches gilt für die gegenüber liegende Nordseite der Giudecca, die fast als einzige noch industrielle Strukturen aufweist, wie die Stucky-Mühle. Rund um diesen Kernbereich der Stadt liegen zahlreiche Inseln, denen verschiedene Aufgaben zugewiesen wurden: eine Friedhofsinsel (San Michele), eine für die Glasbläser (Murano) oder für die Gemüseproduktion (Sant'Erasmo). Dem Festland oblag die Agrarproduktion, später die industrielle Produktion. Heute wird hier der Löwenanteil des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet, während die Altstadt immer mehr vom Tourismus geprägt wird. Sie ist es aber, die Venedig zu der ungewöhnlichen Stadt machte, die sie noch heute ist.

Hausbau

Die Stadt wurde auf Millionen von Eichen-, Lärchen- und Ulmenpfählen gebaut, die man in den sandigen und schlammigen Untergrund rammte. Je höher und schwerer die Häuser waren, umso sorgfältiger musste der Boden vorbereitet werden. Man hatte früh entdeckt, dass sich unter der Schlammablagerung fester Lehmboden, der caranto, befand, und dass sich auf Pfählen, die man in diese Schicht hineinrammte, hohe Gebäude errichten ließen. Dazu benutzte man die Stämme von Bäumen aus dem benachbarten Istrien. Die vorbereiteten Stämme wurden durch Bänder, Öl und Teer miteinander verbunden und auf diese Weise konserviert. Die Zwischenräume wurden mit Lehm verfüllt. Auf dieser ersten Ebene ruhte der so genannte Zattaron, eine Art Ponton aus zwei Schichten von Lärchenbohlen, die mit Backsteinen befestigt wurden. Auf den Zattaron stützen sich die Grundmauern und schließlich das oberirdische Mauerwerk. Nur diejenige Bodenfläche eines Hauses wurde mit Baumstämmen abgesichert, auf die tragende Mauern aufgesetzt wurden. Solange die Stämme luftdicht von Wasser umgeben waren, wurde der Verfall des Holzes verhindert. Die Bauten selbst wurden, um Gewicht zu sparen, mit leichten, hohlen Tonziegeln, den mattoni erbaut. Um die Illusion von Marmor oder istrischem Stein zu erzeugen, wurden Wände bei Bedarf mit einem besonderen Putz versehen (z. B. Stucco Veneziano). Um eine ungefähre Vorstellung davon zu erhalten, wie viele Stämme als Grundlage für größere Gebäude nötig waren: die Rialtobrücke ruht angeblich auf 12.000, der Campanile von San Marco auf 100.000 Stämmen. Die Kirche Santa Maria della Salute steht auf rund 1,1 Millionen Pfählen. Die Angaben in der Literatur zur Anzahl der verwendeten Stämme gehen allerdings auseinander, da sich eine genaue Zahl heute kaum noch ermitteln lässt. Viele Kirchen und Paläste sind, trotz deutlich erkennbarer Bemühungen, in schlechtem baulichen Zustand und müssten dringend renoviert werden, um sie vor dem endgültigen Zerfall zu bewahren. Gründe dafür liegen zum einen in dem seit Jahren steigenden Wasserspiegel, der viele der unteren Geschosse unbewohnbar macht ? rund ein Drittel der Wohnungen steht daher leer. Zum anderen liegt es daran, dass seit dem Ende der Republik Venedig die seit Jahrhunderten üblichen sorgfältigen Pflegemaßnahmen an Bauten und Kanälen vernachlässigt wurden. Das Strömungsverhalten von Ebbe und Flut wurde zusätzlich durch das Ausbaggern tiefer Fahrrinnen für die Überseeschiffe, die den Hafen von Venedig ansteuern, ungünstig beeinflusst, so dass Fundamente unterspült wurden (vgl. Lagune von Venedig). Im Baugefüge der Stadt spiegelt sich das Dreier-Verhältnis von Adel, Popolanen und einfachen Bewohnern anschaulich wider. Da gab es einerseits die so genannten case oder Paläste der Nobili (der Adligen), kleinere Wohnbauten der Kaufleute und die fondachi der auswärtigen Händler, die zugleich Lager, Werkstatt, Handelskammer und Herberge sein konnten, und zuletzt die ausgedehnten Mietskasernen des Volkes. Alle diese Häuser waren ? partiell bedingt durch den wenig tragfähigen Baugrund ? ungefähr gleich hoch. Dabei dominierten die adligen Bauten in der Frühzeit einzelne Inseln, so dass es erst ab dem Hochmittelalter zu einer zunehmenden Ballung der Paläste am Canal Grande kam, die sich heute sehr ausgeprägt niederschlägt. In vielen Quartieren ist die stärker gemischte Sozialstruktur noch heute erhalten, doch haben sich manche Quartiere zu regelrechten Armenvierteln entwickelt, wie etwa Sacca Fisola. Das Gebiet um das Arsenal bis zur Via Garibaldi kann eher als typisches Arbeiterviertel mit einer entsprechenden politischen Kultur angesprochen werden. Straßenzüge mit gleichen Funktionen wurden zwar hier und da bereits im Spätmittelalter durchgesetzt, wie etwa im Bereich des Rialtomarkts und um die Carampane, doch ließ sich dies mit der insularen Struktur nur schwer vereinbaren.

Straßen und Plätze

Neben unzähligen Gassen, Gässchen, Sackgassen, Durchgängen und Uferstreifen, die als calli, salizzade, rughe, liste, rami, sottoporteghi, rii terrà und fondamenta bezeichnet werden, sowie Plätzen (campi) und Plätzchen (campielli) gibt es in Venedig auch eine strada (Strada Nova) und drei vie (Via 25 Aprile, Via Vittorio Emanuele und Via Garibaldi). Viele dieser Verkehrswege tragen als Namen die Bezeichnung der ehemaligen, dort ansässigen Gewerbe, bzw. Berufsvereinigungen, sehr häufig mit dem Zusatz terrà, was einen zugeschütteten Kanal bezeichnet. Daneben erscheinen zahlreiche Heilige, deren Namen fast jeden Platz zieren, manchmal genügen aber auch beschreibende Namen, wie calle stretta (enge Gasse). Nur der Markusplatz wird piazza (Platz) genannt, ebenso die Piazza di Rialto. Die Piazzetta wiederum bezeichnet einen Teil des Markusplatzes. Der Platz mit dem Busbahnhof heißt Piazzale Roma. Die Hauptstraßen rughe (vom französischen rue) und die salizade von ?selciate?, d.h. die ersten mit richtigem Pflaster bedeckten Gassen, sind in ihrer Anzahl begrenzt. Calle werden die engeren Straßen genannt, und fondamenta heißen die Straßen längs der Kanäle, die auch als Fundament für die Bauten dienen. Lista ist das Stück Weg in der Nähe der wichtigen Paläste und der Botschaften, die eine besondere Immunität genossen. Die Mercerie sind die Straßen mit den Geschäften (merce = Ware), die rive (Ufer) verlaufen längs der Seitenkanäle, sind oft auch nur Treppen, die zum Wasser hinunterführen. Ein rio tera ist ein aufgeschütteter Kanal, ein ramo (Zweig) eine kurze Straße, die von einer calle oder einem campiello abzweigt. Der campo ist der Platz, an dem eine Kirche steht, ein größerer Freiraum, der früher Gemüsegarten oder Weideland für Pferde war. Campiello ist der von Häusern umgebene Platz, auf den die calli münden, corti sind die Innenhöfe der Häuser. Paludo erinnert daran, dass diese Gegend früher versumpft war, anstelle der pissine befanden sich Teiche, wo man baden und fischen konnte. Der sotoportego geht unter den Häusern hindurch (portego wird der Saal im ersten Geschoss genannt, der Weg führt also unter diesem Saal hindurch) und verbindet calli, campielli und corti.

Kanäle

]] Venedig besitzt ungefähr 175 Kanäle mit einer Gesamtlänge von ca. 38 km. Noch heute werden sie in erheblichem Umfang für den Warentransport genutzt. Die Hauptverkehrsader ist allerdings der Canal Grande, dazu kommen die Wasserwege außerhalb des historischen Zentrums. Wasserbusse (vaporetti) wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt. Für ihren Betrieb zeichnet heute die städtische Verkehrsgesellschaft ACTV (Azienda del Consorzio Trasporti Veneziano) verantwortlich. Diese Schiffe haben einen sehr flachen Rumpf, was ihren Tiefgang mindert. So sollten die Hausfassaden geschont werden, gegen die die Wellen mit enormen Kräften schwappen. Dies ist einer der Gründe, warum in Venedig strenge Höchstgeschwindigkeiten gelten, und ? grundsätzlich zumindest ? kein Vaporetto im Canal Grande wenden darf. Das Wasser in den Kanälen stand früher einmal nicht still, sondern hob und senkte sich alle sechs Stunden wie bei jeder Stadt am Meer. Der Gezeitenunterschied betrug allerdings nur 60 cm. Durch ein sehr raffiniertes, aber personalintensives System von Wasserregulationen wurde eine ständige Zirkulation gewährleistet, die die Stadt und das Wasser auch reinigte. Heute ist das Wasser der Kanäle aus mehreren Gründen kaum mehr in Bewegung ? abgesehen von der wechselnden Höhe der Hochwasser. Die Kanäle waren ursprünglich ausgelegt auf ca. 1,85 m Tiefe. Seit der Zeit der Dogen wurden sie nicht mehr gereinigt, d.h. seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Es sammelten sich Schlamm und Algen bis zu einer Tiefe von einem Meter an. Das führte nicht nur zu einem unangenehmen Geruch, besonders wenn der Wasserspiegel sank. Schlimmer war, dass dadurch die alten Kanalisationsanlagen blockiert wurden, außerdem waren viele Kanäle unpassierbar. Sie verloren ihre reinigende Wirkung und die Schadstoffe blieben im Schlamm, obwohl es Vorrichtungen an den Häusern gibt, um die Kanäle zur Reinigung absperren zu können. [4] Die Kanäle sind inzwischen nach und nach gereinigt worden. Damit ist nicht nur der Gestank der faulenden Algen verschwunden, sondern auch der überwiegende Teil der hochgiftigen Schlämme. Dennoch musste man konstatieren, dass die ursprünglichen Algenarten praktisch durch eingeschleppte Arten verdrängt worden sind.

Brücken

Nicht weniger wichtig als die Kanäle sind die ? angeblich ? vierhundertvierundvierzig Brücken von Venedig. Bis etwa 1480 waren diese überwiegend aus Holz, später wurden sie sukzessive durch Steinbrücken ersetzt. Außerdem hatten sie in der Frühzeit keine Geländer, während heute nur noch zwei ohne Geländer sind ? eine davon ist die Teufelsbrücke (Ponte del Diavolo) auf der Insel Torcello. Viele von ihnen waren sehr flach gebaut, wohl um sie auch für Pferde und Karren gängig zu machen. Die meisten Kanäle kann man als Fußgänger nur überqueren, nicht begleiten. Über den 3,6 km langen, so genannten Ponte della Libertà (Brücke der Freiheit) ist die Altstadt an das Festland angebunden. Drei Brücken überspannen den Canal Grande: neben der Rialto-Brücke, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts die einzige war, der Ponte degli Scalzi in Bahnhofsnähe und der Ponte dell'Accademia beim namengebenden Kulturinstitut. Beide wurden nach Entwürfen von Eugenio Mozzi 1934 bzw. 1933 von den heutigen Bauwerken ersetzt. Eine vierte Brücke, entworfen vom spanischen Architekten Santiago Calatrava, ist derzeit (Stand Mai 2008) in Bau. Sie wird die Piazzale Roma mit dem Uferstreifen (Fondamenta S.Lucia) östlich des Bahnhofs Santa Lucia verbinden. Eine der bekanntesten Brücken dürfte die Seufzerbrücke (Ponte dei Sospiri) sein, die die ehemaligen Bleikeller, die Piombi, also die Staatsgefängnisse, mit dem Dogenpalast verbindet. Die Strohbrücke (Ponte della Paglia), die den Rio di Palazzo (ebenfalls in der Nähe des Dogenpalasts) überspannt, heißt so, weil hier die mit Stroh beladenen Boote anlegten. Ein Ponte longo ist einfach eine lange Brücke. Andere Brücken heißen nach dem überspannten Rio, einem nahe gelegenen Palast oder einer Kirche, häufig nach einem Heiligen. Der Name Ponte Storto, der in Venedig wohl zehn Mal vorkommt, weist auf eine Brücke hin, die einen Rio schräg überquert. Eine Besonderheit stellt die jedes Jahr am 21. November geschlagene Brücke über den Canale della Giudecca dar, die die Kirchen Santa Maria del Giglio und Santa Maria della Salute verbindet. Auf ihr findet eine Prozession zum Dank für die Errettung von der Pest von 1575/76 statt (Festa del Redentore).

Verkehr

Handkarren

Venedig ist heute vor allem eine Fußgängerstadt. Im innerstädtischen Bereich wird der Lastentransport zu Land mittels Handkarren (carrelli) durchgeführt. Diese haben aufgrund der vielen Brücken eine besondere Form. Die Last ruht vorwiegend auf der Hauptachse, die vorderen Stützräder dienen dazu, den Karren über die Tiefe der nächsthöheren Stufen solange vorwärts zu schieben, bis die Räder der Hauptachse auf den vorhergehenden, niedrigeren Stufen aufgesetzt werden können. Die Transporteure (facchini, trasportatori) machen sich mit lauten Rufen wie ?atenzione? oder ?gamba? oder ?ocio`-cio`-cio`? bemerkbar und entwickeln mit ihren Lastkarren eine beachtliche Geschwindigkeit. Um die Belästigung des Fußgängerverkehrs so gering wie möglich zu halten, verfügte die Stadtverwaltung, dass diese ?carrelli a mano? eine Breite, inklusive der Achsen, von höchstens 80 cm haben dürfen. Weiterhin müssen die Karren mit Gummibereifung, sowohl an der Hauptachse als auch an den vorderen Stützrädern ausgerüstet sein. Die facchini sind verpflichtet, die Lastkarren mit größter Vorsicht zu handhaben, um Schäden an Personen oder Sachen zu vermeiden. Im Bereich der Laubengänge rund um den Markusplatz ist die Benutzung der Lastkarren untersagt. In der Zeit zwischen 10 Uhr und 13 Uhr sowie ab 20 Uhr bis 5 Uhr des folgenden Morgens ist der Transport mit den Karren in bestimmten Straßenzügen rund um den Markusplatz (z.B. Mercerie, Frezzerie) verboten. Die Karren müssen eine Tafel mit Angabe über den Eigentümer und dessen Wohnsitz tragen. Der Transport von über die Breite des Karren hinausstehende Lasten ist ebenso untersagt, wie das Parken der Karren auf den öffentlichen Wegen, auch während der Nachtstunden.

Wasserverkehr

Das bekannteste Verkehrsmittel Venedigs ist die Gondel, die allerdings fast nur noch dem Tourismus dient. Die Traghetti (Gondelfähren) bilden eine Ausnahme, denn hier werden Gondeln für den ganz gewöhnlichen Verkehr eingesetzt. Sie überqueren an acht Stellen den Canal Grande und bringen ihre Fahrgäste stehend von der einen Uferseite auf die andere. Dieser Pendeldienst ist sehr nützlich, da bisher nur drei, bzw. vier Brücken über den Canal Grande führen. Für den öffentlichen Personennahverkehr gibt es Vaporetti (Wasserbusse) und Wassertaxis (Motorboote). Die Vaporetti fahren in einem dichten Liniennetz auch die Nachbarinseln und das Festland an. Es gibt in Venedig mehrere 100 private Motorboote, die Denkmalschützer am liebsten verbieten würden, weil sie mit ihrem Wellenschlag die Substanz der Häuser zusätzlich gefährden. Hinzu kommen die Taxiboote und Hotelboote. Im August 1995 haben die Gondelfahrer den Canal Grande blockiert, um gegen den hohen Wellenschlag der Motorboote zu protestieren. Die hochtourigen Schrauben reichern das Wasser zudem mit Sauerstoff an und tragen so zur Bildung von Fäulnisbakterien bei, die die Holzfundamente zersetzen. Im November 2001 ist von der italienischen Regierung der ?Notstand? für Venedig ausgerufen worden. Danach sollte das Umweltministerium entschlossene und rasche Schritte zur ?Rettung Venedigs? ergreifen können. Neben den gondole und vaporetti gab und gibt es noch eine große Zahl von traditionellen Wasserfahrzeugen. Allein der Bauart sandoli sind Typen wie il ciosòto, lo s´ciopon, il buranelo, la sanpierota, il puparin, la mascaréta zuzuordnen. Der Familie der Gondeln gehören la barchéta da tragheto, gondolin, gondolon, dodesona, disdotona, balotina und mussin an.[5]

Bahn

In Venedig gibt es zwei Hauptbahnhöfe: Venezia Santa Lucia als Kopfbahnhof auf der Insel sowie der Knotenbahnhof Venezia Mestre im gleichnamigen Festlandsstadtteil, dem sich westlich ein stillgelegter, aber noch für den örtlichen Güterverkehr benutzter Rangierbahnhof anschließt.

Geplante U-Bahn

Unter Bürgermeister Paolo Costa wurde zuletzt die Schaffung einer U-Bahn-Linie mit direktem Ausstieg auf dem Markusplatz und Murano forciert. Costas Vorgänger und Nachfolger, der Philosoph Massimo Cacciari, seit April 2005 wieder im Amt, misst dem Projekt hingegen keine hohe Priorität bei, so dass mittelfristig nicht mit dem Bau zu rechnen ist.

Flughäfen

Venedig verfügt über drei Flughäfen: Flughafen Venedig und den von einigen Billigfluggesellschaften angeflogenen Flughafen Venedig sowie über einen kleinen Landeplatz für Privatflugzeuge auf dem Lido.

Umwelt

Hochwasser

Die Gebäude Venedigs sind auf Holzpfählen erbaut, die in verschiedene Schichten von Ton und Sand eingerammt sind. Die Technik der ?palificazione? hat sich, abgesehen von einer Mechanisierung, bis heute im Wesentlichen nicht geändert. Die Stadt ist oft von Hochwasser (Acqua Alta) bedroht. Am 4. November 1966 ereignete sich eine große Sturmflut mit einer Höhe von 194 cm über dem Normalpegel. Der Meeresspiegel in der Lagune liegt heute 23 cm höher als noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, teils wegen der inzwischen gestoppten Absenkung des Lagunenbodens durch Wasserentnahme und durch den allgemeinen Anstieg des Meeresspiegels. Ein Schleusensystem an den Hafeneinfahrten soll die Stadt vor den immer häufiger wiederkehrenden Hochwassern schützen. Das seit Ende 2004 in Bau befindliche Projekt MOSE Projekt Mose ('''''mo'''dulo sperimentale elettromeccanico) besteht aus 79 Schleusentoren auf dem Meeresgrund, die ab einem Hochwasser von 110 cm über dem Normalpegel durch Druckluft aufgerichtet werden sollen. Die Fertigstellung ist für 2014 vorgesehen. Kritiker führen gegen das Projekt an, dass der Meeresspiegel durch die weltweite Klimaerwärmung noch weiter steigen könnte und die Ökologie in der Lagunenstadt durch die Schleusen beeinträchtigt wird. In der Tat sind die zur Befriedigung der Bedürfnisse der Erdölindustrie (Industriehafen Porto Marghera) und des Fremdenverkehrs (Kreuzfahrtschiffe) immer weiter vertieften Hafeneinfahrten, darunter namentlich die nördliche bei Punta Sabbioni, ein Hauptproblem.

Wasserversorgung

Da Venedig durch die Lage in der Lagune keinen festen süßwasserführenden Grund unmittelbar unter sich hat, war man gezwungen, das Trinkwasser durch Sammeln von Regenwasser in Zisternen und Brunnen zu gewinnen. Lange Trockenperioden führten jedoch immer wieder zu großen Problemen bei der ausreichenden Versorgung der Bevölkerung. In diesen Zeiten war man gezwungen, unter großem Kostenaufwand vom Fluss Seriola Wasser herbeizuschaffen. Der Transport des Wassers oblag der Zunft der
Acquaroli, die mit ihren Holzbooten, den burchi, das Trinkwasser in die Stadt brachten. Die Republik veranlasste aus diesem Grunde des öfteren die Bohrung von artesischen Brunnen, die aber alle nicht sehr erfolgreich verliefen. Eine Zeit lang dachte man daran, vom Fluss Sile ein Aquädukt in die Stadt hinein zu bauen, doch ließ man auch dieses Projekt nach langem Hin und Her wieder fallen.

Im Jahre 1830 fand in Vicenza ein Naturalistenkongress statt, und die dort geführten Diskussionen führten dazu, dass man die Möglichkeit, Venedig mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen, ernsthaft ins Auge zu fassen begann. Man entschloss sich zu einer Bohrung bis zu 300 m Tiefe und hoffte, dort auf Wasserströme zu stoßen, die aus den Alpen kamen. Als man in 20 m Tiefe noch immer auf keine festen Schichten stieß, gab man den Versuch auf. Auch einem nochmaligen Versuch, einige Jahre später war kein Erfolg beschieden. Im Jahre 1848 entschloss sich die mit der Wassersuche betraute Gesellschaft, auf der Riva Ca' di Dio zu einer Bohrung bis zu rund 170 m Tiefe. Als man nach 145 m auf eine starke Wasserader stieß, war man derart euphorisch, dass man die Bohrung fortsetzte. Damit beschädigte man jedoch die abdichtende Stausohle des gefundenen Süßwassers und machte es unbrauchbar. Der Vorschlag des Londoner Unternehmens Ritterbant & Dalgairns, eine Wasserleitung von der Seriola in die Stadt hinein zu verlegen, stieß im Jahre 1875 auf positiven Widerhall. Allerdings musste man die Seriola von Moranzani bis zur Brenta bei Strà verlängern, damit sie auch das Wasser dieses Flusses führte. Am 31. Juli 1885 wurde die neue Wasserleitung in Betrieb genommen und sie bescherte Venedig eine ausreichende Versorgung mit Trinkwasser. Ritterbant & Dalgairns erstellte darauf einen weiteren Plan zur besseren Wasserversorgung und man schloss am 2. Mai 1889 einen Vertrag mit der Stadt, der im März 1891 durch die Inbetriebnahme einer neuen, sublagunaren Leitung erfüllt wurde. 1897 wurde Murano, 1900 die Giudecca, der Lido und andere kleine Inseln der Lagune an die Wasserleitung angeschlossen.

Am 18. Juli 1911 riss ein Schiff das Hauptrohr der Wasserleitung auf und binnen kürzester Zeit war das gesamte Trinkwasser durch das eingedrungene Brackwasser untrinkbar geworden. Aufwändige Reparatur- und Reinigungsarbeiten beseitigten den Schaden nur unzureichend, so dass 1912 mit den Arbeiten zum Bau einer neuen Wasserleitung begonnen wurde, die aber durch die Ereignisse des Ersten Weltkrieges unterbrochen wurden. Nach Kriegsende erfolgte jedoch sehr rasch die Fertigstellung. Die neue Leitung verlief über eine Länge von über 20 km von Sant'Ambrogio (Scorzé) bis nach S. Giuliano am Rande der Lagune. Eine doppelte Leitung, die teilweise am Lagungengrund verläuft, führte Venedig aus den Sant'Ambrogio-Quellen endlich ausreichend Trinkwasser zu. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden, nicht zuletzt durch die Erfordernisse des zunehmenden Massentourismus, am Festland laufend neue Quellen erschlossen und Wasserleitungen verlegt, so dass heute die Stadt eine Wasserversorgung gleich einer am Festland liegenden Stadt hat.

Muschelfischerei

Für Missstimmung zwischen Venedig und Chioggia sorgen die ?Caparossolanti?, die Muschelmänner, wie sie im venezianischen Dialekt heißen. Ende der 80er Jahre wurde von Züchtern die philippinische Venusmuschel (Tapes philippinarum), das ?schwarze Gold der Lagune? hier angesiedelt, die die heimischen Muscheln verdrängt hat. Sie gedeiht besonders in den von Industrieabwasser verschmutzten und aufgeheizten Gewässern. Die Caparossolanti fangen sie in ihren 150-PS-Booten mit eisernen Fangkörben in Sperrgebieten und reißen dabei den Lagunenboden auf. Über 1000 dieser Muschelmänner fischen mittlerweile (2006) in den Gewässern zwischen Chioggia und Venedig und verdienen dabei wesentlich mehr als die traditionellen Fischer, deren Lebensgrundlage sie gefährden. In nur 15 Jahren ist durch die neue Muschelsorte die Wasserwelt der Lagune ins Wanken geraten. Bekämpft werden die Caparossolanti von der Polizei in ihren ?gelben Flammen?-genannten Booten, die in Chioggia gefürchtet sind. Bereits fünf Muschelmänner sind dabei ums Leben gekommen. Es gibt ein ausgeklügeltes Informationssystem der Fischer untereinander, das über Handys und Computer funktioniert und vor allem nachts eingesetzt wird. Ihre Boote sind mit Radar ausgerüstet, so dass sie auch nachts und im Nebel manövrieren können. Die Einwohner von Chioggia betrachten die Philippinische Venusmuschel als Gottesgeschenk. Sie habe die Wirtschaft der Stadt beflügelt; wobei im Grunde eine Form der Kriminalität durch eine neue (die Umweltkriminalität) ersetzt wurde. Die Caparossolanti halten sich für den neuen wirtschaftlichen Motor der Stadt, in der es mittlerweile mehr Banken und Juweliergeschäfte gibt als Bäckereien.

Kunst und Kultur

Im gesamten Mittelalter war Venedig stark von der byzantinischen Kultur beeinflusst worden und erhielt im Spätmittelalter, ähnlich wie Florenz, neuerlich Impulse aus dem Osten, die eine wichtige Voraussetzung für die Renaissance bildeten. Flüchtlinge aus Konstantinopel brachten antike Werke in den Westen, man durchsuchte Bibliotheken nach den klassischen Schriften. Die eigenwillige Kunstentwicklung Venedigs reicht jedoch bis in die Frühgeschiche zurück und so unterscheidet sich der gotische Stil Venedigs sehr stark vom sonst gängigen Begriff der Gotik. Kunsthistorisch ist Venedig zur Zeit der Renaissance und des Barock von höchster Bedeutung: Es war der ?Gegenpol? zu Florenz und beherbergte viele Künstler wie Carpaccio, Giorgione, Giovanni Bellini, Tizian, Veronese und später Tintoretto, Giovanni Battista Tiepolo, Guardi und Canaletto. Der
venezianische Stil ist dem Florentiner komplementär: Während in Florenz mehr Wert auf Zeichnung und Komposition eines Bildes gelegt wurde, dominierten in Venedig Licht und Farbe.

Architektur

Kirchen

Venedig ist reich an Kirchen von der Romanik (Krypta von San Zaccaria) bis zum Barock, wobei der neben der Kirche stehende Glockenturm (Campanile) schon äußerlich besonders hervorsticht ? er ist im gesamten ehemals venezianischen Gebiet bis nach Zypern anzutreffen. Die Kirchen dienten der Gottesverehrung und zugleich der Repräsentation von Stadtvierteln, Ordensgemeinschaften und Berufsgenossenschaften. In ihnen stellt sich eine Kultur dar, der die Trennung von
religiös und säkular noch fremd war. Stilistisch zeigt sich die Sakralarchitektur ?konservativ? und selbstbewusst in der Zurückhaltung gegenüber römischen und europäischen Modetrends. Symbol Venedigs als Stadt und Republik war San Marco (Markusdom), der ursprünglich im byzantinischen Stil erbaute Schrein für die Gebeine des Evangelisten Markus, zugleich Staats- und Palastkirche der Dogen. 976 bis 1094 entstand nach der Zerstörung der Kirche eine Kreuzkuppelkirche nach dem Vorbild Konstantinopels. Noch früher entstand die Basilika auf Torcello, Santa Maria Assunta. Sie geht auf das 7. Jahrhundert zurück. Als älteste Kirche innerhalb Venedigs gilt San Giacomo di Rialto, wenn auch hier, wie an den meisten Kirchen starke bauliche Veränderungen vorgenommen wurden. Auch in San Giovanni Decollato (San Zan Degolà) ist noch Originalsubstanz in größerem Umfang erhalten, ebenso wie in San Giacomo dall'Orio, das allerdings überwiegend aus dem 14. Jahrhundert stammt. San Polo, entstanden im 9. Jahrhundert, wurde im 14. und 15. Jahrhundert im gotischen Stil umgebaut. Es trägt ein gotisches Portal aus der Werkstatt Bartolomeo Bon (vor 1410?1464/67), der auch die Ca' d'Oro errichten ließ. 1804 wurde die Kirche jedoch weitgehend umgebaut. Mit den im 13. Jahrhundert nach Venedig kommenden Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner entstanden Gebetsräume und schließlich große Bauwerke, wie Santa Maria Gloriosa dei Frari (Frari) und Santi Giovanni e Paolo (Zanipolo). Die einst verputzten Backsteinwände sind heute aufgrund von Entscheidungen der Denkmalpflege Anfang des 20. Jahrhunderts freigelegt. Eine weitere gotische Kirche ist La Madonna dell'Orto (nach 1377 vollendet, Fassade des 15. Jahrhunderts). Übergangsformen zur Renaissance weist bereits San Zaccaria im Sestiere Castello auf, möglicherweise durch den Florentiner Baumeister Michelozzo di Bartolomeo, der die Bibliothek des zugehörigen Klosters 1433?34 bauen ließ, durchgesetzt. Der erste Sakralbau der Renaissance in Venedig ist San Michele in Isola. Die Fassade von San Zaccaria weist Parallelen zu San Michele auf. Die von Mauro Codussi errichtete Kirche Santa Maria Formosa dürfte eine der bekanntesten Renaisancekirchen Venedigs sein, wobei sie eine Renaissance- und eine Barockfassade aufweist. Ab 1492 entstand Santa Maria dei Miracoli. Ein Beispiel für den Rückgriff auf die Kreuzkuppelkirche ist die um 1500 erbaute Kirche San Giovanni Crisostomo. Beim größten Kirchenbau des frühen 16. Jahrhunderts, San Salvador, bezieht man sich direkt auf San Marco. Die Technik der Inkrustation fand an Santa Maria dei Miracoli ihre höchste Vollendung. Herausragende Baumeister wie Jacopo Sansovino haben San Zulian, San Martino sowie den Innenraum von San Francesco della Vigna entworfen, Scarpagnino entwarf San Sebastiano. Andrea Palladio errichtete mit San Giorgio Maggiore, Il Redentore und der Fassade von San Francesco della Vigna richtungsweisende Bauten; Le Zitelle kann ihm wohl nicht mehr zugewiesen werden. Die Fassade von San Pietro di Castello steht in der Nachfolge Palladios, seine Formensprache erscheint noch lange nach seinem Tod in Bauten wie San Trovaso, San Staè und weiter bis ins 19. Jahrhundert. Zum Dank für das Ende der Pest im Jahr 1630 wurde die von 1631 bis 1638 erbaute Kirche Santa Maria della Salute erbaut, die bedeutendste barocke Kirche Venedigs, entworfen von Baldassare Longhena. Einige Kirchenfassaden dieses Jahrhunderts blieben unvollendet, wie Santi Apostoli, San Marcuola, San Lorenzo oder San Pantalon. Die Fassade der Pietà an der Riva degli Schiavoni wurde erst im 20. Jahrhundert vollendet, die Fassade der Gesuati-Kirche (nur in Venedig gab es diesen Orden, der nicht mit den Gesuiti (Jesuiten) verwechselt werden darf, die Santa Maria Assunta dei Gesuiti erbauen ließen) konnte nur durch die Spende eines vermögenden Patriziers zu Ende gebracht werden. Solche Geldmittel flossen auch den Kirchen von San Moisè und Santa Maria Zobenigo zu, die entsprechende Grabmäler der Stifter hüten. Andere Finanziers waren weltliche Gesellschaften, wie die Pinzocchere dei Carmini, die als Tertiarierinnen dem Karmeliterorden angehörten ? aus ihnen ging die Scuola dei Carmini hervor. Sie sorgten dafür, dass zwischen 1286 und 1348 die Kirche Santa Maria dei Carmini entstand. Auch andere Glaubensgruppen, wie die orthodoxen Griechen durften im 16. Jahrhundert Kirchen im Stadtgebiet erbauen. So entstand 1498 die Scuola di San Nicolò dei Greci, die ab 1548 die Kirche San Giorgio dei Greci errichten ließ. Auch die Protestanten durften eine Kirche errichten. 1706-1714 wurde der von Scamozzi begonnenen Theatinerkirche San Nicolò da Tolentino ein korinthischer Pronaos vorgeblendet. 1760 entstand die klassizistische Maddalena-Kirche. Im kreisrunden Außenbau findet man einen achteckigen Innenraum. Unter den von napoleonischem Klassizismus geprägten Kirchen ist San Maurizio hervorzuheben. San Silvestro wurde erst im vierten Jahrezehnt des 19. Jahrhunderts begonnen, in klassizistischer Formensprache, wie an der Accademia.

Profanbauten

===== Paläste ===== Ein Palast wird in Venedig im Allgemeinen als
Casa (abgekürzt Ca?) bezeichnet. In der öffentlichen Wahrnehmung gab es nur zwei Paläste in der Stadt, die als solche bezeichnet wurden: den Dogenpalast (Palazzo Ducale) und die Residenz des Patriarchen von Venedig. Von den so genannten byzantinischen Palästen gibt es heute nur noch wenige, und diese sind im 19. Jahrhundert weitgehend verändert worden. Einen guten Eindruck vom Palastbau des 13. Jahrhunderts gibt der Fontego dei Turchi, dessen Name zwar auf ein türkisches Handelshaus hindeutet, der jedoch auf einen Stadtpalast zurückgeht. Viel alte Substanz ist noch an der Ca' da Mosto (am Canal Grande nordwestlich der Rialtobrücke) erhalten. Die dekorativen Details des Komplexes Loredan und Farsetti, heute Rathaus und Kommunalverwaltung, entstammen weitgehend dem 19. Jahrhundert. Dennoch lässt sich die Fassadenkomposition einer typischen ?casa-fondaco? (abgeleitet vom arabischen ?funduq? = Lagerraum) noch klar ablesen: eine Arkadenreihe im Erdgeschoss, welche zum Ein- und Ausladen von Waren geeignet war und ein ebenfalls durchgehend aufgerissener Piano Nobile. Im Grundriss äußert sich dies in einem zentralen Saal, der sich zur Fassade T-förmig erweitert. Im Verlaufe der Gotik wurden die Saalproportionen steiler, und der T-förmige Grundriss wurde zugunsten eines leicht L-artigen, später nur noch gerade durchgehenden Saales aufgegeben. Der so genannte ?gotico fiorito? (keine Übersetzung sinnvoll) verwendet im 15. Jahrhundert an manchen Architekturen am Canal Grande Maßwerk, welches sich vom Dogenpalast herleitet. Der größenmäßig bedeutendste Bau ist die Ca' Foscari an der ersten Biegung des Canal Grande. Für die Ca' d'Oro (?Goldenes Haus?) wurde eine farbige Bemalung in Blau und Gold nachgewiesen. Bilder, insbesondere von Vittore Carpaccio und Gentile Bellini, lassen eine intensive Polychromie der gotischen Architektur erkennen. Bedeutende Häuser des 16. Jahrhunderts sind vor allem die beiden Paläste Mauro Codussis, die Ca' Vendramin und der Palazzo Corner Spinelli, ersterer mit einem Rückgriff auf einen T-förmigen Saal. Was den Profanbau angeht, so konnte, ganz im Gegensatz zum Sakralbau, Andrea Palladio in Venedig nie Fuß fassen. In seinen ?Quattro Libri? sind zwar Entwürfe für die Ca'Corner della Ca' Granda und den Palazzo Grimani überliefert, doch war die konservative Haltung der Venezianer in Bezug auf die architektonische Gestaltung Ihrer Heimatstadt hier nicht zu überwinden. Eben die nach Entwurf von Jacopo Sansovino entstandene Ca' Corner, ein am Canal Grande gelegener Palast der Familie Cornaro, ist ein epochemachender Bau der Hoch-Renaissance mit einen quadratischen Innenhof nach römischem Vorbild. Ein anderer bedeutender Architekt des Cinquecento (also des 16. Jahrhunderts), Sebastiano Serlio, konnte manche seiner Vorstellungen in Kooperation mit dem Patrizier Francesco Zeno bei dessen neu zu errichtendem Palazzo verwirklichen. Bis ins 18. Jahrhundert blieb man im Palastbau dem überlieferten Gebäudetyp weitgehend treu. Die letzten Großbauten, heute als Museen genutzt, sind die Ca' Pesaro, die Ca' Rezzonico und der Palazzo Grassi. Neben dem barocken Palazzo Grassi Baldassare Longhenas, gibt es auch Beispiele klassizistischen Palastbaus durch die Architekten Antonio Diedo und Andrea Tirali. ===== Die Libreria Vecchia ===== Das bedeutendste Werk des Architekten Sansovino ist die dem Dogenpalast gegenüber liegende Alte Bibliothek, die Libreria Vecchia von ca. 1540, ein für die Kunstgeschichte Venedigs wichtiger Bau. Sansovino hat in der Gestaltung der Fassade eine Idee aufgegriffen, die Mauro Codussi exemplarisch 1481-1509 durchgeführt hat, und zwar am Palazzo Vendramin-Calerghi. Es ging darum, eine Verbindung zwischen der in Venedig üblichen Arkaden-Reihe und der Kolonnadengliederung der florentinischen Renaissance herzustellen. Codussi hatte die Kolonnaden so genau proportioniert vor den Bogengang der Fenster gesetzt, dass sich zwischen beiden eine neue Einheit entwickelte, die kaum mehr erkennen lässt, dass es sich um zwei verschiedene Prinzipien handelt. Diese Fenster werden in Venedig nach ihrem Erbauer ?Codussi-Fenster? genannt. Dieses von Codussi eingeführte Prinzip der Übereinanderlagerung von alten traditionell-runden Bögen und Renaissance-Formen hat Sansovino in seiner Bibliothek in noch schönerer Form wiederholt. Beim Bau dieser Bibliothek brach allerdings vor der Vollendung 1545 ein Teil des Gewölbes ein, und Sansovino, der Architekt, wurde als der Verantwortliche ins Gefängnis gesteckt. Auf Intervention des kaiserlichen Botschafters, Tizians und Aretinos wurde Sansovino freigelassen; er musste den Schaden auf eigene Kosten beheben. ===== Die großen Scuole (scuole grandi)===== Als Scuole wurden die Zünfte, aber auch Laienbruderschaften bezeichnet, die sich karitativen und geistlichen Aufgaben widmeten. Sie waren nach Nationen organisiert, aber auch nach Berufsgruppen. Unter ihnen ragten die Scuole grandi hervor, die geradezu in einen architektonischen und künstlerischen Wettstreit traten, der ihre karitativen und berufsspezifischen Aufgaben zu überlagern drohte. Als älteste der im 16. Jahrhundert sechs Scuole grandi gelten die Scuole Santa Maria della Carità (ca. 1260) und San Teodoro (1258), denen 1261 die Scuola Grande di San Marco und die Scuola Grande di San Giovanni Evangelista folgten. Letztere verdankte ihren Aufstieg der Tatsache, dass sie 1369 eine Kreuzreliquie vom Patriarchen von Konstantinopel erhielt. Ähnlich prachtvoll sind die (unfertig gebliebene) Scuola Grande di San Rocco und della Misericordia (beide 1478) ausgestattet. An den im 15. und 16. Jahrhundert errichteten bzw. umgebauten Bauwerken haben Baumeister wie Pietro Lombardo und Mauro Codussi, aber auch Jacopo Sansovino entscheidend mitgewirkt. Bei der Innenausstattung waren es vor allem Tizian und Tintoretto. Im 17. Jahrhundert kam die Scuola Grande dei Carmini hinzu. ===== Kleinere Zunfthäuser ===== Im 15. Jahrhundert dürften 200 bis 400 Zünfte und sonstige Laiengemeinden von denen es mindestens 925 gab[6], Versammlungshäuser besessen haben, von denen einige bis heute bestehen. Zu ihnen hatten, im Gegensatz zu den Scuole grandi, die Adligen keinen Zugang. Auch sie waren teilweise nach Nationen organisiert (Albaner, Dalmater usw.), jedoch überwiegend nach handwerklichen Korporationen. Bis heute bestehen einige der Versammlungshäuser der Scuole piccole, beispielsweise am Campo Santa Margherita das Haus der Scuola dei Varotari, also der Gerber, oder am Campo San Tomà, das der Scuola dei Calegheri, der Schuhmacherzunft also. ===== Wohnhäuser ===== Von den frühen Wohnhäusern, meist aus Holz und Schilf errichtet, ist kaum etwas übriggeblieben. Im Lauf des Spätmittelalters setzte sich die Ziegelbauweise weitgehend durch, schon allein wegen der Stadtbrände, die etwa 1105 wüteten. Zugleich stieg der Bedarf an Holzpfählen, denn man drang mit der Bebauung zunehmend in morastiges Gelände vor. Dennoch geschah der Ausbau unter strenger Kontrolle, so dass trotz der Enge Plätze und Wege bestehen blieben, gelegentlich sogar Rückbauten oder Hausunterführungen erzwungen wurden. Schon ab 1294 mussten etwa Dachvorsprünge genehmigt werden, und Balkone sind vergleichsweise selten und oftmals sehr klein. Daher ragen nur wenige Häuser auf die engen Gassen. Folglich weicht man häufig auf die Dächer aus, um ans Sonnenlicht zu kommen (altana). Zugleich war die Bauhöhe begrenzt, was wiederum für niedrigere Stockwerke sorgte, besonders im Ghetto. So waren und sind die Wohnverhältnisse häufig beengt, wenn sich auch hinter den Fassaden häufig beeindruckende Räume verbergen. Heute bereiten die Feuchtigkeit in den unteren Geschossen und die enorm hohen Mieten die größten Probleme, was die Abwanderung seit Jahrzehnten beschleunigt. Zudem wird gerade in die unauffälligen Bauten wenig investiert. Dazu kommt, dass viele Häuser von Nichtvenezianern gekauft wurden, die nur selten anwesend sind. Außerdem haben viele Besitzer kein Interesse daran, ihre Wohnungen zu vermieten. ===== Hotels ===== Die meisten Hotels in Venedig unterstreichen ihren Stolz darauf, ihr Haus in einem der zahlreichen Paläste etabliert zu haben. In den 1940er Jahren war das anders. Das ehemalige Hotel Bauer-Grünwald (heute Bauer) nahe San Moisé ist ein Beispiel dafür, wie rücksichtslos auch hier gegen die vorhandene Bausubstanz vorgegangen wurde, indem ein gerade moderner Architekturstil durchgesetzt wurde. Von einem eigenen architektonischen Stil der modernen Hotels kann jedenfalls nicht gesprochen werden, wenn auch deren Tradition bis ins Hochmittelalter zurückgeht. ===== Öffentliche Gebäude ===== Nur wenige Gebäude in Venedig stammen aus einer Zeit, in der man von Öffentlichen Gebäuden sprechen kann. So waren Gebäude der Machtausübung oder der allgemeinen Vorratshaltung keineswegs öffentlich zugänglich. Hingegen sind einige Bauwerke des 20. Jahrhunderts, wie der Bahnhof S. Lucia, aber auch das Parkhaus oder der Busbahnhof, durch die die meisten Besucher Venedig erreichen, schon eher als solche Gebäude anzusprechen. Sie nehmen praktisch keinerlei Rücksicht auf die historische Bausubstanz und sind ? entsprechend andernorts entwickelter Vorgaben ? in die vorhandene Substanz gleichsam hineingetrieben worden. Die meisten Behörden und Institutionen der Stadt, einschließlich des Rathauses, finden sich heute in älteren Gebäuden, häufig Stadtpalästen und Handelshäusern, die noch am ehesten ausreichend Platz bieten. ===== Wirtschaftsgebäude ===== Venedig war eine Stadt der Seefahrer. So entstanden die meisten Gebäude im Zusammenhang mit dem Schiffbau. Neben dem Arsenal, das praktisch einen eigenen Stadtteil darstellte, war die Stadt durchsetzt von zahlreichen, kleinen Werften, den Squeri, von denen heute nur noch eine aktiv ist. Sie findet sich bei San Trovaso. den drei Getreidespeichern, die die Versorgung der Bevölkerung mit den Grundnahrungsmitteln Weizen und Hirse, später Mais und Reis sicherten, sind heute noch zwei erhalten: der Hirsespeicher (1423) bei S. Stae (heute eine Grundschule) und der Speicher für das Arsenal und die Flotte, das heutige Schifffahrtsmuseum. Der dritte stand dort, wo sich heute die Giardini Reali befinden, ein kleiner Park hinter den Prokuratien. Ebenso zentralisiert wie die Getreidelagerung war die des Mehls. Der Speicher befindet sich am Canal Grande, gegenüber dem Patriarchenpalast, am Rio terà San Silvestro. Ab dem 16. Jahrhundert kamen kleinere Speicher hinzu, wie der nicht leicht zu findende am Campo S. Margherita. Das Handelshaus der Deutschen (fondaco dei tedeschi) nahe der Rialtobrücke beherbergt heute die Hauptpost. Ähnliche Handelshäuser waren der Fontego dei Turchi u.a. Schließlich befindet sich am Rialtomarkt noch das Gebäude des Fischmarkts, das im 19. Jahrhundert im gotischen Stil errichtet wurde. Dazu kam im 16. Jahrhundert das Gebäude des Finanzministeriums, das sich ebenfalls an der Rialtobrücke befindet und das Gebäude des Banco Giro an der Piazza di Rialto, die inzwischen restauriert worden ist. An der Einfahrt des Canal Grande befindet sich das ehemalige Zollgebäude für die Waren, die vom Meer kamen, das daher Dogana da Mar hieß. Hier lagerten die teuersten Waren, wie Pfeffer und Safran, aber auch Salz. Für die Waren, die vom Festland kamen, aus Oberitalien also, gab es eine entsprechende Dogana da Terra. Die Zecca, von ihr sind die Wörter Zeche und Zecchine abgleitet, war der Ort, an dem bis 1797 die Münzen Venedigs geprägt wurden. Das wohl größte Bauwerk, das allerdings nur partiell als Wirtschaftsgebäude anzusprechen ist, sind die Prokuratien. Dort residierten die Prokuratoren, die nicht nur Verwaltungs- sondern auch Finanzierungsaufgaben hatten. Weitergehendes zum Thema vgl. Wirtschaftsgeschichte der Republik Venedig.

Skulptur

Akritanische Säulen

Den so genannten ?Akritanischen Säulen? direkt neben dem Markusdom wurde lange die Stadt Acre bei dem heutigen Haifa als Herkunftsort zugeschrieben. Von Acre leitet sich der Name dieser Säulen ab. Mittlerweile nimmt man an, dass sie aus Konstantinopel importiert und zwischen 524 und 527 hergestellt wurden.

Tetrarchen

In die an die Markuskirche angrenzende Ecke des Dogenpalastes integriert, steht die aus Syrien stammende Gruppe der Tetrarchen aus der Zeit um 300 n. Chr. Es handelt sich um Porphyrstatuen des spätrömischen Herrschers Diocletian und seiner Mitherrscher Maximianus Herculius, Constantius I. und Galerius. Diese Gruppe ist nicht nur wegen ihrer Seltenheit von Bedeutung. Wir haben hier in der Geschichte der spätantiken Plastik eine grundlegende Veränderung in der Auffassung von Herrscherbildnissen vor uns, nämlich einen Wandel von einer auf Majestät bedachten Darstellung ? siehe die Herrscherplastiken von Julius Cäsar oder Augustus ? zu einer ganz neuen Art von Verinnerlichung hin, für die der Körper kein natürliches Ausdrucksmittel von Macht mehr ist. Damit war der Weg zur frühchristlichen und byzantinischen Kunst beschritten.

Bronzeguss

Das berühmteste Reiterstandbild und zugleich das erste dieser Art seit der Antike ist das 1496 von Andrea Verrocchio geschaffene Bronzemonument des Condottiere Bartolomeo Colleoni auf dem Campo Santi Giovanni e Paolo.

Malerei

Die frühe, wohl stark von byzantinische Vorbildern beeinflusste Malerei ist wohl kaum noch fassbar, jedoch finden sich im Markusdom zahllose Mosaiken. Als Vertreter dieser byzantinischen Malerei noch im 14. Jahrhundert gilt Paolo Veneziano (vor 1333 bis nach 1358), der zwar gotische Elemente übernahm, aber noch keine Impulse der Frührenaissance verarbeitete. Mit Jacopo Bellini (ca. 1400?1470/71), der voll und ganz der Renaissance angehört, entwickelte sich vor allem mit den Exponenten Gentile (ca. 1429?1507) und Giovanni Bellini (ca. 1430?1516), Giorgione (1478?1510), Tizian (1477/90?1576) und Jacopo Tintoretto (1518?1594) eine maßgebliche venezianische Schule. Dazu zählen auch Jacopo Palma (um 1480?1528), Lorenzo Lotto (1480?1556) und Paolo Veronese (1528?1588) sowie Sebastiano del Piombo (1485?1547) und schließlich Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770). Das 18. Jahrhundert ist die Blütezeit der Veduten, mit denen vor allem Canaletto (Giovanni Antonio Canal, 1697?1768) verbunden wird. Aber auch im 20. Jahrhundert wurde diese Kunst von Virgilio Guidi (1891-1984) geübt. Sie geht aber schon weniger auf bestimmte Auftraggeber, wie städtische Institutionen oder Kirchen zurück, sondern stellt bereits ein Marktprodukt dar. Es fand mit der üblichen Grand Tour, mit der vor allem die jungen Adligen Europa kennen lernen sollten, aber wohl auch durch Schüler künstlerischen Unterrichts Verbreitung als Souvenir.

Glas

Glas wird zwar seit der Spätantike im Raum Venedig hergestellt,[7], jedoch begann der Aufschwung des Kunsthandwerks erst mit der vollständigen Verlagerung der Glasöfen nach Murano Ende des 13. Jahrhunderts.[8] Angelo Barovier gelang es Mitte des 15. Jahrhunderts Glas zu entfärben. Das ?crystallo?, ein mit Manganoxid entfärbtes Soda-Kalkglas, wurde in ganz Europa führend. Bis um 1600 war die venezianische Kunstfertigkeit hierin beinahe konkurrenzlos, und auch danach galt Glas à la façon de Venise im deutschen Sprachraum als unübertroffen. Barockes Schnittglas brach Venedigs Vorrang erst im 18. Jahrhundert. Die Einrichtung einer Glasfachschule auf Murano (1860) und die Gründung eines Unternehmens durch Antonio Salviati (1866), knüpfte bewusst an die Kunsttradition mit ihren dünnwandigen Flügelgläsern, Faden- und Netzgläsern (
reticella) an. Für den Jugendstil in Millefiori-Dekoren, stehen die Fratelli Toso. Glasgefäße der 50er und 60er Jahre sind von Farbe und Dekor her am Expressionismus orientiert, bunte Streifen- und geometrische Op-Art-Dekore in Vetro pezzato-Technik sind typisch für die Entwürfe von Paolo Venini, Fulvio Bianconi und Ercole Barovier. Dessen Sohn Angelo Barovier bezieht sich mitunter auf Vasarely.

Museen

Venedig besitzt eine große Zahl von Museen, die sich in ihren Schwerpunkten zwar stark unterscheiden, aber ganz überwiegend Kunstmuseen sind ? zumeist in Bauwerken, die selbst architektonische Kunstwerke darstellen. Die bekanntesten sind neben der Gallerie dell'Accademia, der Dogenpalast selbst und die Galleria G. Franchetti alla Ca' d'Oro. Dazu kommen die Ca' Rezzonico - Museo del Settecento veneziano, die einen Schwerpunkt im 18. Jahrhundert legt, das Museo Correr, das sich der Geschichte der Republik Venedig widmet und die Ca' Pesaro - Galleria Internazionale d'Arte Moderna, mit dem Hauptakzent auf moderner Kunst. Im Palazzo Grassi mit seinem Malereischwerpunkt und im Peggy-Guggenheim-Museum finden sich ebenfalls zahlreiche Ausstellungen. Hinzu kommen Museen für orientalische Kunst, für Stoffe, schließlich die Paläste selbst, von denen manche zu Museen umgewandelt wurden, wie die Ca' Mocenigo. Exponate zur Glaskunst werden im
Museo del Vetro im Palazzo Giustinian dargeboten.

Musik und Theater

Seit der Barockzeit ist Venedig eines der wichtigsten Zentren der abendländischen Musik, der Oper und des Theaters. Im nach Brandkatastrophen mehrfach wiederaufgebauten barocken Teatro La Fenice finden ganzjährig Symphoniekonzerte statt, die Opernsaison dauert von Dezember bis Juni. Weniger berühmt, aber im 18. Jahrhundert mindestens genauso extravagant war das Teatro Malibran, das nach einer spanischen Sängerin benannt ist. 1678 unter dem Namen Teatro di San Giovanni Grisostomo eröffnet, galt es bereits wenige Jahre später als größtes und schönstes Theater der Stadt, berühmt vor allem für die Aufführung von Opern, die seit 1637 in der Stadt aufgeführt wurden. Nur das Teatro Goldoni diente von Anfang an der Aufführung von Theaterstücken, nicht von Opern. Venedig ist bekannt für seine barocke Musik, vor allem Antonio Vivaldi (1678-1741) hat Weltruhm erlangt. Doch auch in der Musik des 20. Jahrhunderts brachte Venedig berühmte Musiker hervor, wie Luigi Nono, dessen Lebenswerk seit 1993 ein eigenes Archiv gewidmet ist.[9]

Biennale

Die Biennale von Venedig gilt als eine der wichtigsten internationalen Kunstausstellungen und wird seit 1895 alle zwei Jahre ? bei mehrjährigen Unterbrechungen in den Kriegsjahren ? zwischen Juni und November veranstaltet. Mittlerweile findet eine Unterteilung in Kunst, Musik, Tanz, Theater, Film und Architektur statt. Die Kunstbiennale findet in den ungeraden, die Architekturbiennale in den geraden Jahren statt. Die Filmfestspiele sowie das Festival für Musik, Tanz und Theater finden jährlich statt.

Die seit 1932 Ende August/Anfang September stattfindenden Filmfestspiele auf dem Lido gelten als das älteste und, neben dem Filmfestival Cannes und der Berlinale, als eines der drei bedeutendsten Filmfestivals weltweit.

Bildungswesen und Forschungseinrichtungen

Venedig hat drei Universitäten: Neben der in der Ca'Foscari untergebrachten, im 19. Jahrhundert gegründeten Universität gibt es eine
Internationale Universität, die "Venice International University" sowie die Universität für Architektur IUAV. Die Universität ging aus der 1868 gegründeten Scuola Superiore di Commercio hervor, die die erste Wirtschaftshochschule Italiens darstellte. Erst 1939 bzw. 1954 kamen die Sprachwissenschaften hinzu, Literaturwissenschaft/Philosophie und Industriechemie 1969, ein Jahr, nachdem die Ca'Foscari zur Volluniversität erhoben worden war. Rund 10.000 Studenten sind eingeschrieben. Mehrere Institute und Stiftungen haben sich in der Forschung Verdienste erworben. Hier sind vor allem das Ateneo Veneto di Scienze Lettere e Arti, die Deputazione di Storia Patria per le Venezie, das Istituto Veneto di Scienze Lettere e Arti, sowie der Museumsverband, die Musei Civici Veneziani zu nennen. Mit der Musikgeschichte befasst sich die Scuola di musica antica di Venezia. Mit der Archäologie der Region befasst sich Archeo Veneto. Dabei finden sich im Venezia Laboratorio di Cultura inzwischen 40 Einrichtungen zusammen. Dazu kommen Forschungsinstitute, wie das Deutsche Studienzentrum in Venedig, die sich der Geschichte und Kultur der Stadt widmen und auch Künstler fördern. Die Internationale Universität wird vor allem von der britischen Warwick University begleitet.

Tourismus

Die Stadt ist schon seit langem eines der beliebtesten touristischen Ziele in Europa. Berühmt ist sie vor allem für ihre besondere Lage im Wasser, ihre bewegte Geschichte, aus der zahllose bis heute erhaltene Kunst- und Bauwerke hervorgegangen sind, sowie für den Karneval in Venedig. Venedig steht auf der UNESCO-Liste der schützenswerten Kulturdenkmäler des Kontinents. Die Stadt zog 2001 ca. 14 Millionen Besucher an,[10] doppelt so viele wie Rom, und war damit die am häufigsten von Touristen besuchte Stadt. 2007 zählte man mehr als 8,8 Millionen Übernachtungen.[11] Offenbar haben die stark angestiegenen Preise zu einem Übernachtungsrückgang geführt, denn noch vor wenigen Jahren lagen diese bei rund 11 Millionen. Dieses Preisniveau wird an bestimmten Stellen, wie dem Markusplatz noch bei weitem überboten. So kostet dort ein Cappuccino mehr als das Fünffache des durchschnittlichen Preises, der sich aber auch schon vervielfacht hat. Eine einstündige Gondelfahrt (mit bis zu sechs Personen) ohne Gesang kostet 120 Euro, doch hängt dieser auch vom Verhandlungsgeschick ab. Eine Überquerung des Canal Grande bewirkt einen weiteren Zuschlag. Dieser immense Touristenstrom hat 1999 zu einer ungewöhnlichen Aktion der Stadtverwaltung geführt: Man warnte in Plakaten vor Venedig. Diese Aktion richtete sich gegen Tagestouristen, die der Stadt außer Belastung wenig einbringen. Diese damals neue Plakataktion von Oliviero Toscani warnte mit drastischen Fotos von Ratten, verschmutzen Kanälen und verfallenden Palästen vor den hässlichen Seiten Venedigs, um diejenigen Besucher abzuschrecken, die eine Postkartenidylle erwarten.

Städtepartnerschaften

Venedig unterhält mit folgenden Städten Partnerschaften. In Klammern das Jahr der Etablierung.
  • Sarajevo, Bosnien und Herzegowina (1994)
  • Tallinn, Estland
  • Suzhou, China (1980)
  • Nürnberg, Deutschland (1954)
  • Istanbul, Türkei (1993)
  • Kedke, Griechenland (2000)
  • Jingou, China (2001)
  • Thessaloniki, Griechenland (2003)
  • Fort Lauderdale, USA (2007)
Die Partnerschaft zwischen Venedig und Nürnberg wurde bereits 1954 geschlossen. Am 20. Oktober 1954 leisteten die Bürgermeister von Venedig und Nürnberg zusammen mit den Vertretern von Nizza, Locarno und Brügge auf dem Markusplatz den so genannten ?Verbrüderungseid?, in dem es unter anderem (in der deutschen Übersetzung) heißt: ?...Verpflichten uns am heutigen Tage feierlich, die ständigen Bande zwischen den Städteverwaltungen unserer Städte zu bewahren, auf allen Gebieten den Austausch ihrer Einwohner zu unterstützen und durch eine bessere gegenseitige Verständigung das wache Gefühl der europäischen Brüderlichkeit zu fördern...?. Am 25. September 1999 wurde auf dieser Grundlage zwischen Venedig und Nürnberg lediglich eine ?Neuaufnahme ihrer freundschaftlichen Beziehungen? beschlossen.

Persönlichkeiten

s. Liste der Persönlichkeiten Venedigs

Literatur

  • Peter Burke: Venedig und Amsterdam im 17. Jahrhundert, Göttingen 1993, ISBN 3-88243-264-0.
  • Ennio Concina, Piero Codato, Vittorio Pavan: Kirchen in Venedig. Hirmer Verlag, München 1996, ISBN 3777470104.
  • Peter Feldbauer, John Morrissey: Weltmacht mit Ruder und Segel. Venedig 800-1600. Essen 2004, ISBN 3-88400-419-0.
  • Richard Goy: Stadt in der Lagune. Leben und Bauen in Venedig. Stuttgart 1998, ISBN 3-89660-030-3.
  • Norbert Huse: Venedig. Von der Kunst, eine Stadt im Wasser zu bauen, Verlag Beck, München 2005, ISBN 3-40652-746-9.
  • Norbert Huse, Wolfgang Wolters: Venedig. Die Kunst der Renaissance. Architektur, Skulptur, Malerei 1460-1590. C. H. Beck Verlag, München 1996, ISBN 3406311083.
  • Gabriele Köster: Künstler und ihre Brüder. Maler, Bildhauer und Architekten in den venezianischen Scuole grandi, Berlin: Gebr. Mann 2007, ISBN 978-3-7861-2548-8
  • Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, 3 Bände, 1905-1934, Sciencia Verlag, Neudruck 1986, ISBN 3511012406.
  • Reinhard Lebe: Als Markus nach Venedig kam - Venezianische Geschichte im Zeichen des Markuslöwen, 2006, ISBN 3-93804718-6.
  • Gerhard Rösch: Venedig. Geschichte einer Seerepublik. Stuttgart 2000, ISBN 3-17-014547-9.
  • Giandomenico Romanelli (Hrsg.): Venedig: Kunst & Architektur. Könemann Verlagsgesellschaft, Köln 1997. 2 Bände, ISBN 3-89508-5928.
  • Giandomenico Romanelli, Mark E. Smith: Venedig. Darmstadt 1997, Hirmer Verlag, München 1997, ISBN 3777473901.
  • Franz Peter Waiblinger (Hrsg.): Venedig. Ein literarischer Reiseführer. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003, ISBN 3534165896.
  • Wolfgang Wolters: Architektur und Ornament. Venezianischer Bauschmuck in der Renaissance. Verlag Beck, München 2005, ISBN 3-406-448208.
  • Alvise Zorzi: Venedig. Die Geschichte der Löwenrepublik.'' Hildesheim 1992, ISBN 3546499743.

Einzelnachweise

  1. ^Unesco-Welterbeliste Nr. 394
  2. ^So etwa in der Berliner Ortslage Neu-Venedig, in Bamberg, Straßburg oder in Venice, Los Angeles. Eine Imitation einiger venezianischer Bauwerke stellt das Venetian Resort Hotel in Las Vegas dar.
  3. ^Wladimiro Dorigo, Storia delle dinamiche ambientali ed insediative nel territorio lagunare veneziano, 10. Mai 1994
  4. ^Nach den Informationen aus einer Fernsehsendung vom 5. Dezember 1990 im dritten Programm des Bayerischen Rundfunks zu schließen, war das Wasser der Kanäle nicht mehr in Bewegung. Eine chemische Analyse des Schlammes, die das zuständige Laboratorium in Maghera durchführte, ergab folgende Werte: Stickstoff total 5.600 Mg/Kg; Phosphor total 2.500; C.O.D. 286.000; Quecksilber 291; Cadmium 1.4; Blei 720; Arsen 177; Zink 2080; Chrom total 96; Kupfer 192; Nickel 136; Öle und Fette 8.000; Zahl in 100 ccm: Colibazillen total 920.000; Colibazillen Fäkalien 550.000; Streptokokken 170.000.
  5. ^Detaillierte Beschreibungen und Baupläne sind unter diesem Link abrufbar.
  6. ^Sie tauchen auch unter den Namen scuole d'arte, suffragi, sovvegni, fraterne und confraternite auf. Vgl. Gastone Vio, Le scuole piccole nella Venezia dei Dogi, Vicenza: Angelo Colla Editore 2004.
  7. ^Zusammenfassungen der Beiträge zur Konferenz der New Yorker Colgate-University ?Venice before San Marco. Recent Sudies on the Origin of the City? vom 5. bis 6. 10. 2001, zuletzt abgerufen am 9. Mai 2007
  8. ^Salvatore Ciriacono, Industria e artigianato, in: Storia di Venezia, Bd. 5, 523?592, hier 570
  9. ^Die deutschsprachige Version der Website: _rif1_.
  10. ^Der Spiegel 50/2001, S. 188
  11. ^Nach Angaben der Statistikseite der Città di Venezia.

Weblinks

  • Bellini - Giorgione - Tizian
  • Offizielle Seite der Stadt, englisch und italienisch
  • Zeittafel, weitere Beiträge zur venezianischen Geschichte, deutsch
  • Branson De Cou: Handkolorierte Glas-Dias von Venedig 1920 bis 1941 (The De Cou Archive, University of California, Santa Cruz)


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Martin Walser - Tod eines Kritikers (1)
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*Pages 1--148*
1
Martin Walser
Tod eines Kritikers
Roman


Erste Auflage 2002
Ó Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2002
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des
öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und
Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in
irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere
Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet,
vervielfältigt oder verbreitet werden.
Satz:
Druck:
Printed in Germany


1 2 3 4 5 6 – 07 06 05 04 03 02
1
2
FÜR DIE, DIE MEINE KOLLEGEN SIND
Q U O D E S T
S U P E R I U S
E S T S I C U T
I N F E R I U S
2
3
I. VERSTRICKUNG
Da man von mir, was zu schreiben ich mich jetzt veranlaßt fühle, nicht
erwartet, muß ich wohl mitteilen, warum ich mich einmische in ein
Geschehen, das auch ohne meine Einmischung schon öffentlich genug
geworden zu sein scheint. Mystik, Kabbala, Alchemie, Rosenkreuzertum
–,
das ist, wie Interessierte wissen, mein Themengelände. Tatsächlich
unterbreche ich, um mich in ein täglich mit neuen Wendungen
aufwartendes Geschehen einzumischen, die Arbeit an meinem
Buch Von Seuse zu Nietzsche. Es sind eher die Vorbereitungen zu diesem
Buch, die ich unterbreche, als die Arbeit an ihm. Inhalt: In die
deutsche Sprache kommt der persönliche Ton nicht erst durch Goethe,
von dem Nietzsche gierig profitierte, sondern schon durch Seuse,
Eckhart und Böhme. Weil das bürgerlich Geschriebene unsere
Erlebnis-und Fassungskraft besetzt hat, haben wir, das Publikum,
nicht wahrnehmen können, daß die Mystiker ihre Ichwichtigkeit
schon so deftig erlebt haben wie Goethe und wie nach ihm Nietzsche.
Nur waren sie glücklich und unglücklich nicht mit Mädchen, Männern
und Frauen, sondern mit Gott ...
Ich muß das erwähnen, weil durch mein sonstiges Schreiben gefärbt sein
kann, was ich mitteile über meinen Freund Hans Lach. Beide, Hans
Lach und ich, sind Schreibende.
Ich war in Amsterdam, als es passierte. Bei Joost Ritman war ich,
eingeladen, seine Sammlung anzuschauen. Mir ist kein Privater bekannt,
der so viele Specimena der Mystik, Kabbala, Alchemie und des
Rosenkreuzertums gesammelt hat wie Joost Ritman. Ich wohnte im
Ambassade, wo ich in Amsterdam immer wohne, ich las beim Frühstück den
NRC, den ich dort immer lese, und erfuhr, daß Hans Lach verhaftet
worden ist. Mordverdacht. Obwohl es bei mir, sobald ich im Ausland
bin,
zu den Erholungsqualitäten gehört, nur die jeweils ausländischen
Zeitungen zu lesen, besorgte ich mir sofort die Frankfurter
Allgemeine. Da las ich nun, Hans Lachs neuestes Buch Mädchen ohne
Zehennägel sei von André Ehrl-König in seiner berühmten
und beliebten Fernseh-Show SPRECHSTUNDE unsanft behandelt worden. Der
Autor habe den Kritiker, als der, wie es üblich sei, nach seiner
Fernseh-Show in der Bogenhausener Villa des Ehrl-König-Verlegers
Ludwig Pilgrim erschien, grob angepöbelt. Noch sei ungeklärt, wie es
Hans Lach überhaupt gelungen sei, sich Zutritt zu der Party zu
verschaffen, die Ehrl-Königs Verleger nach jeder SPRECHSTUNDE
in seiner Villa veranstalte. Auf der Gästeliste sei Hans Lach nicht
vorgesehen gewesen, weil es unüblich sei, Autoren, die unmittelbar
davor in Ehrl-Königs SPRECHSTUNDE „dran" waren, nachher zur Party
einzuladen. Hans Lach sei zwar selber Autor des PILGRIM Verlags,
aber an diesem Abend hätte er nach den Regeln des Hauses
nicht dabei sein dürfen. Hans Lach habe offenbar sofort gegen André
Ehrl-König tätlich werden
3
4
wollen. Als ihn zwei Butler hinausbeförderten, habe er ausgerufen: Die
Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Herr Ehrl-König möge sich vorsehen.
Ab heute nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen.
Diese Ausdrucksweise habe unter den Gästen, die samt und sonders mit
Literatur und Medien und Politik zu tun hätten, mehr als Befremden,
eigentlich schon Bestürzung und Abscheu ausgelöst, schließlich sei
allgemein bekannt, daß André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch
Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust. Auf dem Kühler von
Ehrl-Königs Jaguar, der am nächsten Morgen immer noch vor der Villa
des Verlegers stand, sei der berühmte gelbe Cashmere-Pullover, den
der Kritiker in seiner Fernsehshow immer um seine Schultern
geschlungen trage, gefunden worden. Von André Ehrl-König fehle jede
Spur. Es sei in dieser Nacht fast ein halber Meter Neuschnee gefallen.
München im Schnee-Chaos. Hans Lach sei schon am Tag danach unter
Verdacht gestellt und, da er kein Alibi nachweisen konnte und nicht
bereit war, auch nur eine einzige Frage zu beantworten, verhaftet
worden. Sein Zustand wird als Schock bezeichnet.
Ich konnte, als ich das las, gar nicht mehr richtig atmen. Aber ich
wußte doch, daß Hans Lach es nicht getan hatte. So etwas weiß man,
wenn man einen Menschen einmal mit dem Gefühl wahrgenommen hat.
Und obwohl ich über seine Freundschaften nicht viel weiß, beherrschte
mich, als ich das las, sofort eine einzige Empfindung: er hat außer
dir keinen Freund.
Ich rief sofort Joost Ritman an und sagte, daß ich sofort zurück nach
München müsse. Als ich noch sagen wollte, warum ich sofort zurück
müsse, merkte ich, daß das gar nicht so leicht mitzuteilen sei.
Ich sagte: Ein Freund ist in eine Not geraten.
Manchmal spricht man, wenn man
genau zu sein versucht, wie ein Ausländer. Weil ich zu hastig
aufgebrochen war, prüfte ich erst auf dem Bahnsteig, ob nichts
vergessen worden sei. Der Ausweis fehlte. Man hatte ihn an der
Rezeption erbeten und, weil ich es beim Aufbruch so eilig hatte,
vergessen, ihn mir wiederzugeben.
Hintelephoniert. Ein junger Asiate brachte ihn sofort. Ich
versäumte den Zug, den ich herausgesucht hatte, nicht. Aber nach einer
Stunde Fahrt blieb der Zug stehen, auf freiem, holländisch weitem
Feld. Und keine Erklärung.
Als einige Reisende schon laut wurden, endlich die Ansage: Deze trein
is afgeschaft. Wir mußten aussteigen, auf den Ersatzzug warten.
Für mich hing das alles mit Hans Lach, Ehrl-König und
München-Bogenhausen
zusammen. Mir sollte Zeit gegeben werden zu überlegen, ob ich wirklich
so überstürzt nach München zurückfahren sollte, mußte, durfte. Meine
Empfindung war unmißverständlich. Aber da, wo in einem gerechnet,
berechnet und geprüft wird, meldete sich die Gegenstimme. Sind Hans
Lach
und ich wirklich befreundet? Der bekannte, fast populär bekannte Hans
Lach und der im Fachkreis herumgeisternde Michael Landolf? Vielleicht
sind wir nur befreundet, weil wir keine fünf Minuten (zu Fuß) von
einander entfernt wohnen. Er in der
4
5
Böcklin-, ich in der Malsenstraße, also im Malerviertel des lieblichen
Stadtteils Gern. Wir passen beide besser hierher als nach Bogenhausen,
hat Hans Lach einmal gesagt. Er ist allerdings deutlich jünger als
ich.
Hält also noch mehr für möglich als ich. Wir haben einander fast ein
bißchen schamhaft gestanden, daß wir ohne die Gerner Nachbarschaft
kaum Freunde geworden wären. Er, immer mitten im schrillen
Schreibgeschehen, vom nichts auslassenden Roman bis zum atemlosen
Statement, ich immer im funkelndsten Abseits der Welt. Mystik,
Kabbala,
Alchemie. Aber nachdem wir uns bei dem auch aktuell tendierenden
Philosophieprofessor Wesendonck in dessen Grünwalder Villa
kennengelernt hatten, haben wir keinen Grund empfunden, uns nicht mit
einem sorgfältig betonten Auf Wiedersehn zu verabschieden. Zeitgeizig
sind wir beide. Wir sind keine sogenannten engen Freunde, vielleicht,
weil wir beide vorsichtig geworden sind. Ich noch mehr als er. Draußen
bei Wesendoncks haben wir uns zwar gleich bei unseren Vornamen
genannt.
Das heißt aber nur, daß wir beide in der Welt, besonders in der
englisch-amerikanischen, herumgekommen sind. Er hat mich gleich
bei der zweiten oder dritten Anrede Michel genannt. Das tun, nach
meiner
Erfahrung, nur die, die es gut meinen mit mir, oder, sagen wir, die
Herzlichen. Hans Lach ist eine Herzlichkeitsbegabung. Das spürte ich
sofort. Wir haben beide bemerkt und es auch nicht vor einander
verheimlicht, daß wir nicht zum engeren Kreis der hier Eingeladenen
gehörten. Beide in Gern wohnend, teilten wir nachher ein
Taxi, auch bei der Bezahlung, weil keiner sich vom anderen einladen
lassen wollte oder konnte.
Daß wir da beide gleich kleinlich waren, war mir sympathisch. Und wir
sagten uns auf dem Heimweg auch die Gründe auf, die uns diese
Einladung
beschert hatten.
Mich hat Wesendonck über die Kabbala ausgefragt, weil er ein Buch
Gershom
Scholems für die Süddeutsche rezensieren sollte. Daß ich, als mir
Wesendonck das mitteilte, den typischen Enttäuschungsstich verspürte,
gestand ich natürlich nicht. Ich, in nichts so zu Hause wie in Mystik,
Kabbala, Alchemie, wurde nicht um diese Buchbesprechung gebeten, wohl
aber der doch ganz und gar aktuell tendierende Wesendonck. Aber er
hatte,
bevor er mich ausgefragt hatte, selber gesagt, daß ihm diese
Besprechung
nur angeboten worden sei und er sie nur angenommen habe, weil er mit
Gershom Scholem befreundet gewesen sei. Hans Lach führte sein
Eingeladenwordensein darauf zurück, daß er in der Frankfurter
Allgemeinen gerade ungut behandelt, ja sogar richtig beschimpft worden
sei, als Populist. Und zwar von einem der Herausgeber persönlich.
Dadurch sei er für Wesendonck einladbar geworden. Wesendonck habe ihn,
Hans Lach, diesen Abend lang richtig geprüft, ob er in die
Wesendonckphalanx passe. Ich müsse ja bemerkt haben, daß Wesendonck
den Namen jenes Herausgebers immer mit dem Zusatz Faschist versehen
habe. Diese Schmähfloskel stammte
5
6
deutlich aus den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Aber die,
die sie damals im Mund führten, konnten offenbar auch jetzt, obwohl
selber deutlich gealtert, nicht darauf verzichten.
Obwohl ich nirgends dazugehöre – wer geschichtsträchtige Bücher
schreibt, kann die Abende nicht verplaudern –, kriege ich, weil ich,
wenn ich erschöpft bin, Zeitungen durchblättere, doch mit, wer gerade
mit wem und wer gegen wen ist. Den Rest sagt mir Professor Silberfuchs
im Kammerspiel-Foyer oder am Telephon. Er ist, wie er es selber
fröhlich ausdrückt, mit Gott und der Welt befreundet, und ich gehöre
zu seinen Telephonnummern. Er hat mein Mystik-Buch über alle Maßen
gelobt. In der Zeitung und im Radio. Dann mich angesprochen im Foyer
der
Kammerspiele. Er habe damit wirklich gewartet, aber als er mich zum
vierten Mal auf dem Platz zwei Reihen vor sich gesehen habe, habe er
sich und dann auch mich darauf hinweisen müssen, daß wir dem gleichen
Abonnement angehörten. Als er hörte, daß ich in Gern wohnte, sagte er
sofort: Hans Lach auch. Und sagte gleich noch dazu, daß er seinen
Spitznamen Hans Lach verdanke. Und er sei überhaupt nicht beleidigt.
Er finde, der von Hans Lach für ihn gefundene Spitzname könnte auch
bei Wagner in den Meistersingern vorkommen. Jetzt mußte ich doch
gestehen, daß ich seinen Spitznamen nicht kenne. Ach, rief er, wie
lustig. Sie sind der einzige in ganz München, der den nicht kennt.
Und es mache ihm überhaupt nichts aus, seinen Spitznamen
selber zu verbreiten. Silbenfuchs habe Hans Lach ihn genannt, nachdem
er, Professor Silberfuchs, den vorvorletzten Roman von Hans Lach in
irgendeiner Konversation ein Werk von grandioser Selbstbehinderung
genannt habe. Was man in München irgendwo sage, sage man immer der
ganzen Stadt. Zumindest in der Kulturszene. Die sei nirgends
so tratschselig wie in München. Das alles rauschte im Foyer auf mich
ein, weil ich, als er sich als Harlachinger ausgewiesen hatte, mich
zu Gern bekannte. Und Gern heißt für einen Professor der
Literaturwissenschaft Hans Lach. Hans Lach sei inzwischen, sagte er
noch schnell, weil das Klingelzeichen mahnte, doch fast schon zu
prominent für das liebe Kleinbürgerviertel. Der gehört längst nach
Bogenhausen, sagte der Professor. Und Ton und Schmunzeln konnten
bedeuten, der Satz sei auch ironisch gemeint gewesen. Daß ich nicht
nach Bogenhausen, sondern eben doch nach Gern gehörte, hatte der
Professor mit diesem Satz sicher nicht sagen wollen. Ich hatte nicht
vermeiden können, das herauszuhören.
Keine Polizei der Welt würde mich eines Mordes verdächtigen. Hans
Lach schon. Obwohl er den Mord so wenig begangen hat wie ich. Als
ich las, was über Hans Lach in der Zeitung stand, überlegte ich
nicht, ob er mich brauche oder nicht. Ich war nicht fähig, mir
vorzustellen, daß es in München und in ganz Deutschland mehr als
genug Menschen gäbe, die Hans Lach von diesem absurden Verdacht
befreien würden. Gar nichts konnte ich mir vorstellen. Nicht
einmal, daß ich aufdringlich wirken könnte. Er mußte Freunde haben,
die viel ernsthafter seine Freunde waren
6
7
als ich, der Zufallsnachbar. Mir ist sonst immer alles zu schnell
peinlich. Und jetzt gar nicht. Hin mußte ich. Sofort. Nach München.
Und hinaus nach Stadelheim.
7
8
2
Der Beamte, der mich an der Pforte abholte, sagte: Der Chef macht den
Besuch selber. Wie lang, fragte ich. Er: Wenn ich den Besuch machen
tät, könnte ich nur eine halbe Stunde erlauben, der Chef kann machen,
so lange er will. Der Herr Oberregierungsrat wußte also immerhin,
wer sein Untersuchungshäftling war. In einem polizeigrün gestrichenen
Raum wurde ich an ein rundes Tischchen in der Ecke gesetzt, dann kam
der Herr Oberregierungsrat mit seinem Häftling herein.
Hans Lach und ich am Tischchen in der einen, der Beamte an dem
Schreibtisch in der anderen Ecke. Als wolle er uns zeigen, daß er
unser
Gespräch nicht überwache, fing der Oberregierungsrat sofort mit dem
Aktenstudium an. Hans Lach sah mich an, zuckte mit den Schultern und
sagte mehr zu dem Beamten als zu mir hin: Rauchen darf man.
Der Beamte: Man darf. Der Herr Oberregierungsrat sei heute offenbar
besonders gut aufgelegt, sagte Hans Lach.
Ob er sich über ihn beklagen wolle, fragte der Beamte. Sie müssen
wissen, sagte Hans Lach zu mir, der Herr Oberregierungsrat fliegt
jedes Jahr in seinem Urlaub nach Nepal und bringt von dort Videos mir,
die er dann den Insassen hier vorführt. Hinter dem Berg, den Sie hier
sehen, sagt er dann, liegt ein englisches Hotel, in dem haben wir
schwedisches Bier getrunken. Der Herr Lach hat sich schnellstens über
mich informiert, sagte der Oberregierungsrat. Drückte aber durch den
Ton,
in dem er das sagte, aus, daß er weiterhin konzentriert sei auf seine
Arbeit, und an dem Gespräch dort am Tischchen nicht teilzunehmen
gedenke.
Das konnte nur heißen, Hans Lach und ich sollten nicht glauben, er
höre
unser Gespräch ab. Beamte sind viel fleißiger, als man denkt, sagte
Hans
Lach. Dann sagte er nichts mehr. Wenn der Beamte noch etwas gesagt
hätte,
hätte er sicher auch noch etwas gesagt. Er sah mich zwar an, aber
nicht so, daß ich hätte fragen können: Wie geht es Ihnen. Er sah mich
kein bißchen erwartungsvoll an oder neugierig. Er gähnte. Wollte das
Gähnen aber höflich verbergen. Je länger ich ihn anschaute, desto
weniger
war es mir peinlich, daß ich nicht wußte, wie ich das Gespräch
beginnen sollte. Ich war gekommen, um ihm zu sagen, daß ich wisse,
er sei es nicht gewesen. André Ehrl-König hat sich durch seine Art,
über Schriftsteller zu urteilen, sicher viele zu Feinden gemacht.
Warum sollte sich ausgerechnet Hans Lach so vergessen! Es gab andere,
die viel schlechter weggekommen waren. Durch Professor Silberfuchs
hatte
ich aus dieser Szene immer viel mehr erfahren als ich wissen wollte.
Ich hoffte, Hans Lach begriff, warum ich gekommen war. Ich wollte
etwas
tun für ihn. Daß ich gekommen war, war ein Angebot. Er mußte darauf
reagieren. Er sah mich ruhig an, vollkommen ruhig. Er erwartete nichts
von mir. Wahrscheinlich hatte sein Verleger schon die besten Anwälte
zusammengespannt. Wahrscheinlich empfing er an diesem Tischchen
täglich
8
9
seine Freunde und Freundinnen. Ich kam mir plötzlich ganz überflüssig
vor. Ich hätte wirklich in Amsterdam bleiben sollen, Joost Ritmans
Kabbala-Blätter anschauen,vergiß München, morgen wird das Feuilleton
der
Republik Hans Lach feiern, er wird Interviews und Interviews geben,
das
arme Schwein, der wirkliche Mörder, wird sein Geständnis
herausstottern,
die Mutter eine Prostituierte, er aufgewachsen im Waisenhaus, vom
Kaplan
vergewaltigt, seit dem siebzehnten Lebensjahr straffällig, mit
achtundzwanzig – grade wieder mal aus dem Knast entlassen – schreibt
er
sein Leben auf, schickt das Manuskript André Ehrl-König, der läßt ihm
durch seine Sekretärin mitteilen, daß er keine Anlaufstation sei für
verpfuschte Biographien, also keimt in dem Knastheini eine Wut, er
sieht
Ehrl-König im Fernsehen, er fragt sich durch, ein Pförtner verrät ihm,
wo gefeiert wird, nichts wie hin, gewartet im fallenden Schnee, bis
der
Star kommt, zugestochen ...
Entschuldigen Sie, bitte, daß ich gekommen bin. Das konnte ich auch
nicht sagen. Es war übereilt. Ein Gefühl eben. Gefühle sind immer
übereilt.
Gefühle dürfen übereilt sein. Gefühle müssen übereilt sein. Basta. Zum
Glück brauchte er mich nicht. Was hätte ich denn tun können für ihn?
Aber
er sah mich nicht an, als wollte er sagen: Was wollen denn Sie hier.
Er sah mich ruhig an. Tendenzlos. Fast ohne jede Stimmung. Er kratzte
mit
einer Hand auf dem Handrücken der anderen. Er nahm mir nichts übel.
Daß
wir beide so sitzen konnten, ohne etwas zu sagen, daß dieses
Nichtssagen
überhaupt nicht peinlich war, das empfand ich als eine Art
Übereinstimmung
mit ihm. Er fand, daß ich gekommen war, nicht aufdringlich. Mit wem
hätte ich eine Stunde lang so sitzen können, ohne etwas zu sagen! Mit
wem
hätte er ... ach, erschon eher, er war es vielleicht gewohnt, daß man,
wenn er nichts sagte, auch nichts sagte.
Wenn ich, obwohl er so
deutlich nichts sagen wollte, doch angefangen hätte, etwas zu sagen,
irgendeinen Verlegenheitsquatsch, dann hätte ich die Situation
verfehlt.
Die Prüfung nicht bestanden. Das ist eben so. Der Prominente kann sich
benehmen, wie er will, er benimmt sich richtig. Nur du kannst etwas
falsch
machen. Selbst wenn du dieses Ritual überhaupt nicht anerkennst, du
verhältst dich doch genau so, wie es von einem wie dir erwartet wird.
Aber jetzt sei zufrieden, daß du einer Schweigestunde
verlegenheitsfrei
standgehalten hast. Mensch. Freibleibend. Was soll das jetzt? Weiß
nicht.
Einfach das Wort, das mich jetzt anzieht.
Freibleibend ...
Es war der Beamte, der sagte, es sei Zeit. Ich fand es erstaunlich,
daß er das Schweigen nicht kommentierte. Er hätte doch sagen können,
er
wisse es zu schätzen, daß die beiden Herrn ihn so gar nicht bei seinem
Aktenstudium gestört hätten. Aber daß er das Schweigen gar nicht
erwähnte,
war noch besser. Niveau, dachte ich, der Herr Oberregierungsrat hat
Niveau.
Beide gingen mit mir bis zum Pförtner. Da ich nicht jetzt noch etwas
durch
banalen Sarkasmus oder
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halbgare Ironie verderben wollte, verabschiedete ich mich sozusagen so
stumm, wie ich bis dahin gewesen war. Aber ich vermied es, das
Nichtssagen
pathetisch werden zu lassen. Hans Lach zog ganz zuletzt noch ein paar
Seiten, von Hand beschriebene, aus seiner Jackentasche und übergab sie
mir. Sein Blick dazu war nichts als sachlich. Draußen in der
beglückend
kalten Winterwelt merkte ich erst, wie warm es da drinnen gewesen war.
Wie oft bei Behörden, überheizt. Auf der Heimfahrt wurde mir
(wieder einmal) bewußt, wie wenig man von sich braucht, um ein Auto
durch
eine Stadt zu lenken, die man kennt. Ich dachte nur an ihn, sah nur
ihn
vor mir, wurde nicht fertig mit ihm, weil, was mir dort alsRuhe
vorgekommen
war, jetztgar nicht mehr so vorkam. Tendenzlos, ja. Aber ruhig? Sein
Bild in
meiner Vorstellung, sein immer ungeschützt wirkender Blick, die
rötlichen
Haare, kurze, sich gleich wieder dem Kopf zubiegende Haare, rötlich
grau.
Würde er sie wachsen lassen, gar nichtvorstellbar, daß das je lange
Haare
wären. Eine zu hohe, zu runde Stirn. Flache Augenhöhlen. Ach, Hans
Lach.
Ich schaute und schaute ihn an. Und wußte doch, daß er mir nicht ruhig
gegenübergesessen hatte, sondern ... Rauchend. Nicht einmal die von
ihm gerauchten Zigaretten hatte ich gezählt. Und hätte wirklich Zeit
gehabt.
Na ja. Hans Lach. Ich mußte durchprobieren, wie dieser Name in den mir
geläufigen europäischen Sprachen klingen würde. Suchte ich eine
Fluchtmöglichkeit? Ich hoffte, nicht.
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Am meisten ist Gern noch das, was es einmal gewesen sein muß, wenn der
Schnee alles zudeckt, alles neuerdings Dazugebaute. Und das gelingt
dem
Schnee fast jeden Winter ein-, zweimal. Wenn dann die Straßen nicht
geräumt werden, die schwarzen Menschen, Gleichgewicht suchend, durch
die Luft rudern, dann kann ich arbeiten. Hätte ich arbeiten können,
wenn ich nicht in dieses Geschehen hineingeraten wäre. Ich kam heim
und merkte, daß ich immer noch nicht wußte, wie es Hans Lach ging.
Dieses Schweigen. Ach was, Schweigen. Da lernt man Wörter kennen!
Wenn sie nicht taugen! Dieses Voreinandersitzen und Nichtssagen. Das
kann man doch nicht Schweigen nennen. Er tat mir leid. Das war es.
Jetzt erst gestand ich es mir ein: er tat mir leid, weil ich glaubte,
daß er es getan haben könnte. Für mich war es immer die
fürchterlichste
Vorstellung überhaupt: jemanden umgebracht zu haben. Manchmal – sehr
selten zum Glück – träumte ich das: du hast jemanden umgebracht,
man ist schon auf deiner Spur, du siehst deiner Überführung entgegen,
du mußt, um das zu verhindern, noch jemanden umbringen. Die Tage nach
solchen Träumen sind immer die glücklichsten Tage überhaupt. Den
ganzen Tag könnte ich summen vor Glück: du hast keinen umgebracht,
Halleluja. Ich war von Amsterdam so jäh weggefahren, ich mußte sofort
hinaus nach Stadelheim, weil ich glaubte, er könnte es doch getan
haben.
Und fürchterlicher konnte nichts sein. Also hin zu ihm. Dann sitzen
und
nichts sagen. Einfach weil man, wenn jemand jemanden umgebracht hat,
nichts mehr sagen kann. Jetzt merkte ich, daß mir der Tote kein
bißchen
leid tat, nur der Täter. Der Tote leidet doch nicht mehr. Aber der
Täter ... der kann keine Sekunde lang an etwas anderes denken als an
die Sekunde der Tat. Ich müßte mich, wenn mir das passierte, sofort
selber umbringen. Nicht, um mich zu strafen, nicht, um zu sühnen.
Nur weil es nicht auszuhalten wäre, dieses ewige, unablässige
Drandenkenmüssen. Und der saß mir gegenüber, sah mich an, ruhig.
Das habe ich mir eingeredet. Ruhig. Er war erledigt, zerquetscht, er
hatte sicher immer noch keinen ruhigen Schlaf gefunden. Die Augen.
Jetzt erst verstand ich diesen Blick. Dieses vollkommen Tendenzlose.
Keine Gesellschaft, bitte. Keine Teilnahme. Achten Sie, bitte, mein
Nichtinfragekommen für alles. Ich komme in Frage nur noch für nichts.
Und diesen Ausdruck hatte ich für ruhig gehalten. Halten wollen.
Etwas Unwiderrufliches getan haben.
Ich konnte nicht sitzen bleiben, mich nicht vom Winterbild draußen
einwiegen lassen, ich rannte im Zimmer hin und her, bis mir Lachs
Handgeschriebenes einfiel. Und las. Es waren Seiten eines
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DIN A5-Blocks. Mit Linien, an die sich der Schreiber, weil sie ihm zu
weit auseinander standen, nicht gehalten hat. Die Handschrift war
schwer lesbar. Lieber Michel Landolf, las ich, hier ein paar Notate
aus der
Ettstraße. Zwei Tage und zwei Nächte. Bitte, aufbewahren für was auch
immer. Herzlich Ihr Ex-Nachbar Lach. Ich las:


Versuch über Größe. Zuerst das Geständnis, daß Denken mir nichts
bringt. Ich bin auf Erfahrung angewiesen. Leider. Erfahren geht ja
viel langsamer als denken. Denken kann man schnell. Denken geht
leicht.
Denken ist keine Kunst. Denken ist großartig. Durch Denken wird man
Herr
über Bedingungen, unter denen man sonst litte. All das ist Erfahren
nicht. Nach meiner Erfahrung, der ich neuestens bis zur
Unerträglichkeit
ausgesetzt bin. In einem Satz gesagt: Immer öfter merke ich, daß
Menschen,
mit denen ich spreche, während wir mit einander sprechen, größer
werden.
Ich könnte auch sagen: Ich werde, während wir sprechen, kleiner. Das
ist eine peinliche Erfahrung. Und am peinlichsten, wenn das öffentlich
vor sich geht. In einem Restaurant. Oder – am allerschlimmsten – im
Fernsehstudio. Katastrophal ... Aber – und das ist die neueste
Erfahrung
überhaupt – auch wenn andere Leute in einer gewissen Art über mich
sprechen, werde ich kleiner. Und das, ohne daß ich mit diesen Leuten
zusammen bin oder auch nur weiß, daß die gerade über mich sprechen.
Ich sitze zu Hause anmeinem Arbeitstisch, und wenn ich aufstehen will,
reichen meine Füße nicht mehr auf den Teppich hinab, auf dem mein
Schreibtischstuhl steht. Das ist nicht so schlimm, weil ich auf meinem
Keshan, wenn ich vom Stuhl hinunterspringe, weich lande. Und – das
ist bei dieser Erfahrung das Wichtigste und eigentlich auch das
Schönste – nachts regeneriere ich mich. Jeden Morgen, wenn ich
aufwache, habe ich wieder meine alte Größe. Bis jetzt.
Einszweiundachtzig. Seit ich diese Erfahrung des Schrumpfens und
Wiederwachsens mache, messe ich mich jeden Tag. Tatsächlich genügt
es, um wieder die Normalgröße zu gewinnen, nicht, wach im Bett zu
liegen. Ich muß schon schlafen.
Und nicht jeder Schlaf bringt gleich viel Regeneration. Inzwischen
messe ich mich abends und morgens. Wenn mir abends öfter mal zehn
Zentimeter fehlen, fehlen mir nach nicht ganz störungsfreiem Schlaf
doch noch zwei oder drei Zentimeter. Ich habe von Schuhen gehört,
die so geschaffen sind, daß man in ihnen zwei bis drei Zentimeter
größer ist, und man erkennt von außen nicht, daß es sich um eine
Schuhkonstruktion handelt. Nach so etwas werde ich jetzt auf jeden
Fall suchen. Nach traumlosem Schlaf, in den die Welt also nicht
hineinwirkt, habe ich immer meine einszweiundachtzig. Ich glaube
noch nicht, daß das Ganze ein Problem für den Psychiater oder
Psychotherapeuten ist. Ich werde dieser Erfahrung mit Aufzeichnungen
folgen, sie dadurch anschaubar und vielleicht sogar überwindbar
machen.
Allerdings: Erfahrungen sind
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nicht so leicht beherrschbar wie das Denken. Durch Denken herrscht man
ja selber. Erfahrungen ist man eher ausgeliefert. Aber sie
aufzeichnen,
hilft. Das ist auch eine Erfahrung.


So weit war ich gerade, als das Telephon läutete.
Kriminalhauptkommissar Wedekind vom K 111. Der Leiter einer
Mordkommission für vorsätzliche Tötungsdelikte, jetzt beauftragt mit
den Ermittlungen im Fall Ehrl-König/ Lach. Von meinem Schweigebesuch
hater gehört, er bittet mich, trotzdem nicht aufzugeben. Ich sei
immerhin der einzige von allen, die um Besuchserlaubnis gebeten
hätten,
den Herr Lach empfangen habe. Mich und seine Frau Erna, alle anderen
habe er abgelehnt. Er müsse seinen Schweigestreik beenden. Das sei
überhaupt keine Taktik, die Erfolg haben könne. Wahrscheinlich
spekuliere
Lach darauf, daß wir ohne Leiche keine Anklage zustande bringen.
Da täuscht er sich. Wir haben den blutgetränkten Pullover des Opfers.
Die Schneemassen in der Mordnacht begünstigen momentan den Täter, und
in einem Poeten kann das die Illusion fördern, der Schnee werde, was
er in dieser Nacht begrub, im Frühjahr mit sich nehmen. Vielleicht ist
die Leiche über die Thomas-Mann-Allee hinüber und dann d